Fröhliche Schenker, es gibt sie

Noch schrecklicher als Weihnachten ist nur das Geschenkekaufen. Denkt man sich. Und trifft auf lauter Vergnügte.

Die Menschen auf der Bahnhofstrasse strahlen gute Laune aus. Fotos: Fabienne Andreoli

Die Menschen auf der Bahnhofstrasse strahlen gute Laune aus. Fotos: Fabienne Andreoli

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Auf dem Weg zum ersten Laden muss man an die Geschichte denken, die man erzählt bekommen hat: von jenem netten Deutschen, der von der überschwänglichen türkischen Familie nebenan zum Znacht eingeladen wurde und sich mit einem Geschenk ­bedankte. Süssgebäck, herzlich, aber nicht besonders.

Am nächsten Tag fand er eine immense Pralinenschachtel vor der Tür, die ihn so beschämte, dass er mit erlesenen Weinflaschen reagierte. Die türkische Familie fand ­etwas noch Teureres, und so eskalierte der Geschenke­kauf bis zu dem Ausmass, da es der nette Deutsche mit Metakommunikation probierte. Aber es half nichts, weil die Türken von nebenan in einer Schenk-oder-Scham-Spirale gefangen waren und es für sie nicht einmal vorstellbar war, den netten Deutschen nach seinen Geschenken nicht mit so viel luxuriöseren Gegengaben zu beschämen.

Und es kommt alles anders

Kurz: Das Grundgefühl auf dem Weg zur Bahnhofstrasse, dem ­Inbegriff von Luxus, Protestantismus und Dekadenz, tendiert zum Misstrauischen. Man hat sich festgelegt, was einen erwarten wird: hoch gestresste Verkäufer, ungeduldige Kunden, quengelnde Kinder, anders gesagt: dieBestätigung der Weihnacht und ihrer obligaten Einkäufe als ein Epizentrum von Gier, Frustration und Heuchelei.

Was Journalisten an der ­Realität nicht ausstehen können: Dass sich diese nicht so verhält wie von ihnen geplant. Mit finsteren Absichten war man hergefahren, um dann die Mutter aller Kapitalismuskritiken zu verfassen, höhnisch das reiche Elend zu beschreiben, seinen Ekel mehrspaltig auszubreiten. Aber es kommt alles anders. Denn die Menschen auf der Bahnhofstrasse strahlen eine unausstehlich gute Laune aus. Grossväter ­lachen mit Enkeln, Paare küssen sich mit einer lasziven Ausführlichkeit, und auch die Einzelnen marschieren vergnügt.

In den Läden wird es noch schlimmer. Verkäuferinnen scherzen mit ihren Kunden, Einpackerinnen packen kennerhaft ein, ein Wort gibt das andere, und je länger man nach der Bestätigung seiner mürrischen These forscht, desto mehr muss man realisieren, dass sie sowas von nicht stimmt.

Schenken macht froh

Alle möglichen Studien bestätigen, dass Schenkende glücklicher sind als Beschenkte. Und soweit man das beurteilen kann, nicht streng wissenschaftlich, aber leichtfüssig die Bahnhofstrasse auf und ab, haben die Studien recht. Das fängt schon bei der Einpackerin an. Wie sie ihre Kunden denn wahrnehme: «Die Leute kommen sehr ­gestresst und gehen sehr entspannt», sagt sie mit einer Fröhlichkeit, die frei ist von jeder ­Eitelkeit, zumal sie als Nächstes sagt: «Es ist schön, für sie die ­Geschenke einzupacken.»

Die resolute Frau, die sich eben ein Buch einpacken liess, erzählt präzis und begeistert – eine nicht so häufige Kombination – sie habe für ihren geliebten Onkel eine Biografie von Joachim Gauck gekauft. Also dem unerschrockenen Pastor, der als Bundespräsident der Bundes­republik Deutschland amtete und als Stasi-Jäger das kollektive Unrecht seiner ostdeutschen Heimat recherchierte.

Die Angesprochenen freuen sich über die ­Geschenke, die sie für die Beschenkten erworben haben: Ein Kind bestaunt Waren an einem Weihnachtsstand.

Der nächste Mann, den man anzusprechen wagt, sagt mit einer beneidenswerten Freude an sich selber, er habe mehrheitlich für sich eingekauft und dann noch «zwei kleine Geschenke für Kinder». Ohne ihn mit weiteren Studien belästigen zu wollen, hätte man ihm am Liebsten ­gratuliert, weil grosse, also teure ­Geschenke fast immer aus einem Mangel an Fantasie und Nähe entstehen, der Kreditkarten-Auszug kompensiert das fehlende Interesse am Gegenüber. Eine leichte Novelle über die ­britische Königin, die das Lesen lieben lernt, macht mehr froh als eine teure Musik-Anlage.

Und so geht das den ganzen Nachmittag: Die Angesprochenen freuen sich über die ­Geschenke, die sie für die ­Beschenkten erworben haben. Es macht sie glücklich, weil sie ­damit andere glücklich machen werden.

Und mit jedem Gespräch schmilzt die mürrische Laune weiter. Man muss sehr an sich halten, um nicht selber einem Kaufrausch zu verfallen. Stattdessen kauft man einen Hot Dog. Mit Ketchup und Senf.

Man gönnt sich ja sonst nichts.

Erstellt: 08.12.2019, 21:56 Uhr

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