Führt der Rosengartentunnel zu mehr Verkehr?

Befürworter und Gegner des Zürcher Tunnelprojekts argumentieren mit dem Wohl des Quartiers. Die Argumente im Faktencheck.

Wie sieht Zürich-Wipkingen ohne den Verkehr der Rosengartenstrasse aus? Foto: Urs Jaudas

Wie sieht Zürich-Wipkingen ohne den Verkehr der Rosengartenstrasse aus? Foto: Urs Jaudas

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Wie viel Lärm werden die Rosengartenanwohner in Zukunft ertragen müssen? Wie sehr wird ihr Quartier aufgewertet? Hier ist der TA-Faktencheck:

Die Befürworter sagen:

Die Lebensqualität steigt.

Der Check:
Die Tunnelbefürworter versprechen den Wipkingern eine bessere Zukunft. Die Luft soll aufklaren. Der Autolärm, der heute oft die Grenzwerte übersteige, werde verstummen.

Die Rosengartenachse gehört zu den Gebieten mit der dreckigsten Luft in Zürich. Nur ­lösen sich die Abgase mit dem Tunnel nicht auf. Sie strömen bei den Ausgängen ins Freie. Daher wird es im 150-Meter-Umkreis des Tunnelportals am Wipkingerplatz zu einer «lokalen Mehr­belastung kommen», wie es in einem Bericht des Kantons heisst.

Auch beim Portal am Milchbuck könne sich die Luft temporär verschlechtern. Am Bucheggplatz hingegen soll ein Kamin die Tunnelröhren entlüften. Daher macht die Abluft dort keine Probleme.

Sauberer wird die Luft an der knapp 1,3 Kilometer langen Strecke zwischen den Tunnelportalen. Dort rechnet der Kanton damit, dass der Autoverkehr um 80 bis 95 Prozent zurückgeht. Dies führe in Sachen Luftverschmutzung zu einer «sehr deutlichen Entlastung».

Beim Lärm sieht die Verteilung ähnlich aus. Rund um die Portale gibt es noch mehr Krach. Auch an der Bülachstrasse und der Hirschwiesenstrasse soll die Lärmbelastung zunehmen. Das Gegenteil geschieht zwischen Milchbuck und Röschibachstrasse. Dort wird es um bis zu 12 Dezibel leiser. Vollständige Ruhe zieht aber nicht ein. In der ersten Häuserreihe an der Rosengartenstrasse wird der Grenzwert durch Tram und Autos nach wie vor überschritten. Auch entlang zahlreicher Zufahrtsrouten wird das Motorenrauschen weniger laut.

Die Gegner sagen:

Der Rosengarten wird zur zweiten Weststrasse.

Der Check:
Vor gut zehn Jahren erlebte Wiedikon einen heftigen Aufwertungsschub. Kaum waren die Autos aus der Weststrasse wegberuhigt, wurde ein Grossteil der Häuser renoviert, oft entstanden teure Eigentumswohnungen. Viele Mieterinnen, die den Lärm lange ausgehalten hatten, mussten wegziehen.

Die Tunnelgegnerinnen befürchten, dass der Rosengartenstrasse die gleiche Umwälzung bevorsteht. Aber lassen sich West- und Rosengartenstrasse miteinander vergleichen?

Stadtforscher Philipp Klaus hat die Gegend in einer Studie für die Stadt Zürich detailliert untersucht. Generell hebe das Projekt die Lebensqualität. Klaus schätzt, dass 5000 bis 15000 Bewohnerinnen die Verbesserung direkt zu spüren bekämen. Dies werde eine Verteuerung auslösen, falls Zürich weiterhin ein begehrter Wohnort bleibe. «Es spielt der gleiche Mechanismus wie in Wiedikon.»

Trotzdem sieht Philipp Klaus drei Unterschiede zur Situation an der Weststrasse:

1. Die Baustelle. Bis Tunnel und Traminfrastruktur fertig sind, wird mindestens acht Jahre lang gegraben und gebaut. «Es handelt sich um einen gewaltigen Eingriff», sagt Klaus. Die Situation verschlechtere sich erst einmal. «Leute werden wegziehen. Vielleicht gehen sogar die Mieten runter», sagt Klaus. Die grosse Aufwertung starte erst gegen Ende der Bauarbeiten.

2. Die Zonen. Das Projekt wirkt sich nicht überall gleich aus. Die Orte rund um die Tunnelportale würden sich kaum entwickeln, vermutet Klaus. Wenig werde sich wohl auch zwischen Bucheggplatz und Milchbuck ändern. Stark profitieren werde hingegen der Wipkinger Hang. Dort würden auf beiden Strassenseiten die Bodenpreise ansteigen – schneller, als sie es ohnehin täten. Für Menschen mit weniger Geld werde es schwierig, sich in dieser Gegend zu halten, sagt Klaus. Ein Teil der heutigen ­Bewohnerschaft werde ausgetauscht. Im Gegensatz zur ­Weststrasse gebe es im Gebiet Rosengarten-/Bucheggstrasse allerdings mehrere Genossenschaftssiedlungen, welche die Verteuerung dämpfen könnten.

3. Die Verdichtung. Für das ­betroffene Quartier gilt künftig eine neue Bau- und Zonenordnung. Sie lässt grössere und ­höhere Häuser zu, als sie bisher erlaubt waren. «Durch die gesteigerte Attraktivität wird die Verdichtung besonders stark zuschlagen. Sie könnte das Quartier völlig verändern», sagt Klaus. Es sei offen, wie sich die engere Bebauung auf die Lebensqualität auswirke. Die Gegend um die Weststrasse habe trotz vielen Eingriffen ihren städtebaulichen Charakter behalten.

Die Befürworter sagen:

Es werden nicht mehr Autos durch den Rosengarten fahren.

Der Check:
Der Tunnel schafft Platz fürs Auto. Neu wird es am Rosengarten sechs Spuren geben statt vier. Vier entstehen unter der Erde, zwei bleiben oberirdisch befahrbar. Trotz diesem Ausbau sollen künftig nicht mehr Autos die Achse zwischen Limmat und Milchbuck benutzen. Das versprechen Regierungsrat und Stadtrat. Höchstens 56'000 würden es bleiben, so viele wie heute an Spitzentagen. 53'000 Autos entfallen auf den Tunnel, 3000 fahren oberirdisch weiter.

Die Garantie, dass der Tunnel nicht mehr Autos bringt, war eine Bedingung, dass der links-­grüne Stadtrat das Projekt unterstützte. Nach langen Verhandlungen gab der Regierungsrat nach. Der Kantonsrat weigerte sich vor einem Jahr aber, die Limite ins ­Gesetz zu schreiben. Viele Gegnerinnen erachten die Ober­grenze deshalb als zu schwach verankert. Versprechen in einer ­Abstimmungszeitung seien für künftige Regierungen nicht bindend. Das Projekt schaffe Strassenraum, bauliche Massnahmen gegen zusätzliche Autos seien nicht geplant.

In den Nullerjahren rollten bis zu 65'000 Autos pro Tag über den Rosengarten. Bereits die heutige Obergrenze von 56'000 Autos haben Kanton und Stadt festgelegt. Die städtische Dienstabteilung Verkehr (DAV) steuert die Automenge über die Ampeln an verschiedenen Zufahrtsstrassen. Nach dem Tunnelbau wird die Verkehrsregulierung ähnlich ablaufen wie heute. Bei einer Überschreitung der Limite würden die Behörden einschreiten, das betonen Kanton und Stadt.

Darüber, wie viele Autos Wipkingen durchqueren, wird auch in 20 Jahren die Politik bestimmen. Was diese dann entscheiden wird, weiss heute niemand.

Die Befürworter sagen:

Wipkingen will Tram und Tunnel

Eine aktuelle Umfrage dazu gibt es nicht. Die Quartierbevölkerung hat sich in den letzten 50 Jahren an die Rosengartenstrasse gewöhnt. Gleichzeitig besteht der starke Wunsch, etwas gegen die Schneise zu tun.

Als die Rosengartenvorlage erstmals vorgelegt wurde, ­reagierte das Quartier mehrheitlich positiv. In der Zwischenzeit, so zeigen Gespräche mit Quartierbewohnern, lehnen viele den Tunnel ab. Sie gewichten die ­Belastung durch die mindestens achtjährige Bauzeit höher als den Mehrwert des Projekts. Zudem zweifeln sie an der versprochenen Verkehrsabnahme. Der ­Widerstand ist auch an der täglich steigenden Zahl von Nein-Flaggen in Wipkingen sichtbar. ­Simone Brander, Gegnerin und SP-Gemeinderätin, sagt: «Wir haben sehr viele Anfragen von Quartierbewohnern, die sich gegen den Tunnel engagieren wollen, etwa indem sie Postkarten aufs Land schreiben.»

Befürworterin und FDP-­Gemeinderätin Martina Zürcher hingegen sagt, sie bekomme auf der Strasse viel Zuspruch für das Projekt. «Deutlich mehr, als wenn ich für die FDP weible.» Sie räumt aber ein, dass sich viele Wipkingerinnen und Wipkinger die Frage stellten, wie viele Opfer sie während der Bauphase auf sich nehmen wollten.

Erstellt: 20.01.2020, 12:51 Uhr

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