Für Filmemacher ist Zürich ein bürokratischer Hürdenlauf

Zürich möchte eine Filmstadt sein. Doch in Luzern oder Berlin seien Dreharbeiten einfacher, sagen Produzenten. Sie hoffen auf den «Tatort».

Diese Film-Szenen wurden in Zürich gefilmt.

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Im Spätherbst beginnen in ­Zürich die Dreharbeiten für die erste «Tatort»-Folge – nach neun Jahren in der Stadt Luzern. Ein Schweizer Beitrag der beliebten Krimiserie erreicht sieben Millionen Zuschauerinnen und ­Zuschauer. Grosse Filmproduktionen, da sind sich Touristiker ­einig und das streben Stadt und Kanton Zürich seit 2010 an, ­bringen mehr als jede teure Imagekampagne: mehr Reisende, mehr Einnahmen fürs Gewerbe. So wie «Call Me by Your Name», der einen Reisehype ins italienische Crema ­auslöste.

«Wir wollen eine Filmstadt sein», sagte Stadtentwicklerin Anna Schindler kürzlich auf einem Podium des Vereins ­Zürich für den Film. Filmteams werden sie beim Wort nehmen. Bisher drehten sie nur ungern in Zürich. Die Stadtverwaltung agiert ihnen zu kompliziert und zu bürokratisch.

«Noch ist die Umsetzung eines Films in Zürich zu schwerfällig», sagt Olga Zachariadis, die unter Filmcrews Umfragen durchgeführt hat. Zachariadis ist Geschäftsführerin der vor zwei Jahren geschaffenen Anlaufstelle Film Commission Zurich. Sie soll Dreharbeiten in Zürich vereinfachen. Sie nimmt Bedürfnisse der Branche auf, vermittelt und verhandelt mit der Stadt. «Wenn Zürich eine Filmstadt sein will, müssen sich alle bewegen und mehr kooperieren.» Mit dem «Tatort» steigt der Druck.

Nur eine Ansprechperson

Luzern bot vergleichsweise gute Bedingungen: Die Stadt stellte den Filmemachern nicht nur Gratis-Stromanschlüsse und Parkplätze für Fuhrparks bereit, sie verlangte für das Drehen auf öffentlichem Grund auch keine Gebühren. Am hilfreichsten aber war, dass es auf Behördenseite nur eine ­Ansprechperson gab, die unkompliziert Drehorte bewilligte und mit der Verwaltung koordinierte.

Das sieht in Zürich noch anders aus. Letzten Oktober forderte der Stadtrat von den Dienststellen zwar eine stärkere «In Zürich ist es machbar»-Einstellung, doch Gebühren für Parkplätze oder Absperrungen sollen auch künftig anfallen. Gleichzeitig reden bis zu sechs Dienststellen mit, die bewilligen und die kontaktiert werden müssen: zum Beispiel von den Kreischefs über die Gewerbepolizei, die Verkehrsbetriebe und das Sportamt bis zu den Abteilungen Immobilien und Grün Stadt Zürich.

«Drehen wir in Zürich, müssen wir die personellen Ressourcen in der Aufnahmeleitung aufstocken», sagt Christof Neracher, Filmproduzent von «Vitus» oder «Chrieg». Ein Aufnahmeleiter sucht bis zu 50 Motive und versucht, eine fiktive Geschichte mit der realen Welt zu verzahnen.

Selbst Aufnahmen in einem Park sind heikel, da der öffentliche Raum stets zugänglich bleiben muss.

«In Zürich fühle ich mich beim Drehen oft behindert», sagt Stephan Barth, selbstständiger Produzent. In Budapest, Prag oder Berlin könne er nach Drehbuch drehen. Nicht so in Zürich. Komme in der Geschichte ein Krawall vor, wisse er sofort, dass das schwierig werde.

Barth organisiert in Zürich und Region die Dreharbeiten zum Kinofilm über den Ausbrecherkönig Walter Stürm. Dazu will er die Globuskrawalle in der Nähe der Limmat an Originalschauplätzen inszenieren. «Wir haben einen Platz gefunden, der sich gut eignet, weil es dort keine Anwohner und nur Firmen hat», sagt er. Doch für die paar Stunden müssten die Strassen und Parkplätze um den Platz gesperrt und der Verkehr umgeleitet werden. Darum hat er den Drehtag extra auf einen ruhigen Sonntag gelegt. Er erlebt die Kreischefs als hilfsbereit und kooperativ. Doch anders als in Köln oder Berlin bleibe eine Bewilligung in Zürich immer unsicher. «Die Frage ist dann: Wohin kann ich ausweichen?»

Enrico Quattrini, Chef der Verwaltungsabteilung, zeigt Verständnis für die Filmbranche, sagt aber auch, die Planbarkeit sei für die Stadt das Wichtigste: «In der Innenstadt ist ein Dreh schwieriger als in den Aussenquartieren, wo es grundsätzlich mehr Platz hat. Schon wegen des Verkehrs.»

«Eine Fahrt über den Rasen im denkmalgeschützten Rietbergpark würden wir ablehnen.»Marc Werlen, Mediensprecher von Grün Stadt Zürich

Manchmal würden Dienststellen auch Drehbuchänderungen vorschlagen, sagt Anna Schindler, die Stadtentwicklerin. Meist gebe es aber Lösungen. Weiter will sie sich dazu nicht äussern. Laut TA-Recherchen sind die Bedenken der involvierten Dienststellen zuweilen gross. So könnte zum Beispiel eine Szene mit einer inszenierten Leiche vor einem Hochhaus die Bewohner an reale Suizidfälle erinnern.

Sowieso gibt es eine Menge Vorschriften zu beachten. So sollen Kinder öffentliche Spielplätze auch während weniger Drehstunden uneingeschränkt nutzen dürfen. Selbst Aufnahmen in einem Park sind heikel, da der öffentliche Raum zugänglich bleiben muss oder der Schutz von Bäumen und Pflanzen vorgeht. «Eine Fahrt über den Rasen im denkmalgeschützten Rietbergpark würden wir ablehnen, weil wir den Schutz der Anlage höher gewichten», sagt Marc Werlen, Mediensprecher von Grün Stadt Zürich.

Dann gibt es auch Widerstand, wenn es um den Einsatz von Wasserwerfern geht und die Polizei einen Imageschaden befürchtet. «Wenn wir Material oder Personal zur Verfügung stellen, wollen wir wissen, wie die Stadtpolizei dargestellt wird», sagt Mediensprecher Marco Cortesi. Es bleibe den Filmemachern jedoch freigestellt, für eine Szene selbst Wasserwerfer zu mieten.

Noch mehr Drehs erwartet

Regula Begert ist Aufnahmeleiterin und sagt: «In der Schweiz sind wir auf Originalmotive angewiesen, weil es keine Filmstudios gibt wie in Berlin und nachbauen kostspielig ist.» Darf sie nicht in Zürichs städtischen Parks oder auf Kinderspielplätzen drehen, muss sie auf privaten Grund oder andere Kantone wie den Aargau ausweichen. «Das geht zwar, ist aber aufwendig», sagt Begert.

Zürich stösst heute mit 238 Drehtagen im Jahr bereits an seine Grenzen. Dabei nehmen die Anfragen laufend zu: national in den letzten zwei Jahren um 44 Prozent, international um 17 Prozent – besonders aus Deutschland und England. Die Film Commission Zurich hat erreicht, dass Werbefilmer ein­facher drehen können. «Werbung ist beste Standortförderung, weil keine Geschichte von der Umgebung ablenkt», sagt Olga Zachariadis.

Nun soll ein runder Tisch mit allen Beteiligten helfen, die Prozesse in Zürich zu vereinfachen – gerade auf den «Tatort hin». «Wenn sich die Stadt bewährt und mit dem ‹Tatort› gute Bedingungen schafft, ist das sehr erfolgversprechend», sagt Zachariadis. Sie befürchtet jedoch, dass die TV-Serie aufgrund des öffentlichen Drucks bevorzugt behandelt werden könnte. Hier der «Tatort», da die anderen Produktionen. Solche Zweiklassenbedingungen will sie vermeiden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2019, 21:55 Uhr

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