Für das Milieu wirds eng im Kreis 4

Frauenorganisationen beklagen, die Polizei vermiese den Prostituierten mit vermehrten Wegweisungen das Geschäft. Die Ordnungshüter bestreiten einen Wechsel in ihrem Vorgehen.

Haben es immer schwieriger: Freier und Prostituierte an der Langstrasse. (Archivbild)

Haben es immer schwieriger: Freier und Prostituierte an der Langstrasse. (Archivbild)

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Prostituierte im Kreis 4 durchleben harte Zeiten. Gemäss Frauenorganisationen werden sie von der Polizei seit einem halben Jahr regelrecht «gejagt» und stehen unter «grossem Druck». «Die Polizisten lauern den Sexworkerinnen schon vor ihren Wohnungen auf», sagt Jeannette Vernay. Die Frau mit der tiefen und rauchigen Stimme betreute als Sozialarbeiterin 25 Jahre lang Sexworkerinnen im Kreis 4. Kürzlich eröffnete sie eine eigene Bar, daneben berät sie weiterhin Frauen, die ihren Körper verkaufen. Vor ihrem Lokal an der Brauerstrasse schwatzt sie mit jeder zweiten Dame, die vorbeigeht – auf Spanisch, Hochdeutsch oder mit den Händen.

Faktisch ein Hausarrest

Die härtere Praxis setze die Polizei vor allem mit Wegweisungen durch, sagt Vernay. «Prostituierte müssen nur die Strasse entlanggehen, schon kriegen sie eine.» Wegweisungen verbieten den Betroffenen, sich in einem bestimmten Gebiet auf öffentlichem Grund zu bewegen – 24 Stunden lang. Da die meisten Prostituierten, die im Kreis 4 arbeiten, auch dort wohnen, entspricht das Rayonverbot faktisch einem Hausarrest. Auf dem Zettel, den die Polizei verteilt, steht in acht Sprachen: «Liegt Ihre Unterkunft im bezeichneten Gebiet, dürfen Sie auf direktem Weg, ohne stehen zu bleiben, zur Unterkunft hin- oder weggehen.»

Die ständige Angst, erwischt zu werden, zermürbe die Frauen und erschwere die Arbeit, sagt Vernay. «Auf der Strasse bleibt keine Zeit, um mit den Männern zu verhandeln. Das führt oft zu unangenehmen Situationen.» Wie rigoros die Polizei durchgreife, zeige das Beispiel einer kaufmännischen Angestellten, die vor der Sonne, einem Restaurant und Milieutreffpunkt, nach dem Essen rauchte. Drei Zigaretten reichten, bis Polizisten die «normal gekleidete Frau» verdächtigten, sie verkaufe ihren Körper. Auch sie habe eine Wegweisung kassiert.

Im Kreis 4 verboten

Obwohl das Langstrassenquartier das Zentrum des Zürcher Milieus bildet, ist Strassenprostitution hier seit langem verboten. Auch das übliche Anschaffen auf Zimmern ist illegal, da die Frauen Wohnraum als Gewerbefläche nutzen. Trotzdem ist es aufwendig, Prostituierte mit herkömmlichen Bussen zu belangen. Polizisten müssen sie dafür bei der aktiven Freieranmache erwischen. «Es braucht konkrete und objektive Anhaltspunkte, bis wir solche Bussen erteilen», sagt Stadtrichter Basil Müller, dessen Abteilung alle Verzeigungen prüft.

Dagegen bieten Wegweisungen der Polizei ein unkompliziertes Instrument, das keine weitere Instanz absegnen muss. Das erste und das zweite Rayonverbot kostet die Betroffenen nichts. Beim dritten gibt es eine Busse von über 100 Franken. Der Betrag steigt mit jeder weiteren Wegweisung. Wer sich widersetzt, zahlt mindestens 200 Franken. Rayonverbote sind im Kanton seit 2009 erlaubt. Zwar können die Frauen Wegweisungen anfechten, die Erfolgschancen stehen nicht schlecht. Damit ein Rayonverbot zulässig ist, muss man laut Polizeigesetz Menschen belästigen oder die öffentliche Sicherheit gefährden. «Dass eine Prostituierte dies tut, könnte wohl kein Richter bestätigen», sagt AL-Gemeinderat Niklaus Scherr. Doch die Prostituierten fordern ihre Rechte kaum ein, weil sie noch mehr Repression befürchten. So gewöhne sich die Polizei an das «teils willkürliche» Wegweisen, sagt Scherr, was in einen rechtsstaatlich heiklen Graubereich führe.

Mit ihrem Vorgehen wolle die Stadt vermeiden, dass der Strassenstrich vom Sihlquai in den Kreis 4 schwappt, vermuten Beobachter. Dieses wird geräumt, sobald die Sexboxen in Altstetten stehen. «Die Polizei weist aber nicht nur typische Strassenprostituierte weg, also Frauen, die für drei Monate aus EU-Ländern einreisen», sagt Jeannette Vernay. Die Massnahmen träfen alle, darunter viele Alteingesessene, die seit Jahrzehnten im Kreis 4 arbeiteten. «Ihre vom Bundesgericht garantierte Gewerbefreiheit wird stark eingeschränkt.»

Bei der Stadtpolizei heisst es einzig, dass sie Wegweisungen im «Rahmen der Verhältnismässigkeit» ausstelle. Zahlen gibt sie keine bekannt – auch im Hinblick auf eine SP-Anfrage im Gemeinderat, die kritisiert, dass Leute wegen Biertrinkens aus der Bäckeranlage vertrieben würden. Reto Casanova, Sprecher von Polizeivorsteher Daniel Leupi (Grüne), sagt, dass es in Bezug auf den Kreis 4 keine neue Polizeitaktik gebe.

Frauen weichen nach Basel aus

Im Rahmen von «Langstrasse Plus» versucht die Stadt seit zwölf Jahren, das Milieu einzudämmen. Dazu beschäftigt sie auch einen Baujuristen, der Bordellbesitzer zu einer Umnutzung drängt. Die Bau- und Zonenordnung, die seit 2001 gilt, erklärte alle Salons im Kreis 4 für illegal. Sie erlaubt Prostitution nur in Gegenden, wo der Wohnanteil unter 50 Prozent liegt. Zwar können sich Salons, die länger als seit 2001 geschäften, auf altes Recht berufen. Trotzdem verzeichnet die Stadt Erfolge: In einer der zentralen Milieuliegenschaften neben der Sonne hat der Eigentümer unter Druck kürzlich 64 Prostituierten gekündigt. Der 70er-Jahre-Block wird umgebaut, neu sollen Wohnungen entstehen.

Solche Umnutzungen bewirkten, dass in den verbleibenden Zimmern sofort die Mieten anstiegen, sagt Jeannette Vernay. Die Einschränkungen hätten vielen Frauen im Kreis 4 das Geschäft vermiest. 40 bis 50 seien in letzter Zeit weggezogen. Die Jüngeren fänden Jobs in den Bordellen der Agglomeration, einige versuchten sich in der Porno-Industrie, andere wichen nach Basel aus.

Mehrere Organisationen, die sich für Prostituierte einsetzen, bestätigen diese Beobachtungen. Statistisch lassen sie sich nur schwer fassen: Die Zahl der Prostituierten geht zwar leicht zurück. Was der Grund dafür ist, bleibt offen.

Bald nur noch Partyquartier?

Vernay beklagt nicht nur, dass vielen Frauen die einzige Einnahmequelle zerstört werde. Mit den Prostituierten verschwinde auch ein zentraler Lebensnerv aus dem Kreis 4. «Wenn die Frauen fehlen, schliessen viele Bars. Dort ziehen dann Clubs ein. So verkommt der Kreis 4 zum Partyquartier, wo am Wochenende niemand mehr schlafen kann und unter der Woche nichts los ist.» Sie verstehe, dass das Milieu nicht überborden dürfe. «Aber was jetzt passiert, ist eine Säuberung, die zu viel kaputtmacht.»

Gemäss Niklaus Scherr hat es die Politik verpasst, die neue Prostitutionsverordnung den Verhältnissen im Kreis 4 anzupassen: «Heute ist dort etwas verboten, was offensichtlich und seit langem existiert. Das bringt alle Beteiligten in heikle Situationen.»

Erstellt: 21.07.2012, 07:35 Uhr

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