Für den letzten Schweizer kommt ein Deutscher

Obschon die Universität Zürich einen Spezialisten für die Schweizer Medienlandschaft sucht, bestreiten lauter deutsche Kandidaten das Rennen um die Nachfolge des Publizistikprofessors Heinz Bonfadelli.

Im Sommer 2014 wird hier ein Lehrstuhl frei: Institut für Publizistik der Universität Zürich.

Im Sommer 2014 wird hier ein Lehrstuhl frei: Institut für Publizistik der Universität Zürich. Bild: Dominique Meienberg

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Wird das Thema Schweiz an der Universität Zürich weiterhin an Bedeutung verlieren, weil deutsche Professoren an vielen Instituten in der Mehrheit sind? Im Brennpunkt steht aktuell der frei werdende Lehrstuhl Heinz Bonfadellis, des gleichsam letzten Schweizers am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung.

Derzeit besetzen dort – neben Bonfadelli – drei Deutsche, ein eingebürgerter Deutscher, ein Österreicher sowie der Schweizer Soziologe Kurt Imhof die Lehrstühle. Imhof ist aber lediglich zu 50 Prozent dem Institut angeschlossen. Nun finden sich allein deutsche Kandidaten auf der jüngst veröffentlichten Liste der eingeladenen Anwärter, die sich Anfang März mit ihren Berufungsvorträgen für den frei werdenden Posten in Position bringen. Dabei geht aus der Ausschreibung hervor, dass sich für die Vakanz fast zwingend eine Schweizerin oder ein Schweizer eignet.

Gesucht wurden ausdrücklich Bewerberinnen und Bewerber, die sich durch «exzellente Forschung und Lehre auf dem Gebiet der Schweizer Medien und deren Nutzung durch das Publikum» auszeichnen. So zu lesen im Inserat, das sowohl online wie auch in den für den akademischen Stellenmarkt wichtigen Zeitungen erschienen ist.

Es droht ein Know-how-Verlust

Jetzt hat es kein Schweizer Bewerber in die enge Auswahl geschafft. Und obendrein keiner, der mit der schweizerischen Medienlandschaft nur annähernd so gut vertraut ist wie der abtretende Heinz Bonfadelli, der im Sommer 2014 in Pension geht. Bonfadelli leitet die Abteilung «Medienrealität und Medienwirkung», einen zentralen Themenbereich, der sich mit Analysen der politischen Berichterstattung sowie mit der Leserschafts-, Zuschauer- und Online-Forschung auseinandersetzt. Er gilt als der beste Experte des hiesigen Mediensystems. Seine Vorlesungen und Seminare weisen einen überdurchschnittlich hohen Zuspruch bei den Studenten aus. So betreute Bonfadelli in den vergangenen zehn Jahren an die 200 Lizenziatsarbeiten. Er hat allein im letzten Semester 300 Prüfungsarbeiten abgenommen.

Der Blick auf die bisherige Forschungs- und Lehrtätigkeit der zur Auswahl stehenden Nachfolger zeigt indes, dass diese – mit einer Ausnahme – den inhaltlichen Anforderungen nicht genügen. Ein Student formuliert es so: «Es ist, wie wenn auf eine Stelle für Schweizer Geschichte lediglich Spezialisten für deutsche Literatur zu den Hearings eingeladen wären.» Die Rede ist von einem enormen Know-how-Verlust.

Keine Antwort vom Institut

Nahezu alle Bewerber, die das Rennen um den vakanten Lehrstuhl unter sich ausmachen dürften, sind fast ausschliesslich auf das Gebiet der Unterhaltung durch Medien spezialisiert. Sie forschen über Spielfilme und Fernsehserien, über Stimmungsregulierung durch Musik, über Computerspiele sowie über Sportübertragungen aus der deutschen Fussball-Bundesliga, nicht aber über politische Berichterstattung in elektronischen und gedruckten Medien. Damit pflegen die Aspiranten ähnliche Themenfelder, wie sie heute am Institut in erster Linie der Lehrstuhl des deutschen Professors Werner Wirth bereits bewirtschaftet.

Weshalb spielt das gemäss Stelleninserat zentrale Anforderungsprofil des Schweizer Bezugs plötzlich keine Rolle mehr? Die deutsche Institutsleiterin Gabriele Siegert, die sich über die Anfrage des TA «irritiert» zeigte, gibt darauf keine Antwort: «Mitglieder einer Berufungskommission dürfen aus einem laufenden und vertraulichen Geschäft nicht berichten.» Siegert sagt auch nichts dazu, warum der einheimische akademische Nachwuchs gegen die deutsche Konkurrenz chancenlos geblieben ist. Auf Nachfragen des TA reagierte sie nicht mehr. Laut namhaften Fachleuten verfügen die Schweizer Bewerber, die nicht zu Berufungsvorträgen eingeladen wurden, ohne Zweifel ebenso über das Rüstzeug für die Professur wie ihre deutschen Konkurrenten.

Schweizer Nachwuchs soll Chancen bekommen

Nicht einmischen in das Selektionsverfahren will sich der ausscheidende Heinz Bonfadelli. Trotzdem: Hätte er sich einen einheimischen Nachfolger gewünscht, der sein Spezialgebiet weiterführt? Er sagt: «Es wäre sicher merkwürdig, wenn ich jetzt mit einem ‹Nein› antworten würde. Mir scheint es bedeutsam, dass der Schweizer Nachwuchs an Schweizer Universitäten auch Chancen bekommt.» Und schiebt nach: «Selbstverständlich gehe ich davon aus, dass die Berufungskommission – wie üblich – sich bei der Wahl meiner Nachfolge an die Ausschreibung hält.»

In der Berufungskommission sitzen wie immer mehrere Professoren des Instituts selber, darunter drei Deutsche und ein Österreicher. Sie übernehmen in der Regel die inhaltliche Arbeit wie die Sichtung der Unterlagen mit Lebensläufen und Publikationen. In den Diskussionen haben sie grosses Gewicht.

Neben der Professorenschaft sind in der Berufungskommission zudem die verschiedenen Stände vertreten: Studierende, Doktoranden und Privatdozenten. Ihre Stimme zählt bei der Auswahl genau gleich wie jene der Professoren. Bei der zur Diskussion stehenden Wiederbesetzung vertritt eine Deutsche die mehrheitlich schweizerische Studentenschaft. Präsidiert wird die Kommission wie gewohnt von einem fachfremden Professor.

Legt der Rektor ein Veto ein?

Nach den Hearings kommende Woche wird das Berufungsgremium zusammentreten und der Philosophischen Fakultät wie üblich einen Dreiervorschlag vorlegen, wobei der Erstgenannte der Favorit ist. Winken alle Professoren der Fakultät die Auswahl durch, ist die Universitätsleitung am Zug mit Rektor Andreas Fischer an der Spitze. Aus Insiderkreisen ist zu vernehmen, dass sie der Berufungskommission widersprechen könnte. Primär nicht etwa darum, weil dann ein weiterer Deutscher ins Institut einziehen würde.

Entscheidender als die Nationalität dürfte für das mögliche Veto der Universitätsleitung vielmehr sein, dass der Auserkorene sich nicht genügend in der einheimischen Medienlandschaft auskennt. Und damit das Schweizer Forschungsfeld des frei werdenden Lehrstuhls nicht mehr hinreichend abgedeckt sein wird.


Berufungsvorträge für die Nachfolge von Heinz Bonfadelli am 5./6. März im Hauptgebäude der Universität Zürich, Rämistrasse 71, KO2-F-152. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.02.2013, 09:24 Uhr

«Mir scheint es bedeutsam, dass der Schweizer Nachwuchs an Schweizer Universitäten auch Chancen bekommt.» Heinz Bonfadelli, Professor. (Bild: Keystone )

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