Für ein paar Drinks und einige Stunden Ruhm

Graffiti sind ein Bastard zwischen Kunst, Verbrechen, Sport und Pubertät. Wer sprayt, riskiert Gefängnis und erhält manchmal Schönheit, aber sicher einen Adrenalinkick.

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Der Moment, an dem man die Gesetze brechen will, verändert eine Stadt. Tausend­mal ist man dieselben Wege gegangen. Und glaubte, seine Umgebung zu kennen. Doch mit einem Schlag wird alles neu. Die Stadt besteht nun nicht mehr wie zuvor aus Häusern, Passanten und Strassen. Sondern aus möglichen Zielen, möglichen Feinden und möglichen Fluchtwegen.

Der Verbrecherblick gehört zu dem, was Graffiti-Sprayen so attraktiv macht. Es ist ein Blick, den auch Künstler und Unternehmer kennen: Alle, die das Gegebene nicht als gegeben nehmen, sondern als Gelegenheit. Die eine Stadt nicht als gebaut wahrnehmen, sondern als Kulisse für das eigene Stück.

Auf der Suche nach dem nächsten Coup

Der Verbrecherblick ist ein Blick, der wach macht. Und süchtig. Und er ist fast das Einzige, was die Graffiti-Szene eint, vom Teenager mit Sprühdose bis hin zum Profi mit farbgefülltem Feuer­löscher. Alle laufen durch die Stadt auf der Suche nach dem nächsten Coup. Und sie sehen: Flächen, Kameras, Polizisten, Passanten, kurz: Möglichkeiten.

Die Stadt bei Nacht ist ihr Arbeitsort. Wenn man sprayt, ist sie voller Gegner: ein Licht, das im Haus gegenüber angeht, ein Auto, das anhält, ein Passant, ein Securitaswächter. Jederzeit muss die Flucht möglich sein: mit einer Plastiktüte voll Gerät durch die Seitengasse, über Mauern oder Stacheldraht. Und jederzeit sind Überraschungen möglich, etwa Tiere: «ein Igel oder ein Dachs, solches Zeug».

Was die Graffiti-Szene verbindet

Nacht und Illegalität verbinden die Graf­fiti-Szene. Sonst wenig. Geschätzt sind einige Hundert unterwegs, mal mehr, mal weniger. Oft Teenager, seltener überzeugte Anarchisten, dann Vandalen, leidenschaftliche Künstler und sogar fast paramilitärisch organisierte Profikollektive. Grob gesagt, kann man die Szene in zwei Grundphilosophien unterteilen: die Schreiber, die, mal in hingewischten Tags, mal in bombastischen Buchstaben, ihren Namen in Sprühfarbe hinterlassen. Und die Street-Art-Künstler, die auch andere Techniken verwenden: Sticker, Schablonen, Plakate. Die Schreiber sind rauer, so wie alle Leute, die gern ein Revier markieren: Sie verachten die Street-Art-Leute, die Botschaften übermitteln oder nur die Stadt verschönern wollen. Letztere sind oft freundlicher.

Das Niveau von Graffiti und Street-Art in Zürich hinkt den Weltstädten etwas hinterher: etwa London, Berlin oder Rio. Aus zwei Gründen. Erstens: «Dem Schweizer Stil merkt man an, dass harte soziale Probleme fehlen», so eine Sprayerin: «Es hat, anders als Berlin, wenig Dreck. Und wenig politische Schärfe. Das Medium selbst ist oft die einzige Botschaft.»

Der Humor fehlt

In der Tat wären viele der Bonbonbuchstabenbilder bei allem Ehrgeiz ohne das Risiko der Illegalität Kitsch. Auch weil der Humor fehlt. Selten gelingt jemandem so etwas wie dem unbekannten Genie, das zwei Schriftzüge auf beiden Seiten der Limmat veränderte. Auf beiden stand: «Du bist ein Idiot.» Und das Genie malte ein m und ein Herzchen auf die eine Seite, sodass auf der einen Seite noch stand: «Du bist ein Idiot», aber gegenüber: «Du bist mein Idiot.» Und damit die Formel für viele langjährigen Lieben.

Der andere Grund für die relative Mittelmässigkeit von Zürich ist die Politik der Stadt: Die Polizei ist seit einigen Jahren in der Nacht massiv unterwegs: «Du hast fünf Minuten, mehr nicht. Selbst wenn man an legalen Orten sprayt, ist sie sofort da. Und fragt nach der Bewilligung. Der Zeitdruck ist hart.» Und dann wird seit 2005 «extrem brutal, extrem schnell geputzt». Die Organisation, die Zürich dazu aufgebaut hat, ist gigantisch: «Für es schöns Züri» beschäftigt 83 Leute, die meisten Arbeits­lose. Diese putzen, übermalen, hochdruckstrahlen die Stadt fast rund um die Uhr. Und auch die Zürcher Maler machen Bombengeschäfte. Ein Graffito hat nur die Lebensdauer von Stunden oder Tagen.

Zwei Erklärungen für den Boom

Der Effekt auf die Qualität der Zürcher Szene ist: Wirklich schön malen lohnt kaum. Und wirklich nachdenken auch nicht, aus Mangel an Konkurrenz. Die berühmtesten Graffiti entstanden nicht umsonst in vollgesprayten Grossstädten: Hier musste ein Sprayer lang herumdenken, wie man in diesem Gewimmel noch auffällig werden will: etwa mit Buchstaben aus entflammbarem Material.

Die Zürcher Lösung für das Sauberkeitsproblem ist pragmatisch. Und das Gegenteil davon. Einerseits dominiert die Miniaturisierung. Kleber sind en vogue: die seltsamen Botschaften von Ether etwa. Oder die sehr charmanten, winzigen Samurai-Krieger auf Ampeln, Briefkästen und Strassenschildern. Dann florieren die Tags: in Sekunden gemachte Signaturen mit Spraydose oder Marker. Ein Boom, für den es zwei Erklärungen gibt. Die ökonomische einer Taggerin: «Hier lohnt sich Aufwand und Ertrag.» Und die poetische vom ehemaligen Dada-Kurator Philipp Meier: «Beim Taggen lässt der Künstler das Bild weg und konzentriert sich auf die Essenz davon: die Unterschrift.»

Paramilitärischer Gigantismus

Der andere Weg ist der fast paramilitärische Gigantismus: etwa die riesigen Bilder von 2047. Laut Szenegerüchten ist das eine Gruppe von «linksradikalen, drogenaffinen Weltenbummlern». Die Gruppe schreibt die Zahl 2047 in grosser Höhe und gigantischer Schrift an Fassaden, am Spektakulärsten sicher auf die Mühle Wipkingen, wo sie von dem Eisenbahnviadukt gegenüber mit Feuer­löschern aus 10 Meter Luftlinie die ebenfalls 10 Meter grossen 2047-Ziffern an die Riesenwand krakelten.

Die international konkurrenzfähigste Gruppe ist sicher das Kollektiv KCBR. Wie 2047 beeindrucken sie mit grossen Aktionen statt grosser Ästhetik. Sie suchen sich das begehrteste, geschützteste Ziel aus: die S-Bahnen. Seit 2008 haben sie Dutzende Züge besprayt, teils ganze Waggons komplett. Und das mit einer Logistik, von der Armee und Bank­räuber träumen. Es gibt ein prächtiges Buch und einen atemberaubenden You­tube-Film dazu: etwa wie ein Zug an einem Gebäude vorbeifährt, auf dem steht: «Support Your». Und auf dem Waggon: «Local Vandal». Für diese Sekunde auf Video brauchte es einen irren Aufwand: KCBR funktioniert mit Eisenbahneruniformen, auswendig gelerntem SBB-Fahrplan, Helmkameras, Funkgeräten, Fluchtfahrzeugen halb wie eine Guerillatruppe, halb wie eine Firma.

Akribische Planung ist schon deshalb nötig, weil jeder besprayte Zug sofort gereinigt wird: Um ihn fahrend zu fotografieren, muss man die SBB fast so gut kennen wie diese sich selbst. Die Botschaft von KCBR steht dann in einem unglaublich schiefen Verhältnis dazu, dass vier Leute daran fast 24 Stunden arbeiten. Und zur Belohnung für ein paar Sekunden Film Jahre im Gefängnis riskieren. So fährt etwa ein mit einem Riesenpenis bemalter Zug in eine auf den Tunnel gesprühte Vagina ein.

Die kälteste Stadt der Schweiz

Doch Eleganz ist für KCBR auch kein Kriterium. Wie ein Freund der Gruppe sagte: «Street-Art ist für sie schlimmer als Hitler. Die sehen sie als die Leute, die später Toyota-Werbungen designen.» Überhaupt bekriegen in der Graffiti­Szene erstaunlich viele Minigruppen andere Minigruppen. Das erklärt sich schon geografisch: Wir sind in Zürich. Und Zürich ist die kälteste Stadt der Schweiz, die Stadt des Ehrgeizes. Alle, die in Banken, Kunstszene, Medien, Konzernen Karrieren wollen, ziehen hierher. Und verteidigen ihren Platz gegen alle neue.

Das hat Tradition. Während Anfang der Neunzigerjahre in St. Gallen oder Luzern Punk und Skinhead in der gleichen Bar standen, weil sie beide Aussenseiter waren, gab es in Zürich gleich drei linksradikale Gruppen, die sich gegenseitig mehr hassten als den Kapitalismus. Das, obwohl sie, wie heute die Sprayer, mit etwas Abstand gesehen alle in den gleichen Topf geworfen wurden: als Vandalen. Damals wie heute kümmert sich auch die Polizei nicht um die Philosophie der Verhafteten: Die Macher des poetischen Limmatfisches werden Monate in Untersuchungshaft geworfen, als hätten sie Hakenkreuze gesprayt.

Alle wollen anonym bleiben

Der Grund für die teilweise Härte in der Szene ist, dass ihre Welt paradox ist: Es geht um Sichtbarkeit, oft des eigenen Namens, aber der Preis dafür ist strikte Anonymität. Selbst ein Millionenkünstler wie Banksy würde ins Gefängnis kommen, wäre sein Name bekannt. So ist der Ruhm für ein gelungenes Werk kaum einkassierbar: nur bei wenig Eingeweihten. «Ein paar Fans, ein paar Mädchen, ein paar Gratisdrinks in der Gonzo-Bar, das wars», sagte jemand. (Alle Interviewten wollten anonym bleiben.) «Und dann bist du dreissig, hast ein Werk, das weggewaschen wurde, 40 000 Franken Schulden vom Gericht und sonst nichts. Du hast in einer Pa­rallelwelt gearbeitet.»

Ruhm ist extrem knapp für Graffiti, das eine Disziplin irgendwo zwischen Kunst, Risiko, Pubertät und Sport ist. (Viele trainieren fürs Sprayen: etwa Klettern in der Kletterhalle Schlieren.) Der Sprung in die Kunstszene gelingt wenigen: in Zürich etwa Harun Dogan, der als Shark sprayte, oder der gross­nasige Kreaturen malenden Tika. Einer der fröhlichsten Plätze in Zürich ist die Street-Art-Galerie der Graffiti-Fotografin Gabriela Domeisen: sehr coole, sehr bunte, sehr finstere Bilder zu moderaten Preisen. Sie sagt: «Die Hälfte meiner Künstler ist vorbestraft.»

Die moderaten Preise haben einen Grund. Selbst berühmte Sprayer haben in der Kunstwelt keine Chance. Die Leute wollen dort wissen, wer der Künstler ist, wessen Schüler er ist, seine Schublade. Und dazu gibt es nur eine Antwort: Keine. «Die grosse Frage, die immer gestellt wird: Ist Graffiti Kunst?», sagt eine Sprayerin. «Und meine Antwort ist: Das ist doch egal.»

Sexy für die Presse

Die andere grosse Frage ist: Ist es Vandalismus? Die Sachschäden sind gross – auch wenn sie nie präzis im städtischen oder im SBB-Budget ausgewiesen werden. (Kenner sagen: Es werden der Presse immer absurd hohe Summen genannt: zur Abschreckung.) Die Szene selbst stellt sich diese Frage nie. Die Antworten sind: «Wenn man sich das fragen würde, könnte man nicht weitermachen.» Oder: «Ich habe noch kein Haus wegen etwas Farbe zusammenkrachen gesehen.» Oder: «Wenn man ein kon­kretes Werk betrachtet, ist es immer klar, ob es Vandalismus ist oder gut gemacht.»

Das Paradoxe ist, dass der Vandalismus unabdingbar dazugehört. Als Gewürz für den Verbrecherblick. Und als Hauptgericht für die einzige mögliche Form des erweiterten Ruhms: das Medienecho. So schaffte es der manische Tagger Puber mit der Strategie, nichts zu respektieren, nicht einmal Kinderzeichnungen, mit seiner Verhaftung in Wien (der Prozess beginnt heute) berühmt zu werden. «Dabei ist Puber wirklich bei allen verhasst. Weil er allen eins reinbrennt. Weil er selbst Leuten, die ihn mögen würden, eins ans Bein kickt», sagte ein Sprayer. «Und trotzdem ist es eine Leistung, eine Stadt zu finden, die sich über Tags noch aufregt. Sein Werk hat weder Charme noch Stil. Aber er hat es geschafft, sexy für die Presse zu werden. Aber er bringt eine Debatte. Und man kann sich sicher sein, dass er, wenn er aus dem Knast kommt, jeden einzelnen Artikel bei sich an die Wand tapezieren wird.»

Abscheu gegenüber Puber

Die Österreicher reagierten immerhin mit Humor. Ein Rechtsanwalt veranstaltete eine Soiree. Und verglich Puber, den er «verabscheue», mit den Aktionskünstlern in Wien, die Tiere auf der Bühne geschlachtet hatten: «Die Verhaftung hat er hinter sich. Jetzt fehlt nur noch eine Professur an der Akademie und ein Museum mit seinem Namen.»

Und das ist auch die Frage, die sich im Fall der Graffiti stellt: Wie damit umgehen? Denn Graffiti ist das, ohne das eine Stadt tot wäre: Leben. Ärger. Lärm. Und ihre Künstler liefern nächtlich, aber gratis, den Blick, der das Gegebene verachtet. Einen Blick, ohne den alles funktionieren, aber nichts mehr werden würde: den Blick des Dichters. Des Unternehmers. Des Verbrechers.

Erstellt: 22.07.2014, 23:51 Uhr

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