«Für meinen Widerstand werde ich geehrt»

Provokateurin und Feministin: Über die Zürcher Legende Doris Stauffer ist nun ein Buch erschienen.

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Ein langweiliges Leben hat Doris Stauffer weiss Gott nicht gehabt. Die heute 81-jährige Frau erlebte turbulente Zeiten. Sie war Fotografin, Musikerin, Kunstaktivistin, Erzieherin, Kunstlehrerin, Feministin – und Demonstrantin! Jetzt blättert sie in ihrer soeben erschienenen Monografie und sagt schelmisch: «Unglaublich – das alles ist mein Leben.» Es war alles andere als ein Mainstream-Leben, für das sie am Freitag im Zentrum Karl der Grosse für ihre kulturellen Verdienste einen Preis erhält. Und das Alter mag Doris Stauffer weise gemacht haben, aber keineswegs milde. «Die Stadt ehrt mich für meinen Widerstand und meine Provokationen», sagt sie und freut sich, dass die Stadt Zürich und das Aargauer Kunsthaus einige ihrer Kunstwerke gekauft haben – die ersten Ankäufe von offizieller Seite.

Mit ihren weissen Haaren und ihrem verschmitzten Lachen ist Doris Stauffer eine Ikone der Zürcher Aktionskunst. Man könnte sie auch als eine Mischung zwischen der 75-jährigen österreichischen Kunstprovokateurin Valie Export und der Schweizer Videokünstlerin Pippilotti Rist bezeichnen. Doch im Gegensatz zu beiden existieren aus Doris Stauffers verschiedenen Kunstphasen nicht mehr viele Werke. Das meiste hat sie verschenkt. Nie hat sie auf den kommerziellen Aspekt ihres Schaffens geachtet, dem herkömmlichen, von Männern geprägten Kunstbetrieb hat sie sich stets verweigert: «Ich wollte nie Künstlerin, sondern Lebenskünstlerin sein», lächelt sie. «Das ist viel anstrengender.»

Zur Lebenskünstlerin wurde sie schon früh gemacht. 1934 kam sie in Amden zur Welt. Als sie einjährig war, starb der Vater. Die Mutter zog mit den beiden Töchtern zu den Schwiegereltern nach Bottmingen BL. Nur zwei Jahre später ging die Mutter mit der älteren Tochter nach Basel. Doris blieb bei den Grosseltern. Sie hatte keine Bezugsperson mehr, aber sie hatte einen Garten. «Ich spürte, dass ich mit den Pflanzen reden konnte; das tat mir gut.» Die Liebe zu den Pflanzen blieb. «Ich habe mir immer einen Garten mit einer Wohnung gesucht, nicht umgekehrt», sagt sie.

Wenig Geld macht kreativ

Immerhin, auch Menschen haben ihre Kindheit mitgeprägt. Ihr Grossvater war Hobby-Zauberer. «Ich habe alles geglaubt, was ich jeweils sah.» Das kleine Mädchen war auch fasziniert von einem Schrank, auf dem eine kleine Bühne mit Figuren thronte. «Ich habe diese Bühne immer und immer wieder angeschaut. Wahrscheinlich war das die Inspiration für meine Guckkastenwerke.»

Nach dem Gymnasium besuchte Stauffer die Kunstgewerbeschule Zürich. In der Fotoklasse von Hans Finsler wurden entscheidende Weichen gestellt. Finsler war ein Pädagoge, der seinen Studenten vertraute. Sein Unterricht folgte keinem starren Lehrplan, er liess seinen Studentinnen und Studenten viel Freiraum. Vor allem aber verliebte sich Stauffer dort in ihren späteren Mann, Serge Stauffer. Das blieb nicht ohne Folgen: Hochschwanger machte sie das Diplom und sollte danach in rascher Folge noch weitere zwei Kinder auf die Welt bringen.

Der Wechsel war abrupt: Von der Studentin und Künstlerin verwandelte sich Stauffer schnurstracks in eine klassische Hausfrau. «Mir blieb gar nichts anderes übrig.» Die Familie lebte in Zürich-Seebach in einem kleinen Haus mit einem grossen Garten und wenig Geld. «Ich musste jeden Rappen zusammenkratzen, um jeden Monat über die Runden zu kommen», erzählt sie. Doris Stauffer war beschäftigt mit Waschen, Kochen, Weben, Nähen, Flicken. Ihr Mann unterrichtete an der Kunstgewerbeschule. Daneben betrieb er Kunst als Forschung und stand in regem Austausch mit Kunstschaffenden wie Daniel Spoerri, Marcel Duchamp und André Thomkins.

Jammern war nie die Sache von Doris Stauffer. «Wenig Geld zu haben, fördert die Kreativität», sagt sie. Um aus ihrer geistigen Isolation herauszufinden, ­begann sie Mitte der 50er-Jahre, wieder künstlerisch zu arbeiten – abends, wenn die Kinder im Bett waren. Sie orientierte sich dabei an Künstlerinnen, die mit ihren Arbeiten Kritik an den patriarchalen Strukturen äusserten. Dazu gehörten Meret Oppenheim, Niki de Saint Phalle oder Valie Export. Stauffer schuf Wandbehänge und Assemblagen aus Alltagsgegenständen wie Besteck, Garnrollen, Kinderspielsachen, die sie mit Zementit auf eine Tür oder in ein Kästchen leimte. Oder es wurden ungekochte Teigwaren auf einem Rüstbrett wie zufällig angeordnet. Ihre Kunst war eine höchst ironische und witzige Antwort auf das damalige Frauenleben.

Gestrickte Peniswärmer

Überhaupt ist Stauffers Leben ein Abbild der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der 60er- und 70er-Jahre. Sie hat den legendären Anspruch der 68er-Generation «das Private ist auch politisch» radikal umgesetzt und gegen die groteske damalige Ungleichheit von Mann und Frau angekämpft. Sie war emanzipiert, als «Emanze» noch ein Schimpfwort war, und zwar auf allen Ebenen: als Ehefrau, als Mitbegründerin der Frauenbefreiungsbewegung (FBB), als Künstlerin und als Lehrerin in der Klasse «Farbe und Form» an der Kunstgewerbeschule. Dort schaffte sie die Hierarchie ab, führte zum Schreck der Schulleitung das Duzen ein und verlegte den Unterricht ab und zu in den öffentlichen Raum.

Typisch war etwa eine Aktion gegen die Miss-Wahlen zu Beginn der 70er-Jahre. Zusammen mit Schülerinnen und Schülern beteiligte sie sich an einer FBB-Aktion unter dem Slogan «Misswa(h)l». Dabei entstand eine überlebensgrosse, halbnackte Figur, die an der Riviera beim Bellevue happeningmässig bemalt wurde. Es war ein klarer Hinweis auf das gängige, frauenfeindliche Schönheitsideal. Ihre Kunstschülerinnen fühlten sich angeregt, die Leitung der Kunstschule weniger. Dem Ehepaar Stauffer und ihren Kollegen wurde gekündigt, was Proteste unter den Schülern auslöste und im darauffolgenden Frühjahr dazu führte, dass das Ehepaar Stauffer und die anderen Lehrer die alternative Kunstschule F+F gründeten. Doris Stauffers Ziel war es immer, die Studierenden zu ermuntern, ohne Zwang und Druck zu experimentieren, um selbstständig den eigenen Weg zu finden.

Eine klassische Karriere als Künstlerin hat Stauffer nie interessiert. «Für mich waren meine Objekte Manifeste, nicht verkäufliche Ware.» Trotzdem hat sie ihre Kunst hin und wieder ausgestellt. Dazu gehören die von der Stadt nun erworbenen acht Guckkästen «Patriarchalisches Panoptikum». Assoziativ werden dabei unterschiedliche Gegenstände zu Themen wie «Kinder», «Haushalt», «Beruf», «Papst», «Abtreibung», «Klischee», «Scheisse» und «Männerhorror» zusammengestellt. Die Guckkästen haben ein grosses Echo ausgelöst, vor allem die gestrickten Peniswärmer. «Die habe ich mit den Waffen einer Frau hergestellt, der Handarbeit», sagt Stauffer und lacht dabei herzlich. Beruhigend fügt sie sogleich hinzu: «Ich provoziere gerne, kann aber auch sehr sanft sein.»

Der Kreis schliesst sich

Doris Stauffer freut sich über die Narrenfreiheit, die sie jetzt im Alter geniesst. «Ich muss mir nichts mehr beweisen, ich mache nur noch das, was meine Kräfte zulassen.» Sie hat mitgewirkt am vorliegenden Buch. Es ist eine Reaktion auf eine Ausstellung über ihren verstorbenen Mann Serge, die 2013 im Helmhaus stattfand. Eine kleine Ecke wurde damals auch ihrer Kunst eingeräumt. Das ermunterte ein Jahr später zwei Frauen, die Grafikerin Simone Koller und die Kunsthistorikerin Mara Züst, im Kunstraum «Les Complices» ein Buch über Doris Stauffer zu schreiben und anschliessend eine Ausstellung darüber zu initiieren. Aus dieser Ausstellung entstand das Buchprojekt. Nun hat sich der Kreis geschlossen. Doris Stauffer, die schon Urgrossmutter ist, hat damit alle Facetten abgebildet. Sie ist bereit, den Enkelinnen und Urenkelinnen von ihren wilden Umbruchzeiten zu erzählen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2015, 19:52 Uhr

«Doris Stauffer. Eine Monografie. Fotografin, Musikerin, Mannequin, Babyschwester, Erzieherin, Verkäuferin, Hausfrau, Hausfrau, Hausfrau, Hausfrau – Demonstrantin!», Scheidegger & Spiess, 49 Franken.

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