Gebären über den Geleisen

Das Geburtshaus Delphys hat neue Räume in der Genossenschaft Kalkbreite bezogen. Nicht nur der Blick aus den Gebärzimmern ist aussergewöhnlich, wie ein erster Rundgang zeigt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es riecht nach frischer Farbe in der zweiten Etage der Badenerstrasse 177. Ein paar Duftkerzen brennen gegen den Farbdunst an. «Du musst erst anklopfen. Der Maler ist noch da», warnt Helen Ruppert ihre Kollegin, die gerade in einen Nebenraum einbiegen will. Ruppert ist eine von 14 Hebammen, die im Geburtshaus Delphys arbeiten.

Am 5. August ist das Team vom bisherigen Standort an der Fridaustrasse 12 im Kreis 3 in die neuen Räumlichkeiten der Genossenschaft Kalkbreite im Kreis 4 gezogen. Noch immer sind die Frauen damit beschäftigt, Kisten auszuräumen. «Es hat noch nicht alles seinen Platz. Vor allem im Büro findet man einiges noch nicht. In den Gebärzimmern steht aber selbstverständlich alles schon bereit und ist bestens organisiert», sagt Maxi Keller, seit zweieinhalb Jahren Hebamme im Delphys.

Mehr Platz zum Gebären

Bisher ist im neuen Geburtshaus allerdings noch kein Baby zur Welt gekommen. «Einige Frauen hatten im Vorfeld des Umzugs Angst, dass sie plötzlich keinen Platz zum Gebären haben könnten», erinnert sich Ruppert. Das sei aber zu keinem Zeitpunkt ein Problem gewesen. «Bevor wir das Gebärzimmer im alten Haus geräumt haben, war eines der beiden neuen Zimmer hier bereits vollständig eingerichtet.» Einzig die Wochenbettabteilung war während ein paar Tagen geschlossen. Im Bedarfsfall wären die Frauen aber zu Hause betreut worden.

Das neue Geburtshaus ist auf zwei Etagen eingerichtet. Es verfügt über zwei Gebärzimmer – an der Fridaustrasse gab es nur eines davon. In der oberen Etage sind neu vier Wochenbettzimmer eingerichtet, und den Familien stehen zwei Badezimmer zur Verfügung. Im geräumigen Wohnzimmer steht ein grosser Tisch, an dem die frischgebackenen Eltern mit ihren Babys zum Essen zusammenkommen. Seit vergangenem Freitag sind die Wochenbetten bezugsbereit. Gestern Montagabend ist die erste Familie eingezogen. «Allerdings wurde das Baby nicht wie ursprünglich geplant bei uns geboren, sondern ungeplanterweise zu Hause», sagt Ruppert.

Hebammenteam bestimmte die Raumaufteilung

Die Raumaufteilung und den Innenausbau im neuen Geburtshaus hat das Delphys-Team selbst entwickelt und dazu eigens eine Einrichtungsgruppe bestimmt. Gut zwei Jahre hat dieser Prozess gedauert. Das Farbkonzept ist in Zusammenarbeit mit einer Farbgestalterin entstanden. «Jedes Zimmer hat einen anderen Anstrich erhalten und ist individuell eingerichtet», sagt Keller.

Bei der Raumaufteilung war laut Ruppert entscheidend, wo Fenster nötig sind, was logistisch Sinn macht, was an welche Stelle passt und was wie viel Platz braucht. «Es war rasch klar, dass wir in den unteren Etagen die Gebärzimmer einrichten werden. Die Erfahrung zeigt, dass sich Frauen zur Geburt eher zurückziehen und ungestört sein möchten. Aussenraum ist nicht nötig, und es braucht auch keine Turnhalle.»

Freier Blick aufs Tramdepot

Die Gebärzimmer sind in kräftigen Erdtönen gehalten. Eine Lichtinstallation lässt sich dimmen und farblich anpassen. Von der Decke hängt ein Tuch, in der Ecke stehen Sitzbälle, Hocker und Matten bereit. Neben einer Wanne steht ein grosses Bett im Zimmer. «Etwa 80 Prozent der Frauen steigen während der Geburt mal in die Wanne. Zwischen 40 und 50 Prozent bringen das Kind auch im Wasser zur Welt», sagt Ruppert. Man lasse die Frauen selbst entscheiden, was für sie am besten gehe. «Die wenigsten Frauen gebären aber im Bett. Dort ruhen sie sich meist nur aus.»

Bemerkenswert ist der Ausblick aus den Fenstern der Gebärzimmer: Sie geben die Sicht frei auf das Tramdepot unter dem Kalkbreite-Gebäude. «Der Blick auf die Geleise ist sicher aussergewöhnlich. Wir werden sehen, wie die Frauen darauf reagieren», sagt Keller. Im Bedarfsfall könne auch einfach der Vorhang gezogen werden. Natürlich habe man bei der Planung auch ein besonderes Augenmerk auf die Akustik gerichtet. «Die Wände und Fenster sind schallisoliert, und wir haben uns für einen Holzboden entschieden. Jetzt müssen wir erst mal schauen, wie sich das Ganze in der Praxis bewährt.»

«Es wurde schon vor vier Jahren zu eng»

Überhaupt muss sich alles noch einpendeln in den neuen Räumen. Der normale Arbeitsalltag habe noch nicht wirklich begonnen, so Ruppert, und es würden sich wohl noch die einen oder anderen Kinderkrankheiten zeigen. «Aber ich trauere den alten Räumen nicht nach. Es war alles in die Jahre gekommen. Boiler und Tumbler sind immer wieder ausgefallen, und die Fenster waren marode.» Abgesehen davon ist Ruppert schon jetzt begeistert von der Aussicht am neuen Arbeitsort. «Das Urbane dieser neuen Umgebung im Gegensatz zur vorherigen Quartierstrasse – und die herrlichen Sonnenuntergänge, die wir nun sehen können.»

Den Entschluss, einen neuen Platz für das Geburtshaus zu suchen, hat das Delphys-Team bereits vor vier Jahren gefasst. «Es wurde damals schon eng», erinnert sich Ruppert, die bereits seit 12 Jahren als Hebamme im Delphys arbeitet. «Allerdings war noch einiges unklar. Unter anderem musste der Innenausbau erst noch finanziert werden.»

Nachfrage kontinuierlich gestiegen

Inzwischen ist die Nachfrage kontinuierlich gestiegen. Seit Januar 2012 steht das einzige Geburtshaus der Stadt Zürich auf der Spitalliste des Kantons. Damit werden die Kosten für Geburt und Wochenbettbetreuung für Mutter und Kind von der Grundversicherung der Krankenkasse und vom Kanton übernommen. Das macht es auch jungen Müttern möglich, ihr Baby im Geburtshaus zur Welt zu bringen, was früher für viele zu teuer war.

Im vergangenen Jahr kamen im Delphys 165 Babys zur Welt. 2012 waren es 150 Geburten und 2011 noch 100. «In den neuen Räumlichkeiten haben wir nun Kapazitäten, um 180 bis 200 Geburten pro Jahr betreuen zu können», sagt Ruppert. «Es wäre aber nicht im Sinne unserer Philosophie, noch grösser zu werden. Deshalb nehmen wir pro Monat maximal 30 Frauen an», fügt Keller hinzu. «Wir wollen kein Minispital werden, sondern weiterhin eine individuelle, familiäre Betreuung ermöglichen. Das ist die grosse Qualität unseres Geburtshauses.»

Erstellt: 12.08.2014, 11:22 Uhr

Serie Siedlung Kalkbreite

Der «Tages-Anzeiger» berichtet in einer Serie über die neue Wohn- und Gewerbesiedlung Kalkbreite. Die vielfältigen Wohn- und Nutzungsformen sind neu für Zürich. In loser Folge beleuchtet die Artikelserie neben dem Gebärhaus die neuen Formen des Zusammenlebens, das Gewerbe, das Spannungsfeld zwischen privaten und öffentlichen Räumen und die architektonischen Besonderheiten des Kalkbreiteprojekts. (ame)

Artikel zum Thema

Die Siedlung mit eigenem Geburtshaus

In der neuen Überbauung Kalkbreite werden künftig auch bis zu 130 Kinder pro Jahr zur Welt kommen. Das Geburtshaus Delphys bezieht dort neue Räumlichkeiten. Der Umzug ist dringend nötig. Mehr...

Triemli-Spital macht den Geburtshäusern Konkurrenz

Die Maternité des Stadtspitals führt die Hebammen-Geburt ein: Frauen können dort ohne ärztliches Beisein gebären – in einem Raum ohne Klinikatmosphäre. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Farbenspiel: Hibiskusblüten spiegeln sich auf einer nassen Fensterscheibe bei Frankfurt am Main. (14. Juli 2019)
(Bild: Frank Rumpenhorst) Mehr...