Gefährlicher Dampf aus Übersee

Juul hat mit seiner E-Zigarette den US-Markt überrollt, die Rede ist von einer Epidemie unter Jugendlichen. Nun steht der Schweizer Start bevor. Schulen sind alarmiert.

Hohe Suchtgefahr: Junge Menschen sprechen auf E-Zigaretten der Marke Juul besonders an. Foto: Getty Images

Hohe Suchtgefahr: Junge Menschen sprechen auf E-Zigaretten der Marke Juul besonders an. Foto: Getty Images

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An einem Elternabend am freien Gymnasium in Zürich (FGZ) ist vor einigen Wochen Alarm geschlagen worden. Eine Mutter äusserte sich besorgt über ihre Söhne, 18- und 20-jährig – ­beide sind nikotinabhängig. Alle 45 Minuten würden sie sich zurückziehen, um an einer E-Zigarette zu ziehen, sagte sie vor ver­sammelter Elternschaft. Auch weitere Eltern zeigten sich besorgt, da am FGZ auf der Toilette und im Lift von Schülern E-Zigaretten geraucht würden. Die Rede ist nicht von gewöhnlichen ­E-Dampfgeräten, sondern von jenen des US-Herstellers Juul.

Diese stehen in den USA in der Kritik. Behörden sprechen von einer Epidemie. 3,6 Millionen Jugendliche dampfen in den USA. Klagen sind hängig. Das kalifornische Start-up hat den Markt überrollt. Sein Marktanteil bei den E-Zigaretten ist auf über 70 Prozent gestiegen. Die Firma hat laut Bloomberg einen Wert von 15 Milliarden Dollar.

Bald an Schweizer Kiosken

Nun plant Juul den Einstieg in den deutschen und den Schweizer Markt. Die Pläne sind weit fortgeschritten. Schweizer Chef ist laut «Handelszeitung» Jonathan Green. Dem Vernehmen nach sollen die kleinen designten E-Dampfgeräte, die USB-Sticks gleichen, in Schweizer ­E-Zigaretten-Shops und an Valora-Kiosken bereits ab Dezember erhältlich sein. Coop soll ein halbes Jahr später folgen.

Auf den sozialen Medien finden sich hunderte von Juul-Beiträgen. Viele stammen von Jugendlichen oder richten sich an sie. Video: Instagram

«Uns ist die Problematik bewusst», sagt der Rektor des FGZ, Thomas Bernet. Das Problem sei zwar nicht sichtbar gewesen, da die Schüler die E-Zigaretten heimlich rauchen würden. Doch seit besagtem Elternabend sei die Lehrerschaft alarmiert. Entsprechende Massnahmen mit der Suchtpräventionsstelle seien auf nächstes Jahr geplant. Was diese genau beinhalten, kann Bernet noch nicht sagen.

Auch anderen Schulen im Kanton ist der Trend Juul bekannt. Die Zurich International School in Wädenswil etwa führte bereits Informationsveranstaltungen durch, um Eltern und Schüler aufzuklären. Anders sieht es an den meisten Kantonsschulen oder am KV Zürich aus. Hier war Juul bisher kein Thema.

Ehemaliger Apple-Designer

Die Co-Leiterin des kantonalen Tabakpräventionsprogramms des Kantons Zürich, Stephanie Unternährer, kennt das Problem: «Die Situation verschärft sich mit einem Produkt wie Juul.» Sorge bereitet ihr, dass diese Art von ­E-Zigarette vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen hohe Beliebtheit geniesse. «Es gibt Indizien, dass der Übertritt zur herkömmlichen Zigarette vereinfacht wird», sagt sie.

Dank weitverbreiteten Hashtags wie #juuling oder Bildersammlungen bei Instagram und dem resultierenden coolen Image hat die Marke rasche Verbreitung gefunden. Laut Kritikern sei auch das schlanke Design wie zugeschnitten auf ein junges Publikum – der Juul-Gründer Adam Brown war einst Design-Ingenieur bei Apple. Dazu passen auch die weitverbreiteten Geschmacksrichtungen Mango, Crème brulée oder Gurke.

Bisher war Juul in der Schweiz einzig über den Zürcher Händler Happysmoke.ch erhältlich. Geschäftsführerin Mirjam Freimuth sagt, dass sich ihre Kundschaft nicht nur aus Jugendlichen zusammensetze. Im Schnitt seien ihre Juul-Käufer um die Mitte 40. Auf ihrer Website wird Juul als Ausstiegsmöglichkeit für Raucher beworben. Dies entspricht auch den Absichten des Herstellers; diese werden allerdings bereits vor Gericht behandelt, wie die «SonntagsZeitung» schreibt.

Kick dank Nikotinsalz

Die europäischen Juul-E-Zigaretten unterscheiden sich von jenen in den USA durch ihren Nikotingehalt. Dort ist er mit 50 Milligramm pro Füllung beinahe doppelt so hoch wie jener in der EU und in der Schweiz. Gleich ist jedoch der sogenannte Throat Hit, der Kick im Hals, der sich beim Rauchen von Juul-Zigaretten zeigt. Ein erklärtes Verkaufsargument von Juul. Der Kick verdankt sich dem Nikotinsalz, das bei Juul statt flüssigen Nikotins verwendet wird. Das Salz schiesst laut Betreibern schneller in den Körper ein als die Flüssigkeit. Damit ähnelt das Rauchen von Juul jenem von Tabakzigaretten.

10'000 Juul-E-Zigaretten hat Happysmoke.ch bereits verkauft. Bei einem Stückpreis zwischen 45 und 65 Franken. Freimuth geht davon aus, dass pro verkaufte E-Zigarette 50 Pods verkauft würden, bevor jene wieder ersetzt werden müssten. Man kann von einer halben Million verkauften oder noch zu verkaufenden Einheiten ausgehen. Die meisten Verkäufe tätigte Happy­smoke.ch nicht über seine Website, sondern in seinen Geschäften in Schlieren und Zug.

Die Situation an den Zürcher Schulen dürfte sich mit der Markteinführung deutlich verschärfen, glaubt Stephanie Unternährer von der Tabakpräventionsstelle. «Es besteht eine Wissenslücke», fügt sie an. «Wir möchten nun in erster Linie Schlüsselpersonen im Umfeld von Jugendlichen sensibilisieren und informieren», sagt Unternährer.

Rasante Umsatzsteigerung

Die Kantonsschulen sind erst kürzlich auf das Phänomen Juul aufmerksam geworden. E-Zigaretten aber sind bei ihnen seit langem ein Thema. Ob es spezifische Massnahmen betreffend Juul geben wird, ist noch nicht definiert. Grundsätzlich sollen sie gleichbehandelt werden wie herkömmliche E-Zigaretten, sagt Vigeli Venzin, Leiter Prävention Mittelschulen und Berufsbildung.

Der E-Zigaretten-Markt entwickelt sich in der Schweiz rasant. Gemäss dem Präsident der Swiss Vape Trade Association, Stefan Meile, hat sich der Umsatz zwischen 2015 und 2018 um mehr als das Dreieinhalbfache erhöht: von 17 auf über 60 Millionen Franken. Experten gehen davon aus, dass sich Juul in der Schweiz ähnlich schnell verbreiten wird wie in den USA.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.11.2018, 10:34 Uhr

Zu den E-Zigaretten fehlen die gesetzlichen Bestimmungen

Elektronische Zigaretten, sogenannte E-Zigaretten oder E-Dampfgeräte, enthalten keinen Tabak. Deshalb fallen sie durch die Maschen des eidgenössischen Lebensmittelgesetzes oder des kantonalen Gesundheitsgesetzes. Aus diesem Grund starteten die drei EVP-Kantonsräte Beat Monhart (Gossau), Daniel Sommer (Affoltern am Albis) und Mark Anthony Wisskirchen (Kloten) eine Motion.

Darin forderten sie den Regierungsrat auf, das Gesundheitsgesetz so zu revidieren, dass «E-Zigaretten sowie alle nikotinhaltigen Produkte im Kanton Zürich so rasch wie möglich den gleichen rechtlichen Vorgaben unterliegen wie Zigaretten und herkömmliche Raucherwaren». «Das Anliegen der Motionäre ist grundsätzlich nachvollziehbar und zu unterstützen», hält der Regierungsrat in seiner gestern veröffentlichten Antwort fest. Trotzdem beantragt er dem Kantonsrat, die Motion abzulehnen. Er sei aber bereit, das Anliegen als unverbindliches Postulat entgegenzunehmen.

Grund für die beantragte Ablehnung: Dem vordringlichsten Anliegen der Motion, nämlich dem Jugendschutz, wird nach Einschätzung der Regierung bereits «Genüge getan». Auf eidgenössischer Ebene kommt Anfang 2019 der zweite Entwurf des «Bundesgesetzes über Tabakprodukte und elektronische ­Zigaretten» ins Parlament. Allerdings ist mit dem Inkrafttreten des Tabakproduktegesetzes erst auf Mitte 2022 zu rechnen.

Um die Lücke im Bereich des Jugendschutzes aber sofort zu schliessen, haben sich in diesem Herbst der Branchenverband der E-Dampfer und diverse Marktteilnehmende – darunter die Kioskbetreiberin Valora, Coop und Denner – in einem ­Kodex verpflichtet, auf die Abgabe von ­E-Dampfgeräten und Liquids an unter 18-Jährige zu verzichten, ebenso auf Werbung unter anderem an Veranstaltungen und Orten, an denen sich hauptsächlich Jugendliche aufhalten.

Thomas Hasler

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