Gefangen in der Drehtüre

Eine neue Zürcher Studie erschreckt mit einer Zahl: 96 Prozent der Obdachlosen in der Stadt Zürich seien psychisch krank.

Schlafen unter der Brücke: Eine obdachlose Person bereitet sich auf die Nacht vor. (Bild: TA-Archiv)

Schlafen unter der Brücke: Eine obdachlose Person bereitet sich auf die Nacht vor. (Bild: TA-Archiv)

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Die meisten sind süchtig, viele depressiv, ein Viertel leidet an Psychosen. Einige haben keine Einsicht in ihre Krankheit und leben ihre Symptome aus. Die meisten sind damit allein, und alle werden zur Belastung für Einrichtungen wie etwa Notschlafstellen, die sie nicht angemessen betreuen können.

Wie es dazu kommen konnte, drückt ein abschätzig klingendes Sprachbild präzise aus: Drehtür-Psychiatrie. Es geht seit Jahrzehnten immer mehr darum, psychisch Kranke so spät wie möglich einzuliefern und so bald wie möglich zu entlassen. Das hat zunächst therapeutische Gründe. Wer in eine psychiatrische Klinik kommt, vor allem in eine geschlossene Abteilung, regrediert rasch, das heisst, er verliert seine Autonomie, sein Selbstwertgefühl sowieso, und es wird für ihn noch schwieriger, mit dem Alltag zurechtzukommen. Je länger der Aufenthalt, desto schwerer der Neuanfang.

Kliniken verkommen zu Notfallstationen

Diese betreuerische Beschleunigung hat auch mit Geld zu tun: Geschlossene Abteilungen in den Kliniken wurden weggespart oder eingeschränkt, das Allgemeinbett wurde abgeschafft. Laufend wächst der Druck auf die Institutionen, ihre Kranken so rasch wie möglich wieder auszusortieren. Das führt dazu, dass manche Patienten nur für kurze Zeit, dafür immer wieder hospitalisiert werden.

Das geht zulasten von Kontinuität, Stabilität und Vertrauen, besonders wichtige Grössen für psychisch Kranke. So verkommen Kliniken zu Notfallstationen, das macht die schwere Arbeit von Psychologen und Psychiatern im Aussendienst noch schwieriger – eine Arbeit im Übrigen, die immer noch geringer geachtet und bezahlt wird als das, was anderen medizinischen Spezialisten zukommt. Und wer gar nicht betreut wird, endet bei der Dargebotenen Hand, in einer Notschlafstelle oder auf der Strasse.

Das ist ungerecht, denn: Während bei den allgemeinen Patienten Betten abgebaut werden, bieten sich immer mehr Privatkliniken jenen Kranken an, die sich eine teure und aufwendigere Behandlung leisten können. Damit wird der Zugang zur Therapie zu einer Klassenfrage.

Erstellt: 05.06.2014, 21:30 Uhr

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