Gegen Discobässe kam Beethoven nicht an

Die Staatskapelle Halle erhielt in der Tonhalle lautstarke Konkurrenz. Eine Party im benachbarten Kongresshaus sorgte für erboste Konzertbesucher.

Im Normalfall gehört die Tonhalle zu den akustisch besten Sälen der Welt.<br />Foto: Keystone (Archivbild)

Im Normalfall gehört die Tonhalle zu den akustisch besten Sälen der Welt.
Foto: Keystone (Archivbild)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Es war eine Katastrophe.» So lautet die vernichtende Kritik von Hermann Steiger, dem treuen Besucher der Zürcher Tonhalle, zum Beethoven-Konzert vom vergangenen Freitag. «Bei solchen Eintrittspreisen inakzeptabel», rügt ein anderer Zuhörer. Ein weiterer moniert: «Schade für ein wunderbares Konzert, dass es so in die Hosen ging.» Und: «Das Beethoven-Konzert war ein eindrückliches Erlebnis der negativen Art.» Damit meinen die Tonhalle-Besucher aber nicht etwa das Können der aufspielenden Staatskapelle Halle oder der Violinsolistin Sophia Jaffé.

Es geschah just als die Geigerin – nach der tonstarken Ouvertüre von Fidelio – zu ihrem Solo ansetzte. Sie sah sich mit einer unsichtbaren und lautstarken Konkurrenz konfrontiert. Die Irritation der Zuhörer war gross: «Plötzlich ertönte so etwas wie tiefes Donnergrollen», berichtet Hermann Steiger. Andere beschreiben die Störung als «Paukenschläge einer Band oder eines Orchesters, das in den Nebenräumen spielte» und als «lautes Gedröhne einer Guggenmusik, die im Kongresshaus spielte».

Der Dirigent hält durch

Krachmacher waren aber weder Fasnächtler noch ein anderes Orchester. Eine Firma feierte an diesem Abend im Kongresshaus ein Fest, dessen Discobässe bis in die Tonhalle zu hören waren. «Der Dirigent liess sich vom hör- und spürbaren Rhythmus nicht beirren und dirigierte tapfer sein Konzert zu Ende. Und wir braven Zuhörer hielten auch ebenfalls tapfer durch, immer in der Hoffnung, das Bumbum höre endlich auf – vergeblich», schildert eine Zuhörerin. Und schliesst ihre Reklamation: «In einem der akustisch besten Säle der Welt hörten wir zwei Konzerte gleichzeitig. Das ist fürs Orchester, für die Zuhörer und den Veranstalter etwas, wofür mir die Worte fehlen, wenn ich höflich bleiben will.» Ein Konzertbesucher will erbost wissen: «Wieso wurde hier nicht eingegriffen? Wo war der Verantwortliche der Tonhalle?»

Das wäre Titus Meier, Direktor des Kongresshauses Zürich – er war an diesem Freitagabend anwesend. «Wir bedauern den Vorfall sehr», sagt Meier. Die räumliche Nähe des Tonhalle-Saals und des Kongresshauses sei in der Tat problematisch. Meier spricht von einem Einzelfall. «Es ist mir nicht bewusst, dass so etwas je schon vorgekommen ist.» Mit der feiernden Firma war vereinbart, dass während des Konzerts die Musik aus den Lautsprechern dezent bleiben würde. Das war offensichtlich nicht der Fall. «Wir haben versucht, Gegensteuer zu geben, was nicht gelang. Fakt ist, es war zu laut.» Andererseits habe das Orchester länger gespielt als geplant. «Alles Angaben, die wir am Montag klären werden.» Auch wenn es sich um einen Einzelfall handle, dürfe so etwas nicht mehr vorkommen. «Wir werden unsere Lehren daraus ziehen.»

«Empfindlicher Imageschaden»

Martin Niederer vom Theater Club Zürich, der das Konzert in der Tonhalle veranstaltete, ist ob des Vorfalls enttäuscht. Die Situation sei für ihn nicht nur gegenüber dem Publikum, sondern auch gegenüber den Musikern «hochnotpeinlich». Er hat ein Schreiben an Kongresshausdirektor Meier verfasst. Darin beanstandet er, «dass das Kongresshaus die Voraussetzungen für einen störungsfreien Konzertablauf nicht erbracht hat».

Es sei ein empfindlicher Imageschaden für die Tonhalle und für das Kongresshaus entstanden, sagt Niederer. Er schlägt vor, die betroffenen Zuhörer zu einem «Wiedergutmachungskonzert» einzuladen, bei welchem der Theater Club Zürich die Gage der Künstler übernehmen will und das Kongresshaus die Tonhalle kostenlos zur Verfügung stellen soll. Kongresshausdirektor Titus Meier verspricht: «Ein Gespräch mit dem Konzertveranstalter wird die weitere Vorgehensweise klären.»

Erstellt: 15.02.2015, 22:56 Uhr

Artikel zum Thema

Aus Tonhalle-Orchester wird Industriehallen-Orchester

Während der Renovierung der Tonhalle und des Kongresshauses muss die Hochkultur nach Zürich West ausweichen. Dorthin, wo sonst Leute wie James Blunt oder Ed Sheeran spielen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...