Geheimgang in der Unterwelt des Niederdorfs

Der älteste Abwasserkanal Zürichs wird renoviert: Der Wolfbachkanal unter der Altstadt ist begehbar und verrät Intimstes über die Stadtbevölkerung.

Unterirdischer Spaziergang: Im Stollen unter Neumarkt und Zähringerplatz hindurch und bis zur Mühlegasse.

Unterirdischer Spaziergang: Im Stollen unter Neumarkt und Zähringerplatz hindurch und bis zur Mühlegasse. Bild: Reto Oeschger

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Der Abstieg in die Unterwelt beginnt beim Obergericht. Durch einen engen Schacht geht es über eine Leiter fünf Meter in die Tiefe. Unten angekommen, findet man sich in einem überraschend geräumigen, knapp drei Meter hohen Stollen, dem Wolfbachkanal. Es ist feucht und riecht streng im Abwasserkanal, die Böden sind glitschig, sie glänzen im Licht von mobilen Scheinwerfern. Der Wolfbachkanal wird seit Mitte Januar saniert, er befindet sich in schlechtem Zustand, wie Christoph Wyss vom Tiefbauamt bei einer Besichtigung erklärt.

Der Kanal verläuft auf einer Länge von rund 500 Metern quer unter der Altstadt und ist durchgängig begehbar. «Man kann unter Neumarkt, Brunngasse und Zähringerplatz hindurch bis zur Mühlegasse spazieren», sagt Wyss. Phasenweise allerdings nur in gebückter Haltung, denn an einigen Stellen beträgt die Höhe weniger als 1,60 Meter.

«Wir sehen viel Unappetitliches»

Derzeit sind die Arbeiter daran, mit dem Hochdruckreiniger Schlamm und Schmutz von den Kanalwänden zu entfernen. Ihr Arbeitsort ist eng und dunkel – nichts für Menschen, die Platzangst haben oder sich leicht ekeln. «Wir sehen viel Unappetitliches», erklärt ein Arbeiter in Helm und Overall. Es werde alles Mögliche ins WC geworfen, von Windeln über Strumpfhosen und Putzlappen bis zu Kondomen.

Die Kanalarbeiter tragen ein Gaswarngerät mit sich, das sie vor gefährlichen Dämpfen warnt. Im Stollen wurde zudem eine Alarmanlage installiert. Sie soll die Arbeiter im Fall einer plötzlichen Überflutung nach starkem Regen schützen. «Wenn das Wasser kommt, gilt: Sofort alles stehen lassen und raus aus dem Kanal», sagt der Arbeiter.

Die Sanierung des historischen Kanals kostet rund 2,5 Millionen Franken und soll im September beendet sein.

Steine aus der alten Stadtmauer

Der Wolfbachkanal in seiner heutigen Form ist etwa 150 Jahre alt. Doch weite Teile stammen aus viel früheren Zeiten. Er gilt als der älteste noch erhaltene Abwasserkanal der Stadt, wie der Archäologe Urs Jäggin vom Amt für Städtebau sagt. Der Wolfbach, der auf dem Adlisberg in der Nähe des Dolders entspringt, floss ursprünglich offen durch die Altstadt. Von Hottingen her verlief der Bach in Richtung Heimplatz und Neumarkt und mündete bei der Rudolf-Brun-Brücke in die Limmat. Heute wird der Wolfbach bereits ab der Bergstrasse in Hottingen unterirdisch geführt und fliesst von dort in Richtung Utoquai.

Laut Jäggin wurde der Wolfbach schon früh als Abwasserkanal genutzt und bereits im Mittelalter kanalisiert. Einen Beleg dafür bietet der Murerplan, ein Holzschnitt der Stadt Zürich von 1576. «Man musste den Bach wohl zwangsläufig sichern und kontrolliert in die Stadt fliessen lassen, um Überschwemmungen zu verhindern.» Für Archäologen ist der Wolfbachkanal noch aus einem anderen Grund interessant. Er durchquert beim Obergericht die mittelalterliche Stadtbefestigung. In den Kanalwänden finden sich deshalb Steine aus der einstigen Stadtmauer. «Das müssen wir näher untersuchen», sagt Jäggin. Deshalb steigen die Archäologen noch in diesem Monat in den Kanal hinunter.

Grenadiere probten Ernstfall

Der Wolfbachkanal war auch schon Schauplatz von Polizeiübungen. Grenadiere trainierten dort, wie sie im Fall einer Geiselnahme im Obergericht via den Stollen möglichst unbemerkt ins Gebäude gelangen können.

Das Zürcher Entwässerungsnetz ist ein riesiges Labyrinth unter der Erde. Die kommunalen Kanäle weisen eine Gesamtlänge von gegen 1000 Kilometern auf und führen direkt ins Klärwerk Werdhölzli. Das Abwasser gelangt durch 3000 Kilometer private Abwasserleitungen in die Kanalisation, wo 54 Pumpwerke für einen konstanten Fluss sorgen. «Spätestens drei Stunden nachdem Sie die Toilettenspülung betätigt haben, kommt Ihr Abwasser im Klärwerk an», heisst es auf der Website von Entsorgung und Recycling Zürich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.02.2012, 14:41 Uhr

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