Gekündigt, gefeuert, ausgebrannt

Jahrelang herrschten Konflikte im Zürcher Stadtrichteramt: In nur vier Jahren wurde über ein Drittel der Belegschaft ersetzt.

Illustration: Felix Schaad

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Das Zerwürfnis beginnt mit einer Rede. Als Zürichs neue Leitende Stadtrichterin 2015 ihr Amt antritt, steht sie vor die Belegschaft und sagt: «Ich hatte einmal einen Chef, der sagte, er müsse lediglich auf dem Kutscherbock sitzen und seinen Pferden die Richtung vorgeben. Seine Pferde wüssten dann schon, wie man die Probleme im Einzelnen bewältigt.» Und sie schiebt nach: «Ich teile diese Meinung nicht.» So steht es in ihren Notizen zur Antrittsrede.

Dass sie die Meinung nicht teile, ging wohl unter. Haften blieb das Bild der Chefin auf dem Kutschbock. Mehrere Personen, welche die Rede miterlebt haben, erzählen diese Anekdote heute unabhängig voneinander und ergänzen sie: Die Amtschefin war für sie später die «Kutscherin mit der Peitsche».

Streit und Entlassungen

Die unterschiedliche Erinnerung steht sinnbildlich für das Erlebte in den vergangenen Jahren. Das Stadtrichteramt befindet sich jahrelang in einer schweren Krise. Es geht um Arbeitskon­flikte, schlechte Stimmung, einen angewachsenen Pendenzenberg. 18 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren mindestens einen Monat krankgeschrieben – 6 von ihnen sagen dem TA, die Zustände am Arbeitsplatz seien bei ­ihnen dafür verantwortlich gewesen. 17 der rund 70 Mitarbeitenden haben unter der Leitenden Stadtrichterin gekündigt. Hinzu kommen drei Trennungen im gegenseitigen Einvernehmen und vier Entlassungen.

Das Stadtrichteramt ist zuständig bei Gesetzesübertretungen mit Bussen bis zu 500 Franken. Ein Dutzend Stadtrichte­rinnen und Stadtrichter plus knapp 60 Mitarbeitende betreiben ein Massengeschäft mit jährlich rund 90'000 Fällen, von der nicht bezahlten Parkbusse bis zu häuslicher Gewalt. Im vergangenen Jahr stellten sie über 70'000 Strafbefehle aus. Das Stadtrichteramt gehört mit der Polizei, Schutz&Rettung und der Dienstabteilung Verkehr zu den vier Ämtern des städtischen Sicherheitsdepartements.

Die pendenten Fälle sind in den Jahren unter der Leitenden Stadtrichterin von 5700 auf zwischenzeitlich 13'000 angestiegen.

Eine Reihe ehemaliger Mitarbeitender aus verschiedenen Bereichen des Amts finden heute wenig lobende Worte für die Leitende Stadtrichterin, die mittlerweile freigestellt ist.

Ex-Angestellte berichten ausführlich von Streit mit der Chefin. Sie habe sie erniedrigt, und wegen Kleinigkeiten habe es Einträge ins Personaldossier gegeben, behaupten sie. Konfrontiert mit diesen Darstellungen, sagt die heute 57-Jährige, dies seien «sehr bösartige Unterstellungen». Sie weise die Vorwürfe zurück. Es habe «auffallend viele Abwesenheiten» auch wegen Operationen und Unfällen gegeben, sagt die Ex-Chefin.

Im Jahr 2017 überschritt das Amt das Personalbudget um über 162'000 Franken, weil es derart viele Wechsel gab. Im Jahr davor sei es aber um etwa ebenso viel unterschritten worden, heisst es beim Departement. Die pendenten Fälle sind in den Jahren unter der Leitenden Stadtrichterin von 5700 auf zwischenzeitlich 13'000 angestiegen. Noch heute ist das Amt im Rückstand und hat 6900 pendente Fälle.

Auftrag: Amt umkrempeln

Um zu verstehen, wie es so weit kommen konnte, muss man zurück ins Jahr 2011 blicken. Damals wurde die Eidgenössische Strafprozessordnung eingeführt. Sie brachte für das Stadtrichteramt Mehraufwände. Den Stadtrichtern fiel es schwer, die neuen, strengeren Voraussetzungen umzusetzen. Intern fehlte der Teamgedanke weitgehend, die Geschäftsleitung war zerstritten. Die Fluktuation war damals schon hoch. Als Stadtrat Richard Wolff die neue Leitende Stadtrichterin als Chefin einsetzte, lautete ihr Auftrag: das Amt umkrempeln. Die damals 52-Jährige hatte sich gegen 14 Mitbewerber durchgesetzt – darunter auch der bisherige stellvertretende Leitende Stadtrichter.

Bald nach Stellenantritt beauftragte die Amtschefin zusammen mit Wolff das externe Institut für Arbeitsforschung und Organisationsberatung (Iafob) mit einer Analyse der internen Organisation. Kostenpunkt: 80'000 Franken. Der Abschlussbericht vom August 2016 liegt dem TA vor. Er übt auch Kritik an der Leitenden Stadtrichterin: Sie habe «mit ihrem Einstieg Abläufe und Arbeitsergebnisse zu schnell und zu stark hinterfragt, kritisiert und zu viel Misstrauen zum Ausdruck gebracht». Die «Anstösse» der neuen Leitung hätten zu wenig nachhaltigen Veränderungen geführt. Weiter heisst es: «Diese Situation macht sich auch auf der Ebene der Mitarbeitenden bemerkbar – u.a. Irritation, Misstrauen und Ärger prägen die interne Arbeitskultur.»

Sie habe sicher auch Fehler gemacht, und ihr sei es bis zum Bericht nicht gelungen, sich «insgesamt als positive Leitung zu etablieren», sagt die Ex-Amtschefin heute im Büro ihres Anwalts an der Bahnhofstrasse. «Misstrauen und wenig Offenheit» habe sie schon bei ihren Erstgesprächen mit Mitarbeitenden bemerkt.

Von «grossen Spannungen» im Stadtrichteramt spricht heute auch Stadtrat Wolff, der in­zwischen ins Tiefbaudepartement gewechselt ist.

Ihr damaliger Stellvertreter war ihr gegenüber besonders kritisch gestimmt. Er erstellte einen Katalog mit zahlreichen Kritikpunkten und suchte den Dialog mit Richard Wolff – vergeblich. Der damalige Sicherheitsdirektor trennte sich kurz vor Weihnachten 2016 von ihm. Wolff sagt heute: Der Katalog sei «eine extrem subjektive Sichtweise des Mitarbeiters» gewesen.

Die Stimmung im Stadtrichteramt wurde danach aber nicht besser. Weitere Kündigungen, Krankschreibungen und Frühpensionierungen folgten. Wolff hielt dennoch an der Leitenden Stadtrichterin fest und richtete sich gegen ihre Kritiker: «Es war nicht mein Ziel, Leute zu halten, die gegen Änderungen waren.»

Mehrere ehemalige Mitarbeitende räumen ein, einige hätten sich damals gegen die Veränderungen gesträubt. Sie kritisieren aber vor allem den Führungsstil der Leitenden Stadtrichterin als resolut. Die Ex-Amtschefin hingegen spricht von einer «speziellen Situation». Einige in ihrem Amt hätten gegen sie gearbeitet und einzelne sich mit ihr als Führungsperson schwergetan. «Ich bestreite, einen resoluten Führungsstil zu pflegen. Fehler anzusprechen, gehört zu den Führungsaufgaben», sagt die Ex-Amtschefin. Absenzen einzelner Mitarbeitenden hätten den Druck auf andere erhöht, zumal die Arbeitslast ohnehin schon hoch sei. Von Kündigungen könne man aber nicht auf Konflikte schliessen, sagt sie. Ausserdem habe sie auch viele positive Rückmeldungen auf ihre Arbeit erhalten und die Arbeitszeugnisse seien alle «sehr gut» gewesen. Drei Zeugnisse, die der TA einsehen konnte, sind in der Tat tadellos.

Von «grossen Spannungen» im Stadtrichteramt spricht heute auch Stadtrat Wolff, der in­zwischen ins Tiefbaudepartement gewechselt ist. Das Amt habe «personelle, organisatorische und juristische Mängel gehabt». In dieser Situation habe er erst recht den Rücken seiner Amtschefin gestärkt.

Rykart greift durch

Wolff sah keinen Grund, wegen der Konflikte im Amt Massnahmen wie etwa eine Mediation oder ein Coaching zu treffen. Im Herbst 2017 wurde eine neue Stellvertreterin der Leitenden Stadtrichterin eingestellt. Zu Beginn schien sich die Situation zu bessern. Das Verhältnis der beiden Frauen war gut. Als Wolff im Frühsommer 2018 das Departement wechselte, sei das Stadtrichteramt «wesentlich besser aufgestellt» gewesen als bei seinem Antritt, sagt er.

Karin Rykart übernahm das Departement. Und kurz nach ihrem Antritt gerieten die Lei­tende Stadtrichterin und ihre neue Stellvertreterin aneinander. Letztere suchte im Sommer 2018 das Gespräch mit dem Departement – erfolglos. Nachdem die Stadtrichter Ende 2018 bei ­Rykart vorgesprochen und sich für die Stellvertreterin ausgesprochen hatten, schlug die Stadträtin den beiden Parteien eine Mediation vor. Sie kostete mehrere Tausend Franken und blieb ebenfalls erfolglos. Auch die Ombudsfrau vermittelte vergeblich.

In der Folge stellte Rykart der Leitenden Stadtrichterin einen Coach zur Seite. Auch diese Massnahme «führte nicht zu einer Entspannung der Situation», sagt Rykart heute. Und als sich im vergangenen Juni eine weitere leitende Mitarbeiterin krankschreiben liess, besprach die Stadträtin die Auflösung des Arbeitsverhältnisses mit der Leitenden Stadtrichterin und ihrer Stellvertreterin. «Das wurde im Herbst in beiden Fällen im gegenseitigen Einverständnis abgeschlossen», sagt Rykart. Beide Frauen sind heute freigestellt.

Der eingesetzte Coach leitet nun das Amt ad interim. «Er bringt Ruhe ins Amt», sagt ­Rykart. Die Situation habe sich entspannt. Die Pendenzen bei den Fällen würden abnehmen.

In der Kutsche rumpelt es weniger. Die Amtschefin ist vom Kutschbock heruntergestiegen.

Erstellt: 16.12.2019, 07:10 Uhr

Hinter der Recherche

Der «Tages-Anzeiger» wurde von Quellen über die Zustände im Stadtrichteramt aufmerksam gemacht. In der folgenden mehrwöchigen Recherche sprach die Zeitung mit über einem Dutzend Personen aus dem Stadtrichteramt oder dem Sicherheitsdepartement und führte mit rund der Hälfte von ihnen mehrere Gespräche. Die Auskunftspersonen bleiben anonym, weil sie dem Amts­geheimnis unterstehen oder der arbeitsrechtlichen Treuepflicht unterliegen. (zac)

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