Geliebt, gehasst, illegal

Die Zürcher Strassenkunstszene ist zurzeit äusserst lebendig. Erlaubt ist sie aber nur auf einem schmalen Uferstreifen. Politiker und Künstler fordern ein Umdenken.

Den Zürchern gefallen ihre Songs: Die Holländerin Dana Leeuwenburgh alias Elizabeth.(Video: Lea Koch / Martin Sturzenegger)

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Eine Klassikerszene aus «Asterix und Obelix»: Der Barde Troubadix stimmt seine Leier und möchte gerade zum Gesang ansetzen. Da knallt es: Mit einem gezielten Faustschlag bringt Dorfschmied Automatix den ungeliebten Barden zum Schweigen. Ähnliches spielte sich kürzlich im Zürcher Niederdorf ab: Ein italienischer Musiker setzte zum Spielen an. Kaum erklang der erste Akkord, ging ein Fenster auf: «Wenn du nicht sofort abhaust, rufe ich die Polizei», schrie ein Anwohner.

Der Musiker unterbrach seine Canzone, doch er wird wiederkommen: «99 Prozent der Reaktionen sind positiv, und die Polizei hat bisher keine Probleme gemacht», sagt der 43-Jährige. Er ist einer von mehreren Strassenkünstlern, die in diesen Sommertagen die Altstadt zu ihrer Bühne erklären. Allein am Montagabend postierten sich innerhalb von 200?Metern ein Klassik-Trio, eine Funkband und ein Mariachi-Duo. Sie tun dies ohne offizielle Erlaubnis, doch mit steigender Spiellust.

Charles A. Weibel vom Quartierverein Zürich 1 bestätigt das verstärkte Aufkommen: «Am Anfang war es ja noch ganz nett. Doch inzwischen spielen sie gar mit Verstärker.» Er fordert die Polizei deshalb auf, stärker zu patrouillieren. Was für gewisse Anwohner offenbar zur Belastung wird, freut andere: Passanten, Touristen oder Arbeitende, die beim Feierabendbier nach Unterhaltung lechzen. «Die Musiker verleihen dem Quartier mehr Lebensfreude. Das freut unsere Gäste», erklärt eine Kellnerin im Café Henrici.

Neue Zonen für Strassenkunst

Petek Altinay hat genug von der rechtlichen Grauzone. Die Zürcher Gemeinderätin (SP) lancierte gemeinsam mit Matthias Probst (Grüne) ein Postulat, in dem sie den Stadtrat auffordert, eine Liberalisierung der Strassenkunst zu prüfen. Die Idee: Zentrumsgebiete wie das Niederdorf, der Sechseläutenplatz, Zürich-Nord und Zürich-West sollen zusätzlichen, legalen Raum für die Künstler bieten. Anfang Monat wurde der Vorstoss überraschend deutlich angenommen und liegt nun zur Beantwortung beim Stadtrat. Die politischen Gegner stammen vornehmlich aus der SVP: «Wir sind nicht grundsätzlich gegen Strassenkunst, doch alles hat seine Grenzen», sagt Gemeinderat Mauro Tuena. Eine Liberalisierung würde nicht nur mehr Lärm verursachen, sondern auch unliebsame Gäste anziehen: «Der Übergang vom Künstler zum aufdringlichen Bettler ist manchmal fliessend.»

Kaspar Tribelhorn ist einer der wenigen hauptberuflichen Strassenkünstler in der Schweiz. Der 30-jährige Aargauer bestätigt, dass der Ruf der hiesigen Strassenkunst aufgrund einiger «schwarzer Schafe» gelitten habe. Er glaubt jedoch, dass gerade eine Liberalisierung diesbezüglich förderlich wäre: «Bessere Rahmenbedingungen ziehen bessere Shows an», sagt der preisgekrönte Jongleur. Als Beispiele nennt er den Covent Garden in London oder den Dam Square in Amsterdam. «Das sind richtige Be­suchermagnete. Viele Leute strömen ­extra wegen der Strassenkünstler in die Stadt.»

Problem der billigen Nachahmer

«Zürich verpasst eine Chance», sagt Tribelhorn. Zumal es die einzige Schweizer Stadt sei, welche die nötigen Voraussetzungen mitbringen würde: «Hier findet sich ein breites, internationales Publikum, und es ist genügend Raum für alle da.» Als Beispiel nennt er den Sechseläutenplatz, auf dem es genug Platz für alle habe – auch für jene, die ihre Ruhe wollen. Bei Zürich Tourismus stösst er auf Gehör: «Eine Ausweitung der Strassenkunst würde sowohl Touristen als auch Einheimischen gefallen», sagt Vizedirektor Reto Helbling. Dieser Schritt sei umso wünschenswerter, weil im nächsten Jahr das 100-Jahr-Jubiläum des Dadaismus und die Biennale Manifesta stattfinden. «Zürich wird sich dann als Kulturstadt präsentieren», sagt Helbling.

Doch im Moment findet die Strassenkunst im Kleinen statt. Genauer gesagt auf dem schmalen Küstenstreifen rund ums obere Seebecken – der einzig erlaubten Zone der ganzen Stadt. Es ist ein Spielspass unter Einschränkung: So verbietet die städtische Gesetzgebung Lautsprecher, schreibt einen Standortwechsel alle 20 Minuten vor, und spätestens um 23 Uhr muss Schluss sein. Dies, obwohl keine Anwohner gestört werden. Ein polnischer Strassenkünstler, der sich auf Seifenblasen spezialisiert hat, findet die Regeln absurd: «Niemand hält sich daran, weil es gar nicht möglich ist.» Seit 13 Jahren reist er mit seinem Seifenwasser durch Europa. Immer wieder macht er halt in Zürich – trotz der strengen Gesetzgebung. Grundsätzlich seien die Bedingungen gut. «Das heisst, sie waren es mal», präzisiert der Strassenkünstler. Inzwischen habe es sich in ­Polen herumgesprochen, dass es sich in der Schweiz gut verdienen lasse. Nun werde der Platz immer knapper und die angebotene Kunst immer austauschbarer. Zusätzliche Zonen für Strassenkunst würde er deshalb begrüssen.

Auf der Suche nach Freiheit

Der Rundgang am Seeufer bestätigt seine Aussage: Sie sind hier, die Seifenbläser. Vier an einem Freitagnachmittag – drei aus Polen, einer aus Slowenien. Allerdings sind sie in der Unterzahl. Der typische Vertreter der Zürcher Strassenkunst spielt Musik, ist jung, talentiert und auf der Suche nach Freiheit. So wie Andrea aus dem US-Bundesstaat Utah. «Vor vier Jahren entschied ich mich, ein Gypsy zu sein», sagt die 27-Jährige. In Zürich wohnt sie bei ihrem Freund. Ansonsten würde sie sich die hohen Lebenskosten nicht leisten können. In ein paar Wochen reist sie wohl weiter in ein günstigeres Land. «Mit diesem Geld» – sie zeigt auf ihren gut gefüllten Hut – «kann ich mir an der kroatischen Küste ein fürstliches Mahl kaufen.»

Auch hundert Meter weiter vorne stehen die Zeichen auf Aufbruch. Dana, eine stimmgewaltige Holländerin, spielt erst seit kurzem in Zürich: «Seit 20 Minuten, um genau zu sein», sagt die 25-Jährige. In dieser Zeit hat sie schon rund 20 Franken eingenommen und einige CDs verkauft. «Es läuft gut für mich», sagt sie. In den Monaten zuvor war dies nicht immer so. Nach dem Musikstudium fühlte sie sich ausgebrannt und zog für zwei Monate in ein deutsches Meditationszentrum. Dort entschied sie sich gegen Konventionen und für eine längere Reise mit der Gitarre. Zürich ist ihre erste Station, dann Italien und vermutlich Frankreich. Die strikte Regelung der Stadt bedauert sie: «Die Leute reagieren äusserst positiv auf Strassenkunst, und es gäbe noch einige schöne Orte zum Spielen.»

SP-Gemeinderätin Altinay sieht die Zeit gekommen, dass etwas Bewegung in die Strassenkunstszene kommt: «Zürich hat sich zu einer ernst zu nehmenden Kunststadt entwickelt. Wir sollten unseren Zwinglianismus endlich ablegen.»

Das Polizeidepartement wollte zu einer allfälligen Liberalisierung keine Stellung nehmen. Erst müsse nun der Stadtrat über das Postulat befinden. Das kann durchaus noch zwei Jahre dauern.

Erstellt: 21.07.2015, 22:40 Uhr

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So machen es andere Städte

Vorspielen bei der Gewerbepolizei

Schweizer Städte behandeln Strassenmusiker zum Teil sehr unterschiedlich. So liberal wie Zürich ist kaum eine andere Stadt. In Basel existiert ein Reglement, das Spielraum für Interpretationen zulässt. So darf nicht «zu laut» gesungen werden, nicht an ÖV-Haltestellen musiziert werden, Konzerte müssen immer zur vollen Stunde beginnen und dürfen nicht länger als 30 Minuten dauern. Ausserdem ist es den Künstlern grundsätzlich nur von Montag bis Sonntag während sechs Stunden erlaubt, ihrem Handwerk nachzugehen. Eine Stunde länger aufzutreten erlaubt die Stadt Bern den Strassenmusikern. Es gibt allerdings auch Strassen und Zonen, wo dies gänzlich verboten ist, wie etwa in der Bahnhofunterführung. Am Sonntag ist für die Strassenmusiker in Bern Ruhetag. Luzern freut sich über laute Musik auf den Strassen – allerdings vornehmlich während der Fasnacht. Gegenüber Strassenkünstlern zeigt sich die Stadt eher abweisend. Nur an vier Tagen im Monat ist es erlaubt zu musizieren, und dann auch nur zwischen 17 und 21.30?Uhr. Spezielle Vorschriften haben sich Winterthur, Biel und Genf ausgedacht. In diesen Städten müssen Strassenmusiker zuerst ihr Können beweisen und vor der Gewerbepolizei auftreten. Das Casting soll eine gewisse Qualität garantieren. Vor allem aber will man damit Bettler fernhalten, die kaum die Tonleiter auf ihrer Blockflöte beherrschen. In der Stadt Solothurn darf von 9 bis 12?Uhr und von 13.30 bis 18.30?Uhr gespielt werden. Nach 20 bis 30?Minuten müssen sich die Musiker einen neuen Standort suchen, der mindestens 100?Meter weit entfernt liegt. (bg)

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