Gemeinderat will Schule nur noch bis 14 Uhr

Mit den Stimmen von SP, FDP und Grünliberalen und gegen die SVP hat sich das Zürcher Stadtparlament für ein neues Schulmodell ausgesprochen. Es stellt nicht nur den Alltag der Kinder um.

Künftig erwartet die Kinder ein völlig neuer Tagesablauf: Pausenplatz Schulhaus Birch.

Künftig erwartet die Kinder ein völlig neuer Tagesablauf: Pausenplatz Schulhaus Birch. Bild: Sophie Stieger

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Die Debatte dauerte länger als erwartet, brachte aber ein klares Resultat. Der Gemeinderat sprach sich mit 84 zu 35 Stimmen für einen FDP-Vorstoss aus, der ein Pilotprojekt mit einer neuen Form von Tagesschule fordert. Gleichzeit sagte der Rat auch mit 78 gegen 40 Stimmen Ja zu einem SP-Vorstoss für mehr Tagesschulen. Damit ist klar, dass die Betreuung von Schülerinnen und Schülern bald auf völlig neue Grundlagen gestellt werden könnte. Keine Gnade fand dagegen ein EVP-Postulat mit einer anderen Stossrichtung.

Zur Debatte standen drei unterschiedliche Schulmodelle. Die FDP forderte in ihrer Motion statt Morgen-, Mittags- und Abendhorten nur noch einen Schultyp: Die Volksschule soll zur Tagesschule light von 8 bis 14 oder 15 Uhr umgebaut werden. Die SP wollte mit ihrer Motion die Zahl der fünf bestehenden Tagesschulen auf 14 erhöhen. Die EVP schlug mit ihrem Postulat den Ausbau «ungebundener» Tagesschulen mit freiwilliger, aber verbindlicher Teilnahme vor.

SP und FDP mit gleichen Zielen

Obwohl FDP und SP unterschiedliche Vorstösse einreichten, lagen sie mit ihren Ansichten nicht stark auseinander. Christoph Gut (SP) sagte, dass seine Partei und die FDP die gleiche Zielsetzung hätten, beide wollten nur noch Tagesschulen. Bei den jetzigen Strukturen gebe es für die Kinder zu viele Wechsel. Die beste Art der Integration unterschiedlicher Schichten sei, wenn man zusammen esse, sagte Gut. Ein solcher Ausbau der Tagesschulen sei allerdings nicht unproblematisch.

Auf Probleme bei der Realisierung wies auch Stadtrat Gerold Lauber (CVP) hin. Der Platz für solche Tagesschulen fehle, es gebe dafür keine freien Schulräume. In fünf bestehenden Schulhäusern könnte man möglicherweise Tagesschulen einrichten, was aber nicht genüge. Lauber wies darauf hin, dass im Rat bei der Kinderbetreuung mit Ausnahme von SVP und SD ein Grundkonsens herrsche, was die Betreuung betreffe. Die Tagesschule sei pädagogisch wertvoll; die Frage sei aber, ob eine solche flächendeckende Einführung und eine Erhöhung von heute 5 auf 14 machbar und sinnvoll sei. Die Stadt möchte Betreuung und Schule aus einer Hand anbieten. Für einen solchen Ausbau brauche es Flexibilität und Zeit. Ausserdem sei eine solche Betreuung im Gegensatz zu den Aussagen der FDP teurer und nicht günstiger.

Claudia Simon (FDP) plädierte dafür, dass die Kinder bis 14 Uhr in der Schule bleiben. Eine solche Betreuung über Mittag sei rechtlich möglich, obwohl dies der Stadtrat verneine.

Erstellt: 05.04.2012, 07:37 Uhr

Eltern und Lehrer sagen Ja

Monika Pfister, die Präsidentin der Vereinigung Elternorganisationen des Kantons Zürich, beurteilt das Tagesschulmodell der Freisinnigen positiv. «Man muss etwas in dieser Art ausprobieren», sagt sie. Ein Pilotversuch würde zeigen, wie die «Tagesschule light» in der Praxis bei den Eltern ankommt. Pfister erwartet jedoch von einem Teil der Eltern Widerstand dagegen, dass ihre Kinder über Mittag in der Schule bleiben müssen. «Viele Eltern wollen, dass ihre Kinder zu Hause zu Mittag essen und eine Pause haben.» Lilo Lätzsch, die Präsidentin des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, befürwortet die Einführung des Tagesschulmodells der FDP ebenfalls. Die verkürzte Mittagszeit sorge dafür, dass die Kinder am Nachmittag und am Abend mehr Freizeit haben. Sie glaubt nicht, dass Schülern und Kindergärtlern in Zukunft über Mittag zu wenig Erholungszeit bleibe. «Es ist blauäugig, zu glauben, dass sie heute ein Mittagschläfchen machen», sagt Lätzsch. Wichtig sei, dass im neuen Modell weiterhin das Hortpersonal die Mittagsbetreuung übernehme. Lehrer sollten dafür nur eingespannt werden, wenn sie das ausdrücklich wünschten.

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