Gemeinderat wird immer männlicher

Seit den letzten Wahlen ins Zürcher Stadtparlament ist knapp ein Drittel der 125 Mitglieder zurücktreten. Was auffällt: Oft rückten Männer für Frauen nach.

Hohe Fluktuation: Der Zürcher Gemeinderat. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Hohe Fluktuation: Der Zürcher Gemeinderat. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eigentlich erneuert sich ein Parlament bei den Wahlen – in Zürich ist das aber anders. Deutlich mehr Wechsel als bei den Wahlen sind in den letzten drei Jahren während der Legislatur passiert. Am Wahltag im Februar 2014 delegierten die Zürcher 25 von 125 Männern und Frauen neu ins Parlament – exakt 20 Prozent. Doch seit den Wahlen und genau ein Jahr vor den nächsten Wahlen sind bereits 36 Ratsmitglieder zurückgetreten und mussten ersetzt werden – beinahe 30 Prozent also. Die kürzeste Politkarriere legte dabei eine FDP-Frau hin: Lisa Magdalena Willenegger verschwand bereits nach zwei Monaten und nur neun Sitzungen wieder aus dem Rathaus. Nicht etwa, weil sie genug von politischer Knochenarbeit in Kommissionen und Debatten hatte, sondern weil sie als Fachfrau für Haftpflichtrisiken von ihrer Firma nach Toronto berufen wurde.

Willenegger wurde bei der FDP durch Christoph Luchsinger ersetzt. Dass in den letzten drei Jahren zurücktretende Frauen durch Männer ersetzt wurden, ist kein Einzelfall. Insgesamt 13 Männer konnten so Sitze von Frauen erben. Umgekehrt jedoch rückten nur fünf Frauen für Männer nach. Was bedeutet: Der Männeranteil hat sich in dieser Legislatur­periode stetig erhöht, seit vergangenem Mittwoch sitzen 32 Frauen 93 Männern gegenüber. Der Frauenanteil ist von ziemlich genau einem Drittel (41 Sitze) 2014 nach den Wahlen auf ziemlich genau ein Viertel gesunken. Am höchsten war der Frauenanteil im Zürcher Gemeinderat nach den Wahlen 1994, damals zogen 48 Parlamentarierinnen ins Rathaus ein. Das entsprach einem Anteil von knapp 40 Prozent.

SVP ist ein reiner Männerclub

Am deutlichsten zeigt sich die Veränderung im Ratssaal beim Blick auf die SVP-Fraktion. Vor den Sportferien ist mit Katharina Widmer die letzte Frau der Partei aus dem Parlament zurückgetreten, sie wird nächste Woche ersetzt durch Dubravko Sinovcic. «Mit ihm haben wir uns für einen geeigneten Kandidaten entschieden. Bei uns geht es nicht um die Frage ob Mann oder Frau, sondern ob bestens geeignet», sagt Fraktionschef Martin Götzl.

Die SVP war bei der Nachfolge in einer speziellen Situation: Neun Ersatzkandidierende auf der Liste von Widmers Wahlkreis 1+2 hätten Anrecht auf ihre Nachfolge gehabt – allesamt aber lehnten ab. So konnte die Partei eine Person ausserhalb dieser Liste suchen. Dass sie sich bei der Suche auf eine Frau beschränken würde, sei nie ein Thema gewesen, sagt Götzl. Zwischenzeitlich waren zwei Frauen im Einsatz für die SVP. Nina Fehr Düsel, die 2014 gleichzeitig für den Gemeinde- und den Stadtrat kandidierte, zog sich aus dem städtischen Parlament zurück, als sie in den Kantonsrat gewählt wurde. Götzl gibt sich für die Zukunft zuversichtlich: «In einem Jahr sind wieder Wahlen, es werden dann auch zahlreiche Frauen zur Auswahl stehen.» Die SVP hatte zudem einen weiteren Verlust hinzunehmen: Mario Babini trat aus der Partei aus und politisiert nun parteilos.

Andere Parteien hatten mehr Frauen zu ersetzen: Bei der SP wurden vier Frauen durch Männer ersetzt, zwei Männer aber auch durch Frauen. Bei der FDP folgten drei Männer auf zurücktretende Frauen und eine Frau auf einen Mann. Bei der AL und der CVP ersetzt jeweils ein Mann eine Frau. Bei den Grünen folgte einerseits ein Mann auf eine Frau und anderseits eine Frau auf einen Mann.

Häufigster Rücktrittsgrund waren Wahlen ins kantonale oder nationale Parlament. Einige sehr profilierte und prominente Köpfe verabschiedeten sich so aus der kommunalen Politik. Allen voran die Fraktionschefs der SP und der SVP, die ihr Rücktrittschreiben am selben Tag abschickten: Min Li Marti und Mauro Tuena wurden in den Nationalrat gewählt.

Auf ein Doppelmandat von Gemeinde- und Kantonsrat verzichtete nach Fehr Düsel auch Roland Scheck (SVP, seit 2011 im Kantonsrat) sowie nach den Gesamterneuerungswahlen im Frühjahr 2015 Bettina Balmer (FDP), Esther Straub (SP), Ruth Ackermann (CVP), Alexander Jäger und Marc Bourgeois (FDP). Roger Liebi hat angekündigt, dass er irgendwann das Mandat im Gemeinderat ablegen und sich auf den Kantonsrat konzentrieren will.

Weggezogene politisieren weiter

Es gab aber auch prominente Abgänge, weil Gemeinderäte aus Zürich weggezogen sind. Gian von Planta (GLP), der das Fussballstadion im Herbst 2013 fast im Alleingang zu Fall brachte, zügelte nach Baden und engagiert sich nun dort politisch. Ex-Ratspräsident Martin Abele (Grüne) zog zu seinem Lebenspartner nach Luzern und stellt seine Politerfahrung der lokalen Partei zur Verfügung. Rebekka Wyler (SP), die als Kandidatin für den Stadt- oder Nationalrat gehandelt wurde, zog der Liebe wegen in die Urschweiz: Sie ist mit Dimitri Moretti liiert, der für die SP einen Sitz im Urner Regierungsrat ergattern konnte. Wyler selber hat ebenfalls ein Exekutivamt im Urnerland: Sie ist seit Anfang Jahr Gemeinderätin in Erstfeld.

Und schliesslich ist auch Niklaus Scherr dieses Jahr zurückgetreten – als 72-Jähriger nach 38 Jahren im Gemeinderat. Er hat wohl nicht nur die längste Karriere im Stadtzürcher Parlament hinter sich, sondern feierte seinen Abschied mit dem wohl grössten Fest, das ein zurücktretender Zürcher Gemeinderat je veranstaltet hat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.03.2017, 21:03 Uhr

Artikel zum Thema

Zürcher FDP-Stadtrat Andres Türler hat genug

Der Chef von VBZ und EWZ tritt bei den Wahlen 2018 nicht mehr an. Das eröffnet Perspektiven für Neue. Einer sagt bereits: Ja, ich will der Nachfolger werden. Mehr...

Zürcher Radarkästen sehen Rot

Temposünder blitzen, das gibt es immer weniger. Dafür wird ein anderes Vergehen sehr viel einträglicher. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home 10 Stylingideen aus dem Landhaus

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Wo die Toten ruhen: Anlässlich des Feiertags Eid al-Fitr besuchen Muslime den Friedhof von Nadschaf im Irak, der mit 5 Millionen begrabenen Menschen als grösster der Welt gilt. (16. Juni 2017)
(Bild: Alaa Al-Marjani ) Mehr...