«Gentrifizierung ist ein zu harter Begriff»

Der Heimatschutz argumentiert gegen die Ersatzneubauten zweier Genossenschaften mit Aufwertung. Doch die erhoffte Unterstützung dürfte ausfallen.

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«Jetzt ist der Gemeinderat am Zug», titelt der Zürcher Heimatschutz in seiner gestrigen Medienmitteilung. Es geht in dem Schreiben um den Abbruch der Genossenschaftssiedlungen Seebahn und Kanzlei. Beide sollen Ersatzneubauten weichen (TA von heute). Dieser wird immer wahrscheinlicher, nachdem ein Rekurs des Heimatschutzes vor dem Verwaltungsgericht abgeblitzt ist.

Die einzige Möglichkeit, den Abbruch dieses «zusammenhängenden Gebiets von einzigartiger Wohnlichkeit» nun noch zu verhindern, sieht der Heimatschutz in der Ablehnung des Gestaltungsplanes durch das Zürcher Parlament. Das Argument, mit dem der Heimatschutz den Gemeinderat überzeugen will: Gentrifizierung.

Das Projekt könnte Vorbild werden

Das ist insofern erstaunlich, als es sich bei den Ersatzneubauten um Genossenschaftssiedlungen handelt. In diesem Fall von der Allgemeinen Baugenossenschaft Zürich (ABZ) und der Baugenossenschaft des eidgenössischen Personals (BEP). 90 gemeinnützige Wohnungen mehr sollen dereinst auf dem Areal entstehen. Das Preisniveau der Wohnungen wäre laut Genossenschaftssprecher das gleiche wie bei einer Sanierung der Altbauten – könnte sogar tiefer liegen.

«Dass sich das Quartier mit der Realisierung des Bauvorhabens stark verändert, ist unwahrscheinlich», sagt der Gemeinderat Walter Angst (AL). Erst kürzlich hat er Genossenschaften kritisiert, mit Ersatzneubauten werde die Mieterschaft ausgewechselt. Die Wohnungen an der Seebahnstrasse aber würden heute schon von jungen Leuten zwischengenutzt. Die alten Mieter seien längst ausgezogen. Angst sagt zudem, dass die Projekte von ABZ und BEP zum Vorbild werden könnten, wenn die Genossenschaften bei der Neuvermietung gezielt Haushalte berücksichtigten, die von der Aufwertung des Quartiers bedroht seien.

«Dass sich das Quartier mit der Realisierung des Bauvorhabens stark verändert, ist unwahrscheinlich.»Walter Angst, Zürcher Gemeinderat AL

«Gentrifizierung ist ein viel zu harter Begriff für die geplante Siedlung», sagt der Gemeinderat und Baukomissionsvorsitzende Patrick Hadi Huber (SP). Zudem bezweifelt er, dass die Aufwertung der Quartiere und nicht die Erhaltung des Stadtbildes das Kernanliegen des Heimatschutzes sein soll. «Nicht selten verhindern Heimatschutz und die Richtlinien des Eidgenössischen Inventars für geschützte Ortsbilder eine Entwicklung und in diesem Fall sogar mehr preisgünstigen Wohnraum», sagt Huber weiter.

«Schwieriges politisches Abwägen»

Laut Gabriele Kisker (Grüne) muss ein Quartier nicht unbedingt Stein für Stein erhalten bleiben, um seinen Charakter zu wahren. Die Ersatzneubauten für die beiden Genossenschaftssiedlungen Seebahn und Kanzlei erforderten aber ein «besonders schwieriges politisches Abwägen.» Da es sich um ein Quartier handle, das sich im Wandel befinde. «Wenn die Genossenschaften sensibel handeln, muss es nicht zu einer Gentrifizierung kommen», sagt sie.

Der Heimatschutz argumentiert, dass anstelle der Altbauten fünf- bis siebenstöckige Neubauten voller Mittelstandswohnungen entstehen sollen, die unbezahlbar wären für die heutigen Bewohner. Aktuell bezahlt man für eine 4-Zimmer-Wohnung mit 74 Quadratmetern in der ABZ-Siedlung 966 Franken. Im Neubau würden für 4½ Zimmer mit 97 Quadratmetern um die 1500 Franken fällig, Nebenkosten inbegriffen. Dies sagt ein Genossenschaftssprecher. Zudem werde bis zu einem Fünftel aller Wohnungen subventioniert sein für Menschen mit wenig Geld.

Bisher hat der Heimatschutz primär bauhistorisch gegen die Ersatzneubauten argumentiert. Denn die zwei bestehenden Siedlungen von 1930 sind um einen begrünten Innenhof gebaut und bilden dadurch ein Ensemble mit dem benachbarten Erismannhof, der der Stadt Zürich gehört. Während dieser aber geschützt ist und als wichtiges Baudenkmal gilt, hat der Stadtrat die Siedlungen von ABZ und BEP aus dem Inventar entlassen. Hauptmotiv: die innere Verdichtung, die notwendig ist, um das prognostizierte Bevölkerungswachstum aufzufangen. Ein Argument, dem auch viele Gemeinderäte folgen dürften.

Erstellt: 29.08.2018, 12:20 Uhr

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