Geschichten aus dem Untergrund

Was sich beim neuen Sechseläutenplatz unter dem Valser Quarzit versteckt.

110'000 Steinquader wurden beim neuen Sechseläutenplatz verlegt. Foto: Dominique Meienberg

110'000 Steinquader wurden beim neuen Sechseläutenplatz verlegt. Foto: Dominique Meienberg

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Weiss wie Schnee und weit streckt sich der Platz vor dem Boulevard-Cafe in der Frühlingssonne aus. Pius Truffer sitzt an einem Bistrotischchen, trinkt eine Tasse warme Milch und sagt: «Ist schön mein Platz, oder?» «Sein» am Sechseläutenplatz ist der Parkett, die zehn Zentimeter dicke Schicht Valser Quarzit. 110'000 Steinquader, 4200 Tonnen Stein, wurden aus Truffers Steinbruch in Vals nach Zürich verfrachtet. Die dreissig Meter hohe Wand am Valser Berg ist damit im Abbaubereich siebzig Zentimeter schmaler geworden.

Am Freitag, dem 15. November 2013 wurde in Vals der letzte Stein für den Sechseläutenplatz gebrochen, zugesägt und aufgeraut. Ziemlich genau ein Jahr nachdem der Auftrag erteilt worden war. Truffer: «Erst war es ein Nervenspiel, ob das Zürcher Stimmvolk den Kredit genehmigt. Dann kam der Stress.» Ursprünglich sah der Terminplan eine Lieferfrist von zweieinhalb Jahren vor, nun blieben noch neun Monate. Truffer hat eine Million Franken in neue Maschinen investiert, um den Auftrag pünktlich umzusetzen. «Zürich war das wert», sagt er. Auf seinem Auto steht: «Macht dem Böögg Platz».

Geheimnis des Föhrenzapfens

Dicke Regentropfen fallen nun auf den Platz. Wo sie hinklatschen bilden sich grünliche Flecken, in denen Quarze glitzern. Der Valser Stein zeigt seine ganze Schönheit, die er der Alpenfaltung vor fünfzig Millionen Jahren verdankt. Damit ist die jüngste Schicht des Sechseläutenplatzes zugleich die älteste. Doch auch was unter ihr liegt, lässt tief in die Vergangenheit blicken. Graben wir uns zu ihr durch, immer tiefer. Nach etwa zehn Metern stecken wir in der Süsswassermolasse der letzten Eiszeit. Und treffen auf – einen Föhrenzapfen.

Was ihn besonders macht, kann Andreas Mäder, der Leiter der Unterwasserarchäologie und Dendrochronologie des Amtes für Städtebau, erklären. In einem Labor im Seefeld findet die Analyse der rund 16 000 Pfähle statt, welche Mäders Team während der neun Monate dauernden Notgrabung 2010/11 im Bereich des Opera-Parkhauses sicherstellte. Die Pfähle staken senkrecht in den ihnen untergelagerten Schichten. Es wechseln sich weisse Schichten von Seekreide mit schwarzen Schichten aus Siedlungsphasen ab. «Im Querschnitt sieht das wie eine Schwarzwäldertorte aus», sagt Mäder.

Die Jahrring-Datierung der Holzpfähle hat ergeben, dass im Bereich des Sechseläutenplatzes mindestens sechs zeitlich aufeinanderfolgende jungsteinzeitliche Pfahlbausiedlungen lagen. Ausihnen stammen auch die 20 000 Fundstücke, die sichergestellt wurden. Messer, Holzschalen, Paddel, Hüte, Fischernetze, Schmuckanhänger aus gelochten Bärenzähnen. Ein Fund aus der zweitältesten erfassten Pfahlbausiedlung sorgte für Schlagzeilen in der Weltpresse: Eine vollständig erhaltene Holztüre, deren Steckverbindungen zeigen, wie man lange vor Entdeckung von Nagel und Schraube Holzkonstruktionen zusammenhalten konnte.

Umstände sprechen für eine Wasserleiche

Und was hat es jetzt mit dem Föhrenzapfen auf sich? Dieser wurde exakt auf dem Übergang der Sedimentschicht aus der späten Eiszeit zur ersten mächtigen Seekreideschicht gefunden, die sich nach der Wiedererwärmung im frühen Zürichsee ablagerte. Er liess sich mit der C14-Methode auf 8500 Jahre v. Chr. datieren und zeigt damit, wann im Zürichsee nach der Eiszeit wieder Algen begannen, Seekreide zu bilden. Ein in dieser Seekreide-Schicht gefundenes Skelett stammt aus der Zeit um 3900 v. Chr. Die Fundumstände sprechen für eine Wasserleiche, was Raum für Spekulationen eröffnet: «Mord im Pfahlbaudorf? Wurde das Opfer im See versenkt und vom Schlick zugedeckt?»

Zurück zum Belegbaren: Als wir Niels Bleicher das letzte Mal besuchten, trug er lehmverschmierte Schuhe und einen Helm und kauerte in einer sechs Meter tiefen Grube. Bleicher leitete Grabung auf dem Sechseläutenplatz. Nun sitzt er vor dem Computer und ärgert sich, weil der so langsam rechnet. Doch allmählich entstehen vor unseren Augen aus vorerst unzusammenhängenden Strichen Grundrisse von Häusern, Wege und Plätze: Er hat die 16 000 Pfähle nach ihrem Alter sortiert, und deren Fundort lässt die Struktur der einzelnen Pfahlbausiedlungen erkennen.

Noch mehr lässt sich anhand der Pfahlbauten unter dem Sechseläutenplatz zeigen: Die Pfahlbauer lebten wahrscheinlich doch so, wie die Kinder es einst in der Schule gelernt haben: Nämlich in Häusern über dem Wasser und nicht lediglich im Uferbereich.

Unesco-Weltkulturerbe

Die Auswertung der Grabungen auf dem Sechseläutenplatz wird Mäder und sein Team noch jahrelang beschäftigen. Ihre Bedeutung wird noch dadurch bekräftigt, dass die Unesco 2011 die Pfahlbausiedlungen an den Seeufern des Alpenraums zum Weltkulturerbe erklärt haben. «Dass wir aufgrund des Baus der Opera-Tiefgarage ein derart grosses Areal untersuchen konnten, ist einmalig», sagt Mäder. «Kaum auszudenken, was wir unter dem Platz noch alles finden könnten. Um beizufügen: «Wir mögen späteren Generationen von Archäologen auch noch etwas gönnen.»

Verlassen wir die Pfahlbauzeit und steigen wir nach oben: Nun ist fertig mit der geordneten Schwarzwäldertorte; wir geraten in eine «Kraut-und Rüebli-Schicht». Die saloppe Bezeichnung stammt von Christian Mühlemann, der die Realisierung des Projektes leitete. Mühlemann kommt auf dem Velo quer über den Platz geradelt. Er wirkt zufrieden. «Zufrieden mit Blick in die Vergangenheit und in die Zukunft», sagt er. Er hat die anspruchsvolle Baustelle gut über die Runde gebracht. Und bald hat er seinen Letzten; er geht in Pension.

Christian Mühlemann hat auf vielen grossen Baustellen gearbeitet: Beim Bau der Flughafenpiste 14/32, im Vortrieb des Gubrists, im Grimsel-Stollen. Speziell am Sechseläutenplatz sei weniger die Arbeit selbst gewesen, als das grosse Interesse, das ihm galt. «Im Tiefbauamt war diese Baustelle Chefsache und fast im Wochenrhythmus hatte ich die Medien auf dem Platz.» Kommt dazu, dass er für das Sechseläuten, das Zürifäscht oder die Street Parade die ganze Baustelle räumen musste. «Und das bei einem ohnehin engen Terminplan.»

Trümmer der alten Tonhalle

Erst musste eine dreissig Zentimeter dicke Substratschicht abgetragen und entsorgt werden. Sie bestand aus vulkanischem Gestein, das in den 1990er-Jahren aufgetragen wurde und mit Schwermetall belastet war. Darunter befindet sich die erwähnte «Kraut-und Rüeblischicht», in der aufgrund von wiederholten Eingriffen Überreste aus mehreren Jahrhunderten zum Vorschein kamen: Teile der barocken Befestigungsanlagen, zu der auch das noch erhaltene Bauschänzli gehört. Ziegel, Keramikscherben und Bauschutt im Bereich des um 1880 aufgeschütteten Hafens, Trümmer der 1896 abgetragenen alten Tonhalle.

Ab eineinhalb Metern Tiefe drang jeweils das Wasser in die Baugrube ein, da der Grundwasserspiegel unterschritten wurde. So trieb man beim Bau des Technikraums alle paar Meter eine Lanze zehn Meter tief in den Boden und erzeugte darin ein Vakuum, womit das Wasser örtlich abgesaugt wurde. Auf einer dreissig Zentimeter starken Kiesschicht, wurde eine Schicht Drainbeton, dann eine dünne Schicht Splittbeton aufgebracht, um den Platz auszuebnen. Dann kam der Valser Quarzit.

Pius Truffer wird als Gast der Zunft Höngg dabei sein, wenn der Böögg seinen Platz in Besitz nimmt. Christian Mühlemann aber hebt ab, kurz bevor der Böögg auf seinem Platz Platz nimmt. Die Reise führt nach Kuba. Und Andreas Mäder? Er wird wohl das muntere Treiben der Zürcher auf ihrem Platz anschauen und sich vorstellen, was es darunter noch alles zu entdecken gäbe.

Erstellt: 22.04.2014, 07:27 Uhr

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