Gewalttäter beruhigen mit Yoga

Yogalehrerinnen aus Zürich wollen Yoga und Meditationsübungen in Zürcher Gefängnisse bringen. Als Vorbild dient der Fall eines Raubmörders in Deutschland.

Yoga eignet sich, um zur Ruhe zu kommen: Häftlinge in einem Gefängnis in Qionglai im Südwesten Chinas.  Foto: Epa, TAN TAN, Keystone

Yoga eignet sich, um zur Ruhe zu kommen: Häftlinge in einem Gefängnis in Qionglai im Südwesten Chinas. Foto: Epa, TAN TAN, Keystone

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Wie ist es, im Gefängnis Yogastunden abzuhalten? «Eigentlich normal», sagt Anya Hitchins. Die 31-jährige Yogalehrerin hat als Gast eines Sportlehrers bereits mehrere Lektionen in einem Massnahmenzentrum unterrichtet. Die Häftlinge dort sind männlich, zwischen 17 und 25 Jahre alt und nicht die ungefährlichsten Menschen. Hitchins hat beim Unterrichten keine Angst, obwohl unter den Teilnehmern auch Mörder und Vergewaltiger seien. Für ihre Sicherheit sind ein Betreuer und der Sportlehrer anwesend, zudem gebe es klare Regeln. «Wer sich nicht anständig verhält, fliegt raus».

Zu Beginn der Stunde klopften die jungen Männer Sprüche und suchten nach Widerstand, erzählt Hitchins. Das ändere sich aber schnell. «Ich mache ein sehr dynamisches Programm, sie sollen ins Schwitzen kommen.» Nach einigen Übungen kämen die Teilnehmer im Körper an, würden immer ruhiger. «Innerhalb von 90 Minuten Yoga werden aus den Grossmäulern friedliche und konzentrierte junge Männer.»

Deutsches Vorbild

Yoga als Charakterheilmittel? Dem widerspricht Hitchins entschieden. Sie versteht Yoga als Hilfe zur Selbsthilfe und ist überzeugt, dass regelmässige Praxis Gefangenen dabei hilft, nach der Entlassung den Einstieg in die Gesellschaft wieder zu schaffen. Deshalb hat sie gemeinsam mit vier weiteren Frauen den Verein «Yoga und Meditation im Gefängnis», kurz Yumig, gegründet.

In diesen Tagen geht der Verein an die Öffentlichkeit. Die Frauen suchen nach interessierten Yogalehrerinnen und -lehrern, die im Gefängnis unterrichten wollen. Im Gespräch betonen die Initiantinnen, dass ihr Verein nichts sei für Lifestyle-Yogis, die sich selbst präsentieren wollen: «Wir suchen gefestigte Persönlichkeiten und werden Bewerberinnen und Bewerber entsprechend prüfen.»

Die Inspiration für den Verein stammt aus Deutschland. Dort feiert Dieter Gurkasch mit Yumig Deutschland Erfolge. Bereits in 22 Gefängnissen bietet sein Verein Yoga an, er zählt über 100 Mitglieder. Besonders an Gurkasch ist nicht nur sein Äusseres (lange, blonde Engelslocken), sondern auch seine Vergangenheit. 25 Jahre verbrachte Gurkasch nach einem Raubmord im Hamburger Männergefängnis Fuhlsbüttel, auch bekannt als «Santa Fu».

Vom Mörder zum Yogi

Gurkaschs Lebensgeschichte fasziniert nicht nur Yogalehrerinnen. Laut einem Porträt in «Die Welt» fand der heute 52-Jährige erst vor 12 Jahren zum Yoga. Davor brach er für kurze Zeit aus dem Gefängnis aus, zettelte nach seiner ersten Entlassung eine Schiesserei mit der Polizei an und sass sieben Jahre in Isolationshaft.

Durch seine Frau Fee hörte Gurkasch zum ersten Mal von Entspannungsübungen namens die Fünf Tibeter. Die Übungen lösten nicht nur Entspannung in ihm aus, sondern liessen ihn auch sein Herz wieder spüren, «sein längst vergessenes Organ». Bald darauf betete er erstmals für die Kioskbesitzerin, die er 1985 unter Drogen ermordet hatte. Zudem wurde Gurkasch zum Vegetarier, las sich durch philosophische Schriften in der Knastbibliothek und lernte, sich durch Meditation von negativen Gedanken zu befreien. Seine Mitinsassen hielten Gurkasch für einen Spinner. Einige kamen trotzdem in den Yogakurs, den er seit 2007 anbietet.

Bis zu seiner Entlassung vier Jahre später hat Dieter Gurkasch 250 Häftlingen in verschiedenen Gefängnissen den Sonnengruss und andere Übungen beigebracht. Zurück in Freiheit, reist Gurkasch durch Europa, sammelt Freunde auf Facebook (über 1800 sind es heute), verkauft sein Buch «Leben Reloaded» und bildet Lehrerinnen und Lehrer für Yoga im Gefängnis aus.

«Als Ex-Knasti kenne ich die Besonderheiten des Strafvollzugs», sagt er am Telefon. Die Stimme ist sanft, die Redeweise akademisch. Laut Gurkasch kämpfen Straftäter mit Selbstwertproblemen. «Soldaten, Polizisten und Gewaltverbrecher sind alle als Kinder in ihrer Sensibilität nicht angenommen worden», meint er weiter. Gurkasch ist sicher, dass Yoga solchen Männern hilft. «Wer in sich selbst ruht, wird weniger gewalttätig.»

«Die Liebe findet uns»

Der Mann hat Charisma und weiss, wie er seine Botschaft herüberbringen muss. «Die Liebe findet uns immer», schrieb Gurkasch einer der Teilnehmerinnen, Angela Boscardini, als Widmung ins Buch.

Inspiriert von ihren Erlebnissen im Workshop warb Boscardini andere Yogalehrerinnen für die Gründung von Yumig Schweiz. Nun hoffen die Frauen, dass sie Gefängnisdirektoren von Yoga und Meditationsangeboten überzeugen können.

In der Strafanstalt Pöschwies in Regensdorf dürften sie auf taube Ohren stossen. Dort gibt es nämlich seit über 15 Jahren Yogakurse im Freizeitangebot für die Häftlinge. Rebecca de Silva, Kommunikationsbeauftragte des Amtes für Justizvollzug, sagt, das Angebot reiche seit vielen Jahren aus.

Anders klingt es im Massnahmenzentrum Uitikon-Waldegg. Peter Müller, stellvertretender Direktor, sagt: «Wir sind offen für solche Angebote, sie können sich gerne melden.» Im Gegensatz zu Kampfsportarten seien Yogaübungen sehr gut geeignet, um zur Ruhe zu kommen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.11.2014, 19:20 Uhr

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