Gewerbler verlieren im Streit um die Sexboxen

Das Baurekursgericht ist der Auffassung, dass die Stadt Zürich in Altstetten den geplanten Strichplatz einrichten kann. Doch die Anrainer lassen nicht locker.

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Etappensieg für den Zürcher Stadtrat: Das Vorhaben, auf einer Industriebrache in Altstetten den landesweit einzigen Strichplatz einzurichten, hat eine erste juristische Hürde genommen. Die davon direkt betroffene Interessengemeinschaft Aargauerstrasse hatte das Projekt angefochten. Jetzt hat das Baurekursgericht die Einsprache in den Hauptpunkten abgewiesen, wie es dort gestern auf Anfrage hiess.

Das freut den Stadtzürcher Sozialvorsteher Martin Waser (SP), der in diesem Geschäft federführend ist. Mit dem klaren Entscheid rücke der Bau des Strichplatzes und damit die Lösung der Probleme am Sihlquai einen grossen Schritt näher. Er sagt: «Wir möchten den Strichplatz so schnell wie möglich eröffnen.» Gewerbetreibende aus der Nachbarschaft hatten Rekurs eingereicht, weil sie befürchten, dass sich die Prostitution über das Areal hinaus ausbreite und dass sie sich bei grossem Andrang auch in ihren Hinterhöfen abspielen werde.

Getrennt auf den Abort

Wie aus dem eben gefällten Verdikt hervorgeht, stachen die Argumente nicht. Mit einer minimalen Einschränkung. Sie betrifft das Toiletten-Konzept. Das Baurekursgericht verlangt von der Stadt, dass die Freier nicht das gleiche WC benutzen wie die Prostituierten. Hier wird eine klare Trennung Frau/Mann gefordert – wie in jedem Restaurant. Es geht nun darum, dass die geschlechtliche Trennung mit einer deutlichen Beschriftung erkennbar wird. Diese Auflage sei im Rahmen der Baubewilligung «einfach und ohne zusätzliche Kosten sowie ohne zeitliche Verzögerung zu erfüllen», versichert Urs Spinner vom Hochbaudepartement.

Die IG Aargauerstrasse hatte darüber hinaus noch andere, gewichtigere Mängel im Bauprojekt gerügt. So ist sie der Ansicht, dass die Verrichtungsboxen als Abstellplätze im Sinne der Parkplatzverordnung zu taxieren seien und darum nicht bewilligt werden dürften. Diese Auffassung teilte das Gericht nicht. Es ist zum Schluss gekommen, dass die Fahrzeuge in den geschützten Verrichtungsboxen nicht über längere Zeit abgestellt werden mit dem Ziel, die Autos von den öffentlichen Strassen fernzuhalten. Die Freier dürfen ihr Auto ohnehin nicht verlassen – ausser, wenn sie mal müssen. Das Bauvorhaben verstösst auch nicht gegen die Lärmschutzvorschriften, befand das Gericht, und Einwände gegen die Luftreinhaltung seien unbegründet.

Weiterzug ist «wahrscheinlich»

Der Entscheid des Baurekursgerichts ist nicht rechtskräftig, weil den Rekurrenten der Gang ans Verwaltungsgericht offensteht. Der Rechtsanwalt der Interessengemeinschaft, Urs Steimen, sagt: «Wir lassen nicht locker, ein Weiterzug ist wahrscheinlich.» Der IG bleibt eine Frist von 30 Tagen, der Entscheid werde in Absprache mit den Mandanten fallen. Ein Weiterzug würde den Baubeginn nochmals verzögern. Das bedeutet, dass die Anwohner am Sihlquai die Auswüchse der Sexmeile noch länger in Kauf nehmen müssten. Vielleicht sogar, bis die letzte Möglichkeit ausgeschöpft ist: der Weg ans Bundesgericht nach Lausanne.

Auch ein zweites Verfahren ist noch immer hängig. Mit einem knappen Vorsprung von 4662 Stimmen – das sind lediglich 52,6 Prozent der Stimmenden – siegten zwar die Befürworter der Verrichtungsboxen in der Volksabstimmung Mitte März. Gegen die Abstimmung ist beim Bezirksrat Zürich eine Stimmrechtsbeschwerde eingereicht worden. Dies, weil Polizeichef Daniel Leupi (Grüne) am Abstimmungssonntag vor den Medien sagte, dass Prostituierte ihr «Geschäft» mit Freiern auch ausserhalb der Sexboxen vollziehen könnten. Davon aber war in den Unterlagen nichts zu lesen. Laut Statthalter Hartmuth Attenhofer (SP) wird der Bezirksrat demnächst sagen, was vom Rekurs zu halten ist. Die Aufhebung eines Volksentscheids wäre eine politische Sensation.

Erstellt: 06.06.2012, 08:19 Uhr

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