Glühwein-Boom bedroht kleine Weihnachtsstände

Sie laden zum Einkaufen und fröhlichen Beisammensein. Doch hinter der Kulisse der Weihnachtsmärkte kriselt es, weil sich die Betreiber das Geschäft mit dem Glühwein sichern.

Glühwein und seine Artverwandten wie Punsch und Glühbier gehören zu den umsatz- und renditestärksten Produkten an den Weihnachtsmärkten. Foto: iStockphoto

Glühwein und seine Artverwandten wie Punsch und Glühbier gehören zu den umsatz- und renditestärksten Produkten an den Weihnachtsmärkten. Foto: iStockphoto

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Die Mail ging letzte Woche an zahlreiche Marktfahrer. Der Titel: «Last Minute, Markthaus sucht Aussteller». Der Aufruf galt nicht für irgendeinen kleinen Weihnachtsmarkt weit weg von Zürich – sondern für den grössten und für den ältesten Weihnachtsmarkt in der Stadt: jenen im Hauptbahnhof und jenen im Niederdorf. Beide werden am kommenden Donnerstag eröffnet. «Das ist sehr ungewöhnlich, dass so kurzfristig noch für zwei so grosse Märkte Aussteller gesucht werden», sagt Bernhard Kohli. Er betreibt seit Jahren mehrere Stände an den Zürcher Weihnachtsmärkten; in der Bahnhofhalle verkauft er heuer Flammkuchen und Crêpes.

Von einer Krise der Weihnachtsmärkte mag Kohli, Vorstandsmitglied vom Verein Weihnachten in Zürich, zwar nicht reden. Aber hinter den Kulissen rumore es, sagt er: «Die Konkurrenz wird immer grösser, seit überall Fonduehütten und kleine Weihnachtsmärkte eröffnet werden.» Vor allem aber mache den Standbetreibern zu schaffen, dass der Verkauf der rendite- und umsatzstärksten Produkte zusehends durch die Organisatoren der Märkte selber übernommen oder eingeschränkt werde. Die Rede ist von Glühwein und seinen Artverwandten wie Punsch, Glögg, Glühbier, Winter-Jack.

Monopol auf Heissgetränke

Am Christkindlimarkt im Hauptbahnhof, sagt Kohli, dürfe inzwischen nur noch der Veranstalter, die Eventfirma CP9, alkoholische Heissgetränke verkaufen. «Den anderen ist das verboten.» Im Niederdorf steht der Glühweinverkauf zwar noch allen offen. Aber nachdem CP9 auf diese Saison hin auch diesen Markt als Organisatorin übernommen hat, konkurrenziert sie die anderen Anbieter nun mit drei eigenen Ständen. Auch dort seien Einschränkungen wie im Hauptbahnhof ein Thema, sagt ein Standbetreiber, der nicht zitiert werden will, weil er befürchtet, nächstes Jahr nicht mehr zum Zug zu kommen.

Abgänge im Niederdorf

Unter den Alteingesessenen im Niederdorf hat der Einstieg von CP9 für Unruhe gesorgt: Bereits sind Einzelne ausgestiegen. Denn CP9 hat unter den Marktfahrern nicht den besten Ruf. Kevin Leuthard, Sekretär der Zürcher Sektion des Schweizer Marktfahrerverbands, sagt, er höre immer mal wieder Klagen über die Firma.

Stephan Dübi weist die Kritik zurück. Er ist Verwaltungsratspräsident der CP9. Gleichzeitig ist er Vorstand und Pressebeauftragter des Vereins «Weihnachten in Zürich», der die verschiedenen vorweihnächtlichen Märkte und Anlässe in Zürich vermarktet und koordiniert.

Dass noch nicht alle Stände an den Märkten vergeben sind, sei normal, sagt Dübi, das Geschäft sei schnelllebiger geworden. Hinzu komme, dass man ein ausgewogenes, qualitativ hochwertiges, vielfältiges und unkonventionelles Angebot wolle: «Manche verstehen das nicht.»

«Es ist sehr ungewöhnlich dass so kurzfristig für zwei grosse Märkte noch Aussteller gesucht werden.»Bernhard Kohli, Betreiber mehrerer Stände

Der Verkauf von Glühwein und anderen Getränken sei am Christkindlimarkt im Hauptbahnhof deshalb eingeschränkt, ebenso die Anzahl Essensstände, obwohl es für beides eine Warteliste gebe. «Es besteht die Gefahr, dass Weihnachtsmärkte nur noch Essorgien sind», findet Dübi, «die Tendenz geht zu getarnten Street-Food-Festivals. Mancherorts sind kaum mehr Weihnachtslieder zu hören. Das wollen wir nicht.» Es könne aber nicht die Rede davon sein, dass das Organisationskomitee den gesamten Heissgetränkeverkauf an sich gerissen habe: «Wir betreiben nur zwei Stände.»

Das stimmt nur halbwegs. Noch ist die Ausstellerliste für den Markt 2018 nicht online. Aber jene von 2017 zeigt: Die Stände, die Glühwein und andere alkoholische Heissgetränke verkauften, gehörten fast alle zur Firma Harbourhouse. Insgesamt betrieb sie unter verschiedenen Marken rund die Hälfte der Essens- und Getränkestände in der Bahnhofhalle. Verwaltungsratspräsident von Harbourhouse ist: Stephan Dübi. CP9 und Harbourhouse sind im selben Gebäude in Adliswil ansässig. Darauf angesprochen, räumt Dübi ein: «Es ist richtig, dass die heutigen Betreiber von Weihnachtsmärkten einen grossen Teil des Angebots an Heissgetränken selbst bestreiten.» Das sei heute normal.

Unrecht hat Dübi damit wohl nicht – zumindest läuft es auf den meisten Märkten ähnlich ab. Kevin Leuthard sagt, die Betreiber von Weihnachtsmärkten seien generell bestrebt, den lukrativen Teil des Geschäfts selbst zu bestreiten: «Damit aber nehmen sie jenen, die das ganze Jahr als Marktfahrer unterwegs sind, einen rechten Teil des Umsatzes weg.» Die deutsche Wochenzeitung «Die Zeit» schrieb 2014 über die Weihnachtsmärkte in Hamburg gar, manche Betreiber sähen diese als eine Art Gelddruckmaschine. Die kleinen Schausteller hätten das Nachsehen.

80'000 Franken Hallenmiete

Für diese Situation gibt es mehrere Gründe. Die Betreiber der Märkte verweisen auf die hohen Kosten, die ein Weihnachtsmarkt verursache. Die Miete für die Bahnhofhalle kostet etwa 80'000 Franken pro Woche. Dazu kommen die Kosten für Hüttchen und elektrische Installationen. Ausserdem seien Auflagen etwa zur Hygiene oder zur Sicherheit strenger geworden. «Über die Standgebühren lassen sich diese Ausgaben nicht wieder einspielen», sagt Dübi. Deshalb sei es unumgänglich, dass der Veranstalter selbst Stände betreibe.

Dabei sind die Standgebühren happig: Je nach Lage bis zu 7000 Franken. Dazu kommt eine Umsatzbeteiligung – bei einem vorgegebenen Mindestumsatz, der gut und gern mehrere Zehntausend Franken betragen kann. Das sind Summen, die für Essens- und Getränkestände drinliegen. «Ein Kunsthandwerker aber kann das nicht zahlen», sagt Daniel Schletti, Präsident der Zürcher Sektion des Schweizer Marktfahrerverbands.

Denn das Warengeschäft an den Märkten darbt, die Umsätze sinken laut Schletti seit Jahren, während die Unkosten laufend steigen. Traditionelle Produkte wie Handschuhe und Schals, Weihnachtsdekorationen, Kerzen und Töpferwaren gehen nur noch spärlich über die Tresen der Verkaufsstände; an vielen Weihnachtsmärkten gibt es nicht mal mehr Christbaumkugeln zu kaufen. Allenthalben erzählen die Marktfahrer und Marktfahrerinnen, die Kunsthandwerk oder Textilien anbieten, Ähnliches: «Die Leute schauen die Ware an, loben sie – und gehen, ohne etwas zu kaufen, weiter zum Glühweinstand.»

Wechselndes Sortiment zieht

Die Ursache liege wohl im Onlinegeschäft, vermutet Stephan Dübi: Es sei erwiesen, dass sich für viele Produkte das Internet als Vertriebskanal durchgesetzt habe, zum Nachteil der klassischen Märkte. Marktfahrer sehen noch einen weiteren Grund für die Misere: Es gebe nicht nur zu viele Märkte, sie dauerten auch zu lang. Früher sei der Markt im Niederdorf nur 14 Tage geöffnet gewesen. Das habe auch ein kleiner Aussteller durchhalten können, der einen eher bescheidenen Umsatz erzielte, denn die Standgebühren seien entsprechend tiefer gewesen.

Es geht allerdings auch anders. Das zeigen die beiden Weihnachtsmärkte an Lintheschergasse/Bahnhofstrasse und am Bellevue. Beide sind seit Monaten ausgebucht. Ersterer wird vom Marktfahrerverband selbst organisiert, und der arbeitet, anders als die Eventfirma, nicht gewinnorientiert. Der Markt am Bellevue wiederum scheint eine Nische gefunden zu haben, indem er die Markthütten auch wochenweise vermietet, sodass die Besucherinnen und Besucher immer wieder ein neues Sortiment antreffen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.11.2018, 22:05 Uhr

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