Goldgräberstimmung in der Abfallverwertung

Die Stadt Zürich will mehr Metalle aus Abfall gewinnen und plant eine neue Anlage für 38,9 Millionen Franken. Über den Kredit stimmen die Zürcher ab.

Die Stadt Zürich will mehr Metalle aus Abfall gewinnen und plant eine neue Anlage: Abfallcontainer auf dem Recyclinghof Hagenholz. Foto: Stefan Deuber (Keystone)

Die Stadt Zürich will mehr Metalle aus Abfall gewinnen und plant eine neue Anlage: Abfallcontainer auf dem Recyclinghof Hagenholz. Foto: Stefan Deuber (Keystone)

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Filippo Leutenegger darf sich auf den 8. März freuen. An diesem Sonntag wird sich der FDP-Stadtrat und Chef von Entsorgung und Recycling Zürich als Abstimmungssieger feiern lassen können. Den Kredit von knapp 40 Millionen Franken werden die Stadtzürcher mit einer sehr satten Mehrheit gutheissen. Denn es zeichnet sich ab, was kaum einmal vorkommt bei einem solch grossen Abstimmungsbetrag: Gegner gibt es keine, alle sind glücklich mit dem Projekt.

Auch im Gemeinderat gab es nur lobende Worte. Das überrascht nicht weiter, weil das Vorhaben ökologisch wie auch ökonomisch sinnvoll ist.

Mit den knapp 40 Millionen Franken will Entsorgung und Recycling beim Kehrichtheizkraftwerk Hagenholz eine neue Anlage erstellen, die es ermöglicht, 99 Prozent des Metalls, das die Leute in den Abfall geworfen haben, aus der Schlacke zurückzugewinnen. Damit kann dieses erstens verwertet werden. Zweitens fällt weniger Schlacke an, die die Stadt in der Reaktordeponie Heuli in Lufingen im Bezirk Bülach entsorgen muss. Drittens muss weniger Metall abgebaut und importiert werden. Und schliesslich sollte es in Zukunft auch möglich werden, die verbleibende Schlacke für den Strassenbau verwenden zu können, da sie erheblich weniger belastet sein wird als heute, sagt Leutenegger. «Ein solcher Kreislauf ist eine sensationelle Leistung.»

2000 Tonnen jährlich

Bereits heute werden aus der Schlacke der Kehrichtverbrennungsanlage pro Jahr rund 4000 Tonnen Metall aussortiert – bei einer Gesamtmenge von 52'000 Tonnen. Dazu dienen Siebe und Magnete. Noch immer verbleiben aber rund 2000 Tonnen verschiedenster Metalle. Die sind sehr kleinkörnig und verklumpen mit der nassen Schlacke. Gewässert werden die heissen Verbrennungsresten, damit sie abkühlen und nicht in Brand geraten können.

Eine neue Technologie, die auf trockene Schlacke setzt, macht es nun möglich, auch dieses kleinkörnige Metall zurückzugewinnen. Sie wurde bereits in einer Aufbereitungsanlage in Hinwil im Zürcher Oberland erprobt worden und wird dort eingesetzt – was laut Leutenegger weltweit einmalig ist. Da die Stadt die anfallende Schlacke künftig in Hinwil verarbeiten lassen will, muss sie Anlagen im Kehrichtheizkraftwerk Hagenholz anpassen.

In Hinwil werden dann wertvolle Metalle wie Eisen, Stahl, Aluminium, Kupfer, Messing und Zink zurückgewonnen, aber auch Silber und Gold. Die Aufbereitungsanlage hat 2013 um die 14 Kilo Gold aus der Schlacke gewonnen.

Das neue Gebäude im Hagenholz und die Anpassung bei der Aufbereitungsanlage verursachen Kosten von insgesamt 38,9 Millionen Franken. Trotz dieses grossen Betrags verspricht die Stadt, dass weder die Abfallgebühren noch die Preise für den Kehricht von Firmen und Privaten steigen werden. «Uns ist es wichtig, dass die Gebühren stabil bleiben», sagt Stadtrat Leutenegger.

Geldsegen mit Abfallgold

Künftig fällt weniger Schlacke an, die Entsorgung ist zudem billiger, weil Trockenschlacke leichter ist. Spätestens nach 20 Jahren soll die Anlage im Hagenholz amortisiert sein, das neue Gebäude nach 33 Jahren. Im weiteren werde die Stadt Zürich vom Erlös des zurückgewonnenen Metalls profitieren, heisst es in der Abstimmungszeitung. Der Kilopreis Gold zum Beispiel liegt momentan bei rund 37'000Franken.

Gewinn an die Konsumenten

Dieser Punkt löste im Gemeinderat als einziger eine kurze Diskussion aus. Die SVP forderte, dass der Erlös den Abfallverursachern und Gebührenzahlern direkt zurückbezahlt werde – ihnen gehöre das Metall schliesslich. Es gebe keine Rechtsgrundlage, dass dieser wertvolle Abfall automatisch ins Eigentum des Staats übergehe. Die Grünen monierten, die Forderung sei unnötig, da ein allfälliger Gewinn dazu verwendet werde, die Kehrichtgebühren zu senken. Der Gemeinderat überwies dennoch ein Postulat der SVP.

Für Stadtrat Filippo Leutenegger ist das Postulat aber bereits erfüllt, wie er gestern an einer Pressekonferenz sagte: «Wir haben einen geschlossenen Gebührenkreislauf, von diesen Einnahmen fliesst nichts in die allgemeine Stadtkasse.»

Vor das Stimmvolk kommt der Kredit nun, weil er höher ist als 20 Millionen Franken. Sagen die Stadtzürcher Ja, will Entsorgung und Recycling Zürich 2016 auf Trockenschlacke umstellen und damit beinahe alles Metall zurückgewinnen.

Erstellt: 03.02.2015, 20:49 Uhr

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