Showdown bei der SP: Golta schlägt Marti um eine Stimme

Die Sozialdemokraten haben sich dagegen entschieden, mit der Fraktionspräsidentin in den Wahlkampf zu ziehen. Sie schicken zwei Frauen und zwei Männer ins Rennen um die Stadtratswahlen.

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Knapper hätte es bei den Sozialdemokraten nicht werden können: Raphael Golta schlug Min Li Marti im vierten Wahlgang mit 85 zu 84 Stimmen. Im dritten Wahlgang, als Thomas Marthaler mit der geringsten Stimmenzahl ausschied, hatten Golta und Marti noch beide exakt gleich viele Stimmen erreicht. Nach der Nomination umarmte der neue Stadtratskandidat die Unterlegene, die ihm gratulierte.

Möglicherweise hatte die eindringliche Rede von Golta diese eine Stimme Unterschied ausgemacht. Golta hatte sie unter das Motto Chancengerechtigkeit gestellt. Das sei ein Ziel, an dem die Partei arbeiten müsse, sie komme daran nicht vorbei. Denn die Kehrseite des Erfolgs, den die Stadt in den letzten 20 Jahren erarbeitet habe, sei, dass nicht mehr alle die gleichen Chancen hätten. Es müssten künftig alle in Zürich etwas vom errungenen Wohlstand in der Stadt haben und nicht nur wenige, sagt er. Auch Sozialhilfebezüger und Rentner. Und alle jungen Schulabgänger sollten die gleiche Chance haben, eine Lehrstelle zu finden. «Ich will, dass die Chancengerechtigkeit der Kompass wird in jedem Departement der Stadt.» Um das zu erreichen, müsse der Stadtrat Handlungsspielraum schaffen, über die Grenzen der Stadt hinausschauen und Allianzen schmieden mit Kanton und Bund. «Wir dürfen uns nicht abschotten.» Nur damit könne die Stadt die Erfolgsgeschichte weiterschreiben.

 Jung und pragmatisch

SP-Nationalrat Martin Naef beschrieb seinen langjährigen politischen Weggefährten als ungeduldigen, gescheiten, rhetorisch klugen Kollegen. Als Fraktionschef stehe er mit einem klaren Führungsanspruch da, der jedem seinen Platz gebe. Golta könne Kompromisse herbeiführen, da er eine klare Position habe und verlässlich sei.

Golta politisiert zwar im Kantonsrat, passt aber gut zur Führungscrew der städtischen Sozialdemokraten mit den Parteipräsidentinnen Andrea Sprecher und Beatrice Reimann sowie Fraktionschefin Min Li Marti. Alle sind sie jung und vertreten eher die gemässigte und pragmatische Seite der Sozialdemokraten. Alle sind sie gute Redner und lieben politische Debatten. Golta widmet sich gerne und mit viel Kenntnis der Finanzpolitik. Er hat sich in den letzten Jahren gut vernetzt und gilt als sehr umgänglich – die politischen Gegner respektieren ihn. Der 38-Jährige ist seit 2003 im Kantonsrat, die Fraktion leitet er seit 2010. Und er strebt ein höheres politisches Amt an. Politisiert wurde er in den 80er-Jahren durch die Armeeabschaffungsinitiative der GSoA.

Golta hat Publizistik, Volkswirtschaft und Informatik studiert und arbeitet heute als Softwareentwickler bei der Firma Fabware mit Sitz im Zürcher Technopark. Dort entwirft er Apps für iPhone und iPads – quasi als Nebenprodukt hat er eine kleine App für den Kantonsrat entwickelt. Er ist mit Catherine Heuberger verheiratet, mit ihr hat er einen einjährigen Sohn. Heuberger sitzt ebenfalls für die SP im Kantonsrat.

Eine spannende Nomination hatte sich schon im ersten Wahlgang abgezeichnet. Min Li Marti erreichte 48 Stimmen, Raphael Golta 47 Stimmen und Thomas Marthaler 43 Stimmen. Die abgeschlagene Regula Enderlin (9 Stimmen) zog ihre Kandidatur zurück. Im zweiten Wahlgang führte Golta mit 56 vor Marti mit 52 und Marthaler mit 43 Stimmen. Gemeinderätin Christine Seidler fiel mit 20 Stimmen aus dem Rennen.

Die bisherige Stadtpräsidentin Corine Mauch und die amtierenden Stadträte Claudia Nielsen und André Odermatt wurden von den Delegierten ohne Gegenstimmen wieder nominiert.

Gegen den Schluss der Nominationsversammlung gesellten sich die beiden Stadträte Daniel Leupi (Grüne) und Richard Wolff (AL) sowie der Stadtratskandidat der Grünen, Markus Knauss, unter die SP-Delegierten. Die Delegierten stimmten ohne Gegenstimme einer Zusammenarbeit mit den Grünen und der AL bei den Stadtratswahlen zu. Die Alternativen müssen dieser Zusammenarbeit allerdings ebenfalls noch zustimmen.

Mit der SP hat die letzte grosse Partei in Zürich ihre Kandidaten für die Stadtratswahlen nominiert. Die FDP, die im Frühling den Sitz von Martin Vollenwyder an Richard Wolff von der Alternativen Liste verloren hat, greift mit Nationalrat Filippo Leutenegger den Sitz von Stadtpräsidentin Mauch an. Und Andres Türler will seinen Posten als Departementsvorsteher der Industriellen Betriebe verteidigen.

Schon länger ist bekannt, dass CVP-Schulvorsteher Gerold Lauber wieder kandidieren wird. Die SVP hat letzte Woche Gemeinderat Roland Scheck und die unbekannte Nina Fehr nominiert. Wieder ins Rennen steigen wird Daniel Leupi für die Grünen, der vor etwas mehr als drei Monaten das Finanzdepartement übernommen hat. Den Sitz der zurücktretenden Ruth Genner versucht Fraktionschef Markus Knauss zu erobern. Die Grünliberalen schicken Gemeinderat Samuel Dubno ins Rennen. Und für die Schweizer Demokraten kandidiert Walter Wobmann, Präsident der Stadtpartei. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.09.2013, 23:43 Uhr

Stadtpräsidentin Corine Mauch gratuliert dem nominierten Stadtratskandidaten Raphael Golta. (Bild: Dominique Meienberg)

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