Zürcher Bünzlis gegen Zürcher Hippies

In Altstetten entsteht stadtweit die grösste Anbaufläche für Garten-Amateure. Schrebergärtner (Unkräutchen wegjäten) kämpfen da gegen Gemeinschaftsgärtner (kollektiv ins Chaos).

Auf 40'000 Quadratmetern sollen in Altstetten Gemeinschafts- und Familiengärten entstehen. Foto: Dominique Meienberg

Auf 40'000 Quadratmetern sollen in Altstetten Gemeinschafts- und Familiengärten entstehen. Foto: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im Dunkelhölzli, am Rande von Alt­stetten, wird Zürichs Gartenparadies ­erschaffen. Auf rund 40'000 Quadratmeter Fläche sollen Städter säen, tränken, jäten, ernten. 12,8 Millionen Franken lässt sich der Stadtrat die Umgestaltung und Sanierung der Felder kosten.

Nur ein zentraler Entscheid ist noch nicht gefällt: Wer genau wird die Äcker am Waldrand aufblühen lassen? Hinter den Kulissen spielt sich ein Verteilkampf ab. Vertreter zweier unterschiedlicher Schulen wollen im Dunkelhölzli tätig werden: die Gemeinschafts- und die Schrebergärtner. Das Verhältnis der beiden Gruppen ist nicht frei von Spannungen. Die gegenseitigen Vorurteile lauten ungefähr: Bünzlis, die jedes Unkräutchen wegjäten (Schrebergärtner). Oder: Hippies, deren kollektive Versuche im Chaos enden (Gemeinschaftsgärtner).

Umfrage

Können Sie sich vorstellen, selber zu gärtnern?





«Dahinter stehen gegensätzliche Philosophien», sagt die grüne Gemeinde­rätin Gabriele Kisker. «Es geht um den Privateigentums- gegen den Allmend­gedanken.» Das Dunkelhölzli sei öffentlicher Freiraum, durch den Bau von Schrebergärten würde er privatisiert. «Das ist Zersiedelung im Kleinen.» In Zürich bestehe ein grosses Bedürfnis nach gemeinsamem Gärtnern, sagt Kisker.

«Wahre Heimat» auf der Parzelle

Bei Gemeinschaftsgärten seien Konflikte vorprogrammiert, findet dagegen FDP-Gemeinderat Albert Leiser. Die erste Euphorie werde rasch verfliegen, nach ein paar Jahren würden sich nur noch wenige im Dunkelhölzli engagieren, zurück bleibe Wildnis. «Wahre Heimat finden die Menschen auf einer eigenen Parzelle. Nur so kann Verbundenheit und Verantwortung entstehen.»

Die politische Mehrheit in der Stadt steht auf der Seite der Gemeinschaftsgärtner: Vor gut drei Jahren hat der Gemeinderat einem Postulat von Eva-Maria Würth (SP) und Gabriele Kisker klar zugestimmt (dagegen waren SVP und FDP): Im Dunkelhölzli sollen «prioritär kooperative Nutzungen» entstehen.

Diese Forderung bewog mehrere Zürcher Gemeinschaftsgärtner, sich zusammenzutun und der Stadt unter dem Namen Grünhölzli einen ausgefeilten Plan zur Kultivierung des Areals vorzuschlagen. In Zürich wirkt seit Jahren eine engagierte Urban-Gardening-Szene, auf der Hardturmbrache zum Beispiel oder bei den Hardau-Hochhäusern. «Wir wollen ein Pionierprojekt in Sachen urbane Ernährung auf die Beine stellen», sagt Christian Müller, der Ortoloco, eine der grössten Zürcher Gartenkooperativen, mitaufgebaut hat. Zum Grünhölzli gehörten neben den Feldern ein Gemeinschaftsgebäude mit Hofladen, Schul- oder Generationengärten. Ein Dachverein würde alle Nutzungen koordinieren. Mitmachen dürften alle Zürcherinnen, Grünhölzli würde die Flächen an Untergruppen weitervergeben.

Das Pech der Grünhölzli-Promotoren ist, dass andernorts in Altstetten gerade zahlreiche Schrebergärten verschwinden. Im Juchhof wurden 50 davon wegen einer geplanten Strasse abgerissen. Dem neuen Eishockeystadion an der Vulkanstrasse werden 120 weitere weichen müssen. Für neue Familiengärten gibt es in Zürich aber kaum Platz – ausser im Dunkelhölzli.

Grafik: Das Dunkelhölzli-Areal Grafik zum Vergrössern anklicken.

Dazu kam, dass 2014 Filippo Leuten­egger (FDP) Chef der zuständigen Abteilung Grün Stadt Zürich wurde. Seine Partei steht Schrebergärten viel wohlwollender gegenüber als die seiner grünen Vorgängerin Ruth Genner.

Im letzten Jahr haben die Vertreter des Grünhölzli-Projekts ihre Ideen Grün Stadt Zürich in mehreren Sitzungen vorgestellt. Gleichzeitig bemühte sich der Familiengartenverein Altstetten-Albisrieden, der die Gärtner von der Vulkanstrasse vertritt, um das Areal.

Beide beackerten die Stadt erfolgreich. Wahrscheinlich werden sowohl die Grünhölzli-Gruppe als auch die Schrebergärtner auf dem Dunkelhölzli wirken können. «Wir haben gerade eine Zusage für einen kleinen Teil bekommen», sagt Schrebergärtner Adolf Gloor. Die Fläche werde etwa 20 Familiengartenfelder umfassen, die konkrete Planung soll nächstes Jahr beginnen. Einige Familiengärtner, die vom Stadion verdrängt würden, interessierten sich für einen Umzug, sagt Gloor. «Andere versuchen wir in anderen Kleingartenarealen unterzubringen. Viele werden aber aufhören. Sie fühlen sich zu alt, um neu anzufangen.»

Auch die Grünhölzli-Vertreter hätten konkrete Hinweise, dass sie als Trägerschaft einen Teil übernehmen könnten, sagt Christian Müller. «Das freut uns sehr.» Aus Müllers Sicht hätte aber ein weniger detailliert ausgearbeitetes Projekt ausgereicht. «Wir würden das Areal lieber Stück für Stück mit allen Beteiligten entwickeln.» Das käme wohl auch günstiger. Doch ein solch offenes Vorgehen entspreche nicht der Art der Stadt und berge ein gewisses Risiko. «Dabei haben wir mit unseren bisherigen Initiativen bewiesen, dass wir so etwas könnten.» Gabriele Kisker stimmt zu. Auch sie glaubt, dass kooperative Gruppen auf dem Dunkelhölzli weniger Infrastruktur brauchen würden. Dies verringere Eingriffe in die Landschaft.

Zwei Schulen nebeneinander

Bei der Frage, wie das Areal unter den Pächtern aufgeteilt wird, legt sich Grün Stadt Zürich noch nicht fest: «Wir richten uns nach den Bedürfnissen der Trägerschaften», sagt Sprecher Marc Werlen. Doch ein Grossteil des Landes liege auf Fruchtfolgeflächen, die man schonend und ohne viel Infrastruktur bewirtschaften müsse. Gemeinschaftsgärten erfüllen diese Anforderung besser.

Klar ist, dass künftig Gemeinschafts- direkt neben Familiengärtnern arbeiten. Das werde problemlos funktionieren, sagen Christian Müller und Adolf Gloor. Gloor fügt an, dass sein Verein vielleicht einen Versuch mit einem gemeinsam bewirtschafteten Feld starte. «Aber die meisten unserer Mitglieder, auch die jungen, wollen eine eigene Parzelle und klare Strukturen.»

Entschieden ist die Sache noch nicht. 2017 wird der Gemeinderat über den 12,8-Millionen-Franken-Kredit beraten. Im Stadtparlament hatten die Freunde der Gemeinschaftsgärten bisher eine deutliche Mehrheit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.12.2016, 22:14 Uhr

Artikel zum Thema

Polizei findet Marihuana in Winterthurer Schrebergarten

Die Stadtpolizei Winterthur hat in einem Schrebergarten mehrere Kilogramm feuchtes Marihuana gefunden. Mehr...

Tatort Schrebergarten: Urteil gegen zwei Polizisten aufgehoben

Das Bundesgericht zerpflückt ein Urteil des Zürcher Obergerichts. Es sei willkürlich und dessen Schlussfolgerungen «mit sachlichen Gründen nicht haltbar». Mehr...

Neues Quartier statt Schrebergärten in Zürich-Nord

Die Stadt Zürich plant auf einer ihrer grössten Landreserven ein neues Quartier. Auf dem Areal Thurgauerstrasse West sollen gemeinnützige Wohnungen für 2000 Menschen entstehen. Und vieles mehr. Mehr...

Ehemalige GärtnereiKaufen oder nicht kaufen?

Direkt neben den Feldern des Dunkelhölzli liegt eine Gärtnerei, die ihren Betrieb vor langer Zeit eingestellt hat. In zwei ehemaligen Treibhäusern betreibt der Wirt Tony Navarro das Restaurant Triibhuus. Seit langem steht die Gärtnerei zum Verkauf.

Aus Sicht der Grünhölzli-Vertreter wäre es ideal, wenn die Stadt die alte Gärtnerei kaufen und ins Gartenprojekt integrieren würde. «Mir leuchtet es nicht ganz ein, warum man ein neues Betriebsgebäude baut, wenn gleich daneben die perfekte Infrastruktur steht», sagt Christian Müller. Ursprünglich sah dies auch der Stadtrat so. Er wünsche das Grundstück mit den Gewächshäusern zu erwerben, schrieb er 2013. Bei der Vorlage, die der Stadtrat letzte Woche beschlossen hat, gehört die Gärtnerei aber nicht zum Projekt. Was mit dem Grundstück passiere, sei offen, heisst es bei der Stadt. (bat)

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...