Grillen? Nein, es ist das Heupferd, das geigt

In den Spätsommernächten pulsiert in vielen Bäumen und Büschen leiser Technosound. Jetzt raven die Heuschrecken.

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Die berauschende Musik des Mittelmeers: am Tag die Percussions-Monsterkonzerte der Zikaden, abends die melancholischen Mandolinen der Grillen. Und kommt der Naturfreund aus den Sommerferien nach Hause, nimmt das ausgeruhte Ohr mitten in der Stadt ähnliche Klänge wahr. Da geigt es in noch lauen Nächten aus Büschen und Hecken. Grillen - auch bei uns? Ein seliger Gedanke, doch leider meistens falsch. Um diese Jahreszeit sowieso. Denn die Feldgrille (Gryllus campestris) ist in der ganzen Schweiz so selten geworden, dass sie auf der roten Liste der bedrohten Arten steht. Im dichten, hohen Gras der gedüngten Wiesen kann sie nicht überleben. Sie braucht eher trockene, locker bewachsene Magerwiesen, in denen die Sonne den Boden genug wärmt, damit die Grilleneier in der Erdhöhle ausgebrütet werden.

In der Stadt Zürich sind noch an zwei Orten Feldgrillen nachgewiesen: in einer Schafweide und angrenzenden Schrebergärten im Wehrenbachtobel und am Riedweg beim Rütihof. Da die Feldgrillen als Larven überwintern, sind sie im Frühjahr schon bald ausgewachsen und paarungsbereit. Deshalb hört man ihr melodisches Zirpen - dort wo es sie noch gibt - vor allem im Mai und Juni. Danach legen sie ihre Eier ab - und sterben.

Ein grüner Gigant

Doch was musiziert denn jetzt an so vielen Orten in der Nacht? Es sind Heuschrecken. Die sind im Frühling erst aus den Eiern geschlüpft und haben bis zum Hochsommer gebraucht, um erwachsen und geschlechtsreif zu werden. Jetzt werben die Männchen noch bis in den Oktober um die Weibchen. Weit hörbar ist der Gesang des Grünen Heupferds (Tettigonia viridissima), der grössten Heuschreckenart der Schweiz. Ab und zu erschrecken uns die fingerlangen geflügelten Tiere, wenn sie als nächtliche Besucher durchs offene Fenster einsteigen und sich an der Gardine festklammern. Die Weibchen erkennt man an ihrem schwertähnlichen Legestachel. Gefährlich sind Heupferde nicht, obwohl sie kein Heu fressen, sondern Raubtiere sind: Mit ihren kräftigen Kiefern zermalmen sie andere Insekten und kleinere Artgenossen. Heupferde sind im Gegensatz zu den Feldgrillen Kulturfolger und nisten sich auch in Stadtgärten ein.

Der Gesang des Männchens dauert bis weit nach Mitternacht und steckt - wie bei den Vögeln - ein Revier gegen Rivalen ab. Dazu reibt das Heupferd seine Vorderflügel über eine Membran und erzeugt ein helles, lang gezogenes Schwirren auf gleicher Tonhöhe. Allerdings bloss bei warmen Temperaturen; wenn es so nasskalt ist wie in diesen Tagen, geben die Tiere höchstens alle paar Sekunden ein verdrossenes «Zick!» von sich. Wie ein Liebeslied klingt das nicht mehr. Das Weibchen hört sehr scharf - mit den Beinen. Am Knie des Vorderbeins haben Heupferde feine Schlitze, die zu den Hörorganen führen.

Mit dem Ohr auf Pirsch

Auch für uns Menschen taugt das Ohr mehr als das Auge, um nachts die häufigsten Heuschrecken zu unterscheiden. Wenigstens solche, die für uns hörbar singen, was längst nicht alle 26 in der Stadt Zürich gefundenen Heuschreckenarten tun.

Aus niedrigerem Gebüsch klingt regelmässig wie ein Metronom das kurze «Zri» der Gewöhnlichen Strauchschrecke (Pholidoptera griseoaptera), deren brauner Körper zwar klein, aber bullig wirkt. Mehr musikalischen Aufwand betreibt der Nachtigall-Grashüpfer (Chorthippus biguttulus). Die Qualität des namengebenden Vogels erreicht er zwar nie, aber seine metallisch anschwellenden und auf dem Höhepunkt abbrechenden Strophen lassen Temperament vermuten. Auch das kurze Sägen, gefolgt von längeren Pausen, des Gemeinen Grashüpfers (Chorthippus parallelus) hat seinen Charme. Dagegen macht es sich der Braune Grashüpfer (Chorthippus bruneus) mit seinem «Zr-zr-zr» sehr einfach. Aber er will ja nicht uns bezirzen, sondern sein Weibchen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.08.2008, 07:24 Uhr

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