Grossaufmarsch in Altstetten gegen die geplante Tramverlegung

Über 600 Quartierbewohner liessen gestern kein gutes Haar an der Politik der anwesenden Stadträte.

Stadtrat Filippo Leutenegger wollte eigentlich nur zuhören. Foto: Sabina Bobst

Stadtrat Filippo Leutenegger wollte eigentlich nur zuhören. Foto: Sabina Bobst

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Die Wogen gehen hoch in der Debatte um die Verlegung der Tramlinie 2 zum Bahnhof Altstetten. Über 600 Altstetterinnen und Altstetter marschierten am Donnerstagabend im Hotel Spirgarten auf, um sich an der Diskussion zu beteiligen. Trotz eilig herbeigeschaffter zusätzlicher Stühle: Für manche gab es nur noch Stehplätze. Das Thema lockte Teilnehmer aus der ganzen Stadt an, die sich mit den Altstettern solidarisierten gegen die Pläne der Verwaltung.

Gleich drei Stadträte waren in den Spirgarten gekommen. Sie strichen ihre Offenheit gegenüber anderen Vorschlägen und Lösungen heraus. «Heute Abend geben die Stadträte keine Antworten, sondern hören für einmal nur zu», sagte Filippo Leutengger (FDP), der als federführender Departementsvorsteher durch den Abend führte.

Doch schon Stadtrat Andres Türler (FDP), Vorsteher der Industriellen Betriebe und damit der VBZ, tat kurz darauf das Gegenteil. Er betonte, dass Altstetten sich immer mehr zu einem neuen Stadtzentrum entwickle, ähnlich wie Oerlikon mit den entsprechenden Verkehrsströmen. Diese müsse man kanalisieren, und alles müsse erst noch bezahlbar sein. Die Stadt habe sieben Varianten evaluiert. «Unser Projekt ist eine überzeugende Lösung, von der auch die nächste Generation sagen wird, dass sie weitsichtig gewesen ist», sagte er. Und erntete die ersten Buhrufe und Pfiffe im Saal, wie später auch die Spezialisten der SBB, der VBZ, des Tiefbauamts und der Limmattalbahn.

Aufgeheizte Stimmung

Hochbauvorsteher André Odermatt (SP) versuchte zu beschwichtigen, indem er betonte, wie wichtig in diesem Prozess das gegenseitige Zuhören und der Respekt vor anderen Meinungen seien. Fortan hielten die Stadträte ihr Versprechen und diskutierten erst im Anschluss an den offiziellen Teil – an den im Saal und im Foyer aufgestellten Infoständen – wieder mit.

Die Stimmung war bereits nach 15 Minuten stark aufgeheizt. Viele der Anwesenden drängten an die Mikrofone. In der Diskussion wurde schnell klar, dass ein Grossteil von ihnen die neu geplante Linienführung des 2ers ablehnt, die das Tram neu Richtung Bahnhof Altstetten und dann via Hohlstrasse nach Farbhof führt. Ein ganzes Quartier, in dem in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Wohnungen gebaut wurden (Im Struppen, Badenerstrasse Höhe Bachmattstras­­se), würde damit vom Tram abgeschnitten. Stattdessen möchte die Mehrheit lieber alles so belassen, wie es heute ist. «Unlogisch», «Schnapsidee» oder «Unsinn» waren noch die harmloseren Wortmeldungen.

Immer wieder war zu hören, das Vorgehen der Stadt sei extrem stossend, dass nur auf die Wünsche der Pendler geschielt werde und die Interessen des Quartiers mit Füssen getreten würden. Insbesondere das lokale Gewerbe habe man bei diesem Projekt völlig vergessen. Die neue Linienführung führe dazu, dass das Quartierzentrum, der Lindenplatz, auf dem auch der Spirgarten steht, veröde und mit dem Farbhof ein ganzer Teil des Quartiers abgeschnitten werde. Die Folge: ein Sterben der lokalen Läden. Harsch kritisiert wurde auch, dass mit den diversen geplanten Haltestellen die Hohlstrasse völlig überlastet werde.

Kopfschütteln ernteten die Projektkosten, die ein VBZ-Vertreter auf 100 Millionen Franken veranschlagte. Allein die neue Linienführung des 2er-Trams schlägt mit 30 Millionen Franken zu Buche. Der diese Woche in die Diskussion eingebrachte Vorschlag des VCS stiess hingegen auf gute Resonanz. Dieser beinhaltet neben der unveränderten Linienführung des 2er-Trams die Schaffung einer Fussgängerzone im Bereich Altstetter-/Hohlstrasse.

Endgültiges Projekt 2015

Ein alteingesessener Altstetter hielt gegen Schluss der Debatte fest, was wohl viele dachten: «Wenn man nicht weiss, was man machen soll, macht man am besten gar nichts.» Stadtrat Leutenegger quittierte den Applaus lakonisch: «Solche Feststellungen kommen natürlich immer gut an.»

Die vom Stadtrat eingesetzte Begleitgruppe aus Quartiervertretern, Politikern, Gewerbe und Stadtverwaltung wird in den nächsten Wochen die Ideen aus der gestrigen Debatte auswerten und mit der Verwaltung Lösungsansätze ausarbeiten. Am 20. Oktober werden die Lösungen der Öffentlichkeit präsentiert, wie Projektleiter Vilmar Krähenbühl ausführte. Gemäss Stadtrat Odermatt soll im ersten Quartal 2015 das endgültige Projekt, für das sich der Stadtrat entschieden hat, vorgestellt werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.07.2014, 23:45 Uhr

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Das Tram gilt als Quartierbesitz

Immer wenn die Verkehrsbetriebe Zürich eine Tramlinie verändern wollen, hagelt es in den Quartieren Proteste. Neben Baustellen, Parkplätzen und Hafenkränen sind es die Tramlinien, welche die Zürcher Volksseele regelmässig zum Sieden bringen. So geschehen gestern Abend in Altstetten, wo die VBZ den 2er zum Bahnhof führen wollen. Was in der Verkehrsplanung zentral ist – die Vernetzung von Bahn, Bus und Tram –, ist für die Quartierbevölkerung eine inakzeptable Mischung aus Affront, Schikane und linker Gewerbe- und Autofeindlichkeit. Neben der Öde am Lindenplatz fürchten die Altstetter das Umsteigen.

Derzeit sind mehrere Quartiere über die VBZ empört. Auf der anderen Seite des Bahnhofs Altstetten sorgt die ­Linie 17 für Aufruhr, welche die Grünau und das Hardturmquartier mit dem Hauptbahnhof verbindet. Sie soll ab Dezember 2017 nur noch in den Stosszeiten verkehren, weil dann die Linie 8 über die Hard­brücke in die Grünau fährt. Für die Anwohner ist das eine Zumutung, weil sie dann zum HB umsteigen müssen. Über 8000 Unterschriften sind für eine Petition zusammengekommen, die den ganztägigen Betrieb der Linie 17 fordert. Wie bei der Linie 2 wird auch dort kritisiert, dass die VBZ nicht das Wohl der Bevölkerung im Sinn haben, sondern jenes der Pendler, obwohl die doch in der Stadt keine Steuern zahlen. Ob die VBZ einlenken, ist offen.

Im Fall Witikon haben sie es getan. Über Jahrzehnte forderte der Quartierverein eine direkte Verbindung zum Hauptbahnhof – ohne Umsteigen am Klusplatz. Stets sagten die VBZ Nein. Jetzt geht es aber mit einem Mal: Die Trolleybuslinie 31 soll ab Dezember 2017 bis nach Witikon verlängert werden. Allerdings fährt dann der 15er nicht mehr bis zum Klusplatz, wogegen sich der Quartierverein ebenfalls mit einer Petition wehrt.

Doch nie war die Empörung über die VBZ grösser als 1986 am Zürichberg, als die Tramlinie 5 nicht mehr zum Paradeplatz fahren durfte. Mit einer Volksinitiative wollte das «Komitee pro Tram 5» die VBZ entmachten und die Linien­führung dem Gemeinderat übertragen. Aber nur 26 Prozent sagten dazu Ja. (jr)


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