Grosse Skepsis beim neuen Standort für das Kongresszentrum

Der Zürcher Stadtrat will das neue Kongresszentrum auf dem Geroldareal – ein Entscheid, der wenig Euphorie auslöst. Touristikexperten und Hoteliers sind aber erleichtert, dass es endlich vorwärtsgeht.

Zwischen Hauptstrassen und Bahngleisen gelegen: Das Geroldareal, rechts vom Prime Tower.

Zwischen Hauptstrassen und Bahngleisen gelegen: Das Geroldareal, rechts vom Prime Tower. Bild: Nicola Pitaro

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine Aussicht aufs Gleisfeld statt auf den See: Das will Zürich künftigen Kongressbesuchern bieten. Vier Jahre nach dem Volks-Nein zum Kongresszentrum am See hat sich der Stadtrat für einen neuen Standort entschieden: das Geroldareal direkt beim Bahnhof Hardbrücke. Hochbauvorsteher André Odermatt (SP) hatte schon länger angedeutet, dass er das Industriequartier bevorzugt. Gestern ist ihm der Stadtrat gefolgt.

Überzeugt haben ihn die zentrale Lage, die Platzverhältnisse und das «lebendige Wohn-, Arbeits- und Ausgangsquartier» Zürich-West. Auf dem Carparkplatz, der als einzige Alternative gehandelt wurde, müsste das Raumprogramm verkleinert werden.

Die Bekanntgabe verzögert haben die Eigentumsverhältnisse auf dem Geroldareal. Der westliche Teil des Grundstücks gehört der Stadt, den grösseren Rest teilen sich drei private Grundbesitzer. Die Bürke Immobilien AG hat sich zu einem Verkauf bereit erklärt, ebenso die Heilsarmee, sofern ihr die Stadt einen Ausweichstandort für ihr Brockenhaus bietet. Diesen Wunsch werde man erfüllen, sagt André Odermatt. Wo genau, sei aber noch nicht bestimmt. Noch am Laufen sind die Verhandlungen mit Georg Mayer-Sommer, dem Besitzer des grössten Teils. Mit ihm will sich die Stadt bis Ende Sommer einigen.

Drei weitere Grossprojekte

Sind alle Eigentumsfragen geklärt, will die Stadt mögliche Finanzierungs- und Trägerschaftsmodelle ausarbeiten. Ob es wieder zu einer engen Zusammenarbeit mit privaten Investoren komme, sei noch völlig offen, sagt Odermatt. Auch die Kosten sind noch nicht bestimmt. «Finanziell können wir das Kongresszentrum stemmen», ist Odermatt überzeugt. Die städtischen Investitionen, die sich auf 850 Millionen Franken pro Jahr belaufen, reichten für ein weiteres Grossprojekt neben Kunsthaus und den beiden Sportstadien.

Gegen Ende Jahr will die Regierung dem Gemeinderat einen Projektierungskredit beantragen. Spätestens 2014 soll der Architekturwettbewerb starten. Baubeginn wird frühstens 2017 sein. Bis dahin laufen auch die meisten Mietverträge auf dem Areal. «Wenn alles gut geht, haben wir 2020 ein neues Kongresszentrum», sagt Odermatt.

Carparkplatz bleibt Favorit

Aufgeatmet haben gestern die Hoteliers. «Wir warten schon seit 20 Jahren auf ein Kongresszentrum», sagt Jörg Arnold, Präsident der Zürcher Hoteliers. «Wir sind froh, dass der Standortentscheid endlich gefallen ist.» Dass er das Geroldareal nicht als Toplage betrachtet, verschweigt Arnold nicht. Den Carparkplatz hält er wegen der Zentrumsnähe für idealer. «Entscheidend ist aber, dass Zürich endlich ein Kongresszentrum erhält.» Weil der Finanzplatz an Bedeutung verloren habe, sei die Stadt umso dringender auf das Standbein Tourismus angewiesen, das künftig mehr Wertschöpfung generieren müsse.

Christian Laesser, Professor für Tourismus an der Universität St. Gallen, hält es nicht für relevant, wo genau in Zürich das Kongresszentrum gebaut wird: Es sei gang und gäbe, dass Kongresszentren «nicht ganz so zentral» lägen. Zürich- West sei ein Entwicklungsgebiet mit neuen Hotels. Und die Verkehrserschliessung funktioniere «relativ gut». «Es muss jedoch sichergestellt werden, dass die Kapazitäten auch bei 3000 Kongressteilnehmern ausreichen», sagt Laesser. Mit dem Ausbau des Bahnhofs Hardbrücke will die Stadt just dies tun.

Im Kreis 5 kommt die Standortwahl unterschiedlich gut an: «Wenn das Kongresszentrum ein belebter Ort wird, der das ganze Jahr Besucher anzieht, finde ich das gut», sagt Christoph Gysi, Wirt im Les Halles und Präsident der Kulturmeile Zürich-West. Im neuen Kongresszentrum müssten auch Konzerte und Ausstellungen stattfinden, sonst entstehe ein «toter Fleck». Eventuell könnte auch die Maag Music Hall dorthin umziehen, sagt Gysi.

Skeptisch äussert sich dagegen Helmuth Werner, Präsident des Quartiervereins Kreis 5. Er hält den Carparkplatz nicht nur wegen seiner Zentrumsnähe für den besseren Standort. Vorteilhaft wäre bei dieser Lösung auch, dass der Kreis 5 nicht nur beim Escher-Wyss-Platz aufgewertet würde.

Flughafen: Konkurrenz ab 2017

Was in Zürich langsam Gestalt annimmt, ist in Kloten schon weiter gediehen: Am Flughafen beginnen nächstes Jahr die Bauarbeiten für The Circle, ein Dienstleistungszentrum mit 40'000 Quadratmeter Fläche. Das Hotel Hyatt Regency will dort einen Kongressbereich mit Platz für 1500 Besucher schaffen. Die Eröffnung ist für 2017 geplant, also drei Jahre früher als in Zürich.

Dass diese Konkurrenz dem Zürcher Kongresszentrum Gäste abgräbt, glaubt Flughafensprecherin Jasmin Bodmer nicht: «Es hat Platz für beide.» Diese Einschätzung teilt Elmar Ledergerber, Präsident von Zürich Tourismus. Eine gewisse Konkurrenz werde entstehen, das Potenzial für Kongresse in Zürich sei jedoch sehr gross. «Beide Zentren werden gut auslastbar sein.»

Den Standort Geroldareal hält Ledergerber nicht für optimal, der Carparkplatz verfüge dank seiner Zentrumsnähe städtebaulich über die bessere Qualität. Gleichwohl kommt Zürichs Ex-Stadtpräsident zum Schluss: «Lieber eine Secondbest-Lösung, die realisiert wird, als eine Superlösung, die nie kommt.»

Erstellt: 12.04.2012, 07:28 Uhr

(Bild: TA-Grafik / Quelle Notariat Aussersihl)

Zehnjährige Planungsgeschichte

März 2002: Stadtrat und Hoteliers verkünden, dass Zürich ein neues Kongresszentrum brauche. Die Standortsuche beginnt.

März 2005: Elmar Ledergerber (SP) und Kathrin Martelli (FDP) stellen die Pläne für ein neues Kongresszentrum am See vor. Das geschützte Kongresshaus aus dem Jahr 1939 soll einem Neubau weichen.

April 2006: Der Spanier Rafael Moneo gewinnt den Architekturwettbewerb.

April 2006: Heimatschutz und Architekten wollen das alte Kongresshaus retten.

März 2007: Der überarbeitete Entwurf wird präsentiert. Kostenpunkt: 380 Millionen Franken. 120 Millionen will die Stadt übernehmen, den Rest private Investoren. Der Kanton hebt den Denkmalschutz fürs alte Kongresshaus auf, es darf abgerissen werden.

August 2007: Linke, Grüne und AL kritisieren das Projekt im Gemeinderat. Der Stadtrat habe bei der Planung seine Kompetenzen überschritten. Das Ganze sei wie in einer Monarchie abgelaufen.

Juni 2008: 57 Prozent der Zürcher sagen Nein zu einem Landkauf, der für das neue Kongresszentrum nötig gewesen wäre. Das Projekt ist gestorben – eine Niederlage für den Stadtrat und die Befürworter von SVP, FDP, CVP, EVP sowie Teile der SP. Die Suche nach einem alternativen Standort beginnt.

Juni 2009: Der Stadtrat stellt drei Möglichkeiten zur Diskussion: Hochschulquartier, Geroldareal oder Kaserne. Standorte am See hat er verworfen. Eine Seelage scheint nach dem Volks-Nein zu heikel.

Juni 2009: Der Architekt Walter Wäschle schlägt den Carparkplatz beim Bahnhof vor.

Juni 2010: An einer Veranstaltung diskutieren 150 interessierte Bürger über den optimalen Standort. Das Hochschulquartier ist ausgeschieden. Der Stadtrat nimmt dafür den Carparkplatz und den Hafen Enge neu ins Verfahren auf.

November 2010: Die Auswahl verengt sich auf Carparkplatz und Geroldareal.

April 2012: Mit fast zweijähriger Verspätung entscheidet sich der Stadtrat für das Geroldareal. (bat)

Artikel zum Thema

Stadt überlässt Gerold-Areal einem Grundbesitzer, Mieter fühlen sich abgezockt

Nutzer der Gebäude kritisieren, die Stadt mache einem Grundbesitzer fragwürdige Geschenke. Damit wolle sie sich in Zürich-West den Platz für das neue Kongresszentrum sichern. Mehr...

«Wir müssen lernen, uns selber zu kritisieren»

Hunderte Muslime haben sich in Biel zur Konferenz des islamischen Zentralrats eingefunden. Diese soll ein neues Kapitel in der Geschichte der Muslime in der Schweiz anstossen, sagt Präsident Nicolas Blancho. Mehr...

Läden verdrängen Supermarket und Cabaret

An der Geroldstrasse werden die Nachtclubs Cabaret und Supermarket die Türen schliessen. An ihrer Stelle soll eine Ladenpassage entstehen. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...