Hännys schlimmster Tag

Der wohl berühmteste Text der Achtziger-Unruhen ist die Reportage «Zürich, Anfang September». Ihr Autor Reto Hänny sagt, das Vertrauen in den Rechtsstaat sei ihm damals für immer rausgeprügelt worden.

Damals, Anfang der Achtzigerjahre: Reto Hänny, der Sonderdruck seiner Reportage und das ein paar Monate später erschienene Suhrkamp-Bändchen. Fotos: TA

Damals, Anfang der Achtzigerjahre: Reto Hänny, der Sonderdruck seiner Reportage und das ein paar Monate später erschienene Suhrkamp-Bändchen. Fotos: TA

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Zollikon –  Ein sanft verwilderter Garten unterhalb der Forchstrasse, schmal das Weglein zur Haustür, man klingelt. Reto Hänny öffnet, bittet herein, stellt die Kaffeemaschine an. Auf dem Tisch liegt das giftgrüne Büchlein der Edition Suhrkamp parat, um das es gehen soll: ­«Zürich, Anfang September».

Bevor man sich ihm zuwendet, plaudert man. Hänny, 68-jährig, aus einer Bündner Bergbauernfamilie am Heinzenberg stammend, erzählt vom Piz Beverin. Mehr als 200-mal hat er ihn erstiegen, in den letzten Jahren vor allem nachts, weil man dann allein ist. Nach überstandener Hüftoperation trainiert er jetzt für die nächste Beverin-Tour.

Hernach Schwenk zum Thema. Der «September» im erwähnten Buchtitel ist der September 1980. Die Jugendunruhen in Zürich sind damals ein halbes Jahr im Gang, als Hänny in Fluntern festgenommen wird. Eine Einkesselung. Man prügelt auf ihn ein, schlägt ihn bewusstlos, verfrachtet ihn in einen Transporter, wirft ihn in eine Zelle. In der selben Nacht setzt es auch einen Abstecher ins Spital: eine baumnussgrosse Schwellung am Kopf durch einen Polizeiknüppel, Schädelbruchverdacht.

Samisdat, sagt Max Frisch

Viele erleben in jenen Tagen Ähnliches. Hänny ist unter ihnen derjenige, der das Geschehen akribisch festhält. Seine Handschrift erinnert an Robert Walsers Mikrogramme: winzige, dabei unglaublich präzise Kritzeleien. Notizbüchlein und Bleistift hat der Autor im Unter­suchungs­gefängnis in Affoltern am Albis einen Tag nach der Festnahme zurückbekommen.

Der in der Zelle begonnene Text, eine literarische Reportage aus traumatischen Tagen, findet das Interesse der Redaktion des «Tages-Anzeiger-Magazins». Er soll am 4. Oktober erscheinen, ziemlich genau einen Monat danach. Doch die «Tages-Anzeiger»-Geschäftsleitung verbietet die Veröffentlichung im letzten Moment. Sie laufe dem Unternehmensinteresse zuwider.

«Vielleicht wurde der Text genau darum berühmt», sagt Hänny rückblickend. Er und ein paar Leute vom Magi und der Tagi-Kulturredaktion verteilen auf Zürichs Plätzen einen Sonderdruck, von den Journalisten bezahlt, Auflage 5000. Er ist schnell weg, gerät in den nächsten Wochen zum landes­weiten ­Gesprächsthema. Jede Kopie wird ­kopiert.

Max Frisch spricht von «Samisdat». Ein Wort aus den Diktaturen des Ostblocks. Es bezeichnet Literatur, die der Obrigkeit nicht genehm ist und auf nicht offiziellen Kanälen verbreitet wird.

Hänny heute: ein klingender Name deutschsprachiger Literatur spätestens seit dem Gewinn des Bachmannpreises vor elf Jahren. Am 22. Juni wird er im Literaturhaus Zürich den ZKB-Schillerpreis für sein neustes Buch erhalten, «Blooms Schatten», das den «Ulysses» von James Joyce in einem Satz nach­erzählt, über 140 Seiten.

Ein Vielpublizierer ist Hänny ebenso wenig wie ein Easyschreiber; seine Texte sind durchkomponiert und artifiziell.

«Zürich, Anfang September» ist in diesem künstlerischen Werk ein Sonderling, literarischer Journalismus aus Betroffenheit. 40 000 Exemplare wurden verkauft. «Es ist mein Bestseller», sagt der Autor. Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld habe ihm damals geraten, ein broschiertes Buch herauszugeben, für das man hätte 20 Mark verlangen können. Hänny wollte das Taschenbuch zu nur sieben Mark. «Ich verdiente wenig, aber das Buch wurde breit gestreut.»

Wie sieht er dieses heute? «Ich verleugne es nicht. Aber es ist weit weg.»

Gott sei Dank schwerhörig

Es sind sehr junge Leute, die 1980 rebellieren. Hänny ist schon 33. Er war Lehrer im Safiental, lebt nun in Zürich, hat den Roman «Ruch» publiziert, der viel Anklang gefunden und ihm ein halbes Werkjahr der Stadt eingebracht hat.

Nach dem Opernhauskrawall im Mai knallt es alle paar Tage. Hänny stellt das Schreiben ein und wird mobil. Er will aus der Nähe sehen, was da läuft. «Ich konnte doch nicht einfach zu Hause auf dem Balkon hocken bleiben.»

Seine Mutter kommt aus Tschappina zu Besuch. Hänny, Glatze, Schnauz, Rauschebart und Lederjacke, fährt mit ihr Tram. Er wird, wie er sagt, angegeifert: «Sie langhaariger Seckel.» «Gott sei Dank», so Hänny heute, «war meine Mutter schwerhörig.»

Er streift durch die Stadt, spricht mit Politikern, hört den Debatten im Stadtparlament zu. Den Demos wohnt er ebenfalls im Beobachtermodus bei. ­Tränengas bekommt er dennoch ab.

Am 6. September ist das AJZ, diese Lotterliegenschaft, die sich die Jungen erkämpft haben, wieder zu. Umso mehr Wut ist in der Stadt. Der Tag ist für Hänny eine Odyssee. Vor dem Kunsthaus trifft er Demonstranten, die sich sammeln. Am Hirschenplatz entgeht er knapp der Einkesselung. Dann Fluntern. Plötzlich ist überall Polizei. Er flüchtet sich in einen Hauseingang. Von den Balkonen rufen Bürger den Polizisten zu: «Gebt es den grusigen Siechen!»

Was ihm und anderen nun passiert, kann man nachlesen im Suhrkamp-Buch, das man freilich antiquarisch kaufen muss. Ein viel zitierter Satz aus dem Text: «Ein Mädchen, das sich zu wehren versucht, wird an den Haaren, ein Knie ins Kreuz gestemmt, nach hinten gezerrt, Prügel kreuz und Prügel quer über ihren ungeschützten Busen gezogen, sie strampelt verzweifelt, man packt sie an den Beinen, nein, es ist nicht allein Angstschweiss, Schläge zwischen ihre gespreizten Beine, nein, dies darf ja nicht wahr sein, dann an Armen und Beinen gepackt in den Wagen geworfen, du Sau, wie ein Tuchballen.»

Umstellt in Nürnberg

Als «Zürich, Anfang September» 1981 bei Suhrkamp erscheint, lebt Hänny in Berlin. Er wird lange bleiben. Der Zürcher «Bewegung» sei sein Text nicht sonderlich lieb geworden, sagt er. Die Sprache ist ja auch nicht so direkt wie in einem Spontiblatt. Die Sätze sind verschachtelt, Reminiszenzen sind eingestreut an Grössen wie Georg Büchner und Arno Schmidt; für die jungen Empörten wirkt das zu gebildet.

Oft reist Hänny damals aus Deutschland in die Schweiz, aufgeboten an immer neue Prozesse. Die Anwälte Bewegter verlangen jeweils nach ihm, er soll quasi als Zeitzeuge die Repression beglaubigen. Selber hat er ein Verfahren gegen die Polizei angestrengt. Am Ende wird sein Ansuchen um Wiedergutmachung abgewiesen. Begründung: Hänny habe seine Verhaftung «in bereichernder Absicht vorsätzlich provoziert».

Kurios. Denn das heisst ja wohl: Der Schriftsteller wollte etwas erleben, über das sich gut schreiben, mit dem sich Geld verdienen liesse – und also stürzte er sich in den Polizistenknüppel.

Im deutschen Radiosender Südwestfunk darf er seinen Text vorlesen. Die Redaktion holt dazu ein Statement eines Zürcher Bezirksanwalts ein. Der sagt, Hänny habe alles frei erfunden. Manche Leute, stellt Hänny fest, glauben dem Behördler mehr als ihm.

Als er in Nürnberg aus dem Buch vorträgt, schreit plötzlich einer: «Wir sind umstellt.» Tatsächlich, draussen sind viele Polizisten. «Die dachten, ich sei der Oberterrorist», sagt Hänny.

Das Verfahren gegen ihn versandet. Ein Hassobjekt der Rechten bleibt er noch lange. Wieder in der Schweiz, bekommt er nachts anonyme Anrufe. Zweimal manipulieren Unbekannte vor dem Haus seine Enduro, sie lockern zum Beispiel die Achsschrauben.

Seine Bündner Eltern reagieren ganz verschieden auf die Sache. Die Mutter habe sie «weitgehend ignoriert». Der Vater sei zu ihm gestanden, er habe immer gesagt: «Der Reto lügt nicht.» Freilich, wenn der Vater von Tschappina auf den Markt nach Thusis ging, sei es vorgekommen, dass Leute ihn nicht grüssten. Dass sie das Trottoir wechselten. ­«Darunter hat er gelitten.»

Die DDR-Ausgabe

«Zürich, Anfang September» erscheint 1981 übrigens auch als DDR-Ausgabe, bei Volk und Welt. Als Reto Hänny dann 2014 an der Buchmesse Leipzig ist, kommen Leute auf ihn zu. Bürger der ehemaligen DDR. Sie sagen ihm, sein Text sei für sie unglaublich wichtig gewesen.

Dieser dürfte im sozialistischen Deutschland aus Kalkül zugelassen worden sein: weil er die Unterdrückung im kapitalistischen Westen belegt. Gleichzeitig kann man den Text aber quasi von unten lesen als einen Bericht aus der Revolte. «Zürich, Anfang September» ist auch Dissidentenfutter. Die Protestler der DDR fühlen sich angesprochen von Reto Hännys Beschreibung von Ohnmacht.

Auch heute sind da Schmerz, Wut, Fassungslosigkeit, wenn Hänny erzählt, wie ein Polizist nach der Festnahme Tränengas in den vollgepferchten Kastenwagen sprayte, so dass die Eingesperrten zu ersticken glaubten. Die Erinnerung von 1980 ist in Hännys Körper gewissermassen eingeätzt und eingeprügelt worden, für immer.

«Mein Glaube an den Rechtsstaat ist damals nachhaltig erschüttert worden», sagt der Schriftsteller.

Erstellt: 31.05.2015, 21:09 Uhr

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