Vollbracht – der Hafenkran steht

Das umstrittene Zürcher Kunstprojekt am Limmatquai ist vollendet. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat die Montage des Auslegers begleitet.

Die Arbeiter haben den Ausleger des Kolosses am Limmatufer montiert: Der Kran in seiner vollen Grösse.
Video: Melanie Finschi

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Der Hafenkran ist seit heute Dienstagnachmittag in seiner vollen Grösse zu sehen. Die aus Rostock angereisten vier Kranspezialisten haben zuletzt den Ausleger montiert. Dieser 36 Meter lange Ausleger hing an zwei Pneukränen, deren Wagenführer mussten das lange Metallteil zentimetergenau in die gewünschte Position hieven, was auf Anhieb gelang. Sofort fixierten die Arbeiter den Ausleger mit zwei rund 20 Zentimeter dicken Bolzen.

«Jetzt wird aus dem Kran ein Kran», sagt Künstler Jan Morgenthaler. Er ist die treibende Kraft hinter dem Kunstprojekt. Wenig später wird er für die «Schweizer Illustrierte», wo er als Textchef arbeitet, für ein Foto auf dem Kran posieren. Allerdings nicht so weit oben. Dafür habe er zu wenig Vertrauen in den bereits ziemlich rostigen Kran, sagt Morgenthaler. Auf dem Transport ist beim Ausleger auch eine Strebe gebrochen, die durch eine neue ersetzt wurde.

Tramschienen im Weg

Zu guter Letzt fixieren die Arbeiter die Spannseile, die den Ausleger halten und an deren Ende ein schwerer Eisenhaken baumelt. Rolf Kaspar, Projektleiter des Hafenkrans, verfolgt den Aufbau mit zufriedener Miene: «In den vergangenen Tagen lief alles perfekt. Die Spezialisten aus Deutschland haben sehr professionell gearbeitet, und das Wetter war ebenfalls gut.»

Im Laufe des gestrigen Morgens stand die Verschiebung des Metallkolosses an. In der Nacht zuvor wurde bereits ein Fahrleitungsmast der VBZ demontiert, der dem letzten Stück Kranschiene im Weg stand. Auf diesen Schienen mussten die Arbeiter den Kran auf der Terrasse des Rathaus-Cafés in die Endposition bringen. Kurz vor neun Uhr zogen sie den auf Rollen stehenden Kran mit einem Hubstapler mühelos und in wenigen Minuten zehn Meter weit. Aus Sicherheitsgründen schweissten sie die Sicherungsbremsen des Krans auf den Schienen fest. Die nicht mehr benötigten Schienen, auf denen der Kran in seine Position rollte, werden später entfernt und auf dem frei gewordenen Platz die dafür zuvor demontierten Bänke wieder aufgestellt.

Kranteile als Souvenir begehrt

Viele Schaulustige verfolgen den Aufbau der vergangenen Tage mit Interesse, viele auffallend ältere Hobbyfilmer und -fotografen halten die Szenerie mit ihren Kameras fest. Unter ihnen Peter Gnann aus Zürich. Der Rentner hat den Aufbau von Beginn weg mit seiner Digitalkamera festgehalten. «Ich bin Mitglied in einem Seniorenfilmclub. Dort werde ich meinen Clubkollegen den fertigen Film vorspielen.» Dem Kranprojekt steht er mit gemischten Gefühlen gegenüber. Ganz im Gegensatz zu Federico Pfaffen. Der Regisseur aus Zürich ist begeistert vom Projekt: «Ich fände es gut, wenn sich der Hafenkran zu einem Symbol für eine weltoffene Stadt Zürich entwickeln würde.»

Pfaffen verfolgt das Projekt auch aus beruflicher Neugierde, er hat auch schon eine fliegende Arche Noah und andere grosse Bühnenbilder in Szene gesetzt. Franz Kälble aus Zürich, der den Kranaufbau mit ein paar Dutzend anderen von der Gemüsebrücke aus betrachtet, bezeichnet die vielen Hobbyfilmer scherzhaft als «Videoten». Kälble, ehemaliger Stuckateur, hat am Kran nichts auszusetzen – bis auf die neuen Schrauben. Diese müssten ebenfalls mit einer Patina überzogen sein.

Es gibt sogar Passanten, die den Kran kaufen möchten – zumindest Teile davon. Ein Deutscher, der anonym bleiben weil, zeigt Interesse am schweren Eisenhaken. «Dieser Haken ist wegen seiner Form und Grösse für mich bereits Kunst», sagt er. Kaspar überreicht ihm seine Visitenkarte. Falls er wirklich den Haken nach der Kunstaktion kaufen möchte, habe er gute Chancen, sagt Kaspar. Grundsätzlich könne man sich bei ihm melden, falls Interesse an gewissen Teilen bestehe. Mit dem Erlös liesse sich ein Teil der Unkosten decken.

Kanzel bleibt zu

Dem Kran aus dem Jahr 1963 sieht man deutlich an, dass er während Jahrzehnten Wind und Wetter ausgesetzt war. Die Kanzel mit dem zugehörigen Motorraum ist fast komplett mit Rost überzogen. «In dieser Kanzel muss man sehr gut aufpassen, wohin man tritt. Der Boden ist löchrig», sagt Kaspar. Für das Publikum bleibt sie verschlossen, so wie der gesamte Kran nicht bestiegen werden darf. Auf der Kanzel ist die Originalbeschriftung überklebt worden. Mit grünen Buchstaben steht jetzt Delfin geschrieben. Irgendwann seien die Hafenarbeiter dazu übergegangen, den Kränen statt Nummern Namen zu geben, erklärt Kaspar. Darunter ist aber immer noch der schwarze Originalschriftzug TAKRAF zu erkennen. Dieser steht für die Abkürzung Tagebau-Ausrüstungen, Krane und Förderanlagen und bezeichnete ein Kombinat der DDR.

Für den Chef der vier Spezialisten aus Rostock, die den Kran montieren, ist der Einsatz am Limmatquai nicht alltäglich. Er habe schon öfters Kräne installiert, sagt er, doch ein so grosses Publikum habe er noch nie gehabt. Das kann manchmal aber auch mühsam sein. «Vor allem dann, wenn die Leute nicht auf die Seite gehen wollen.» Die Reaktionen seien bisher fast ausschliesslich positiv gewesen, mit ganz wenigen Ausnahmen. Am Freitag wird das Team wieder nach Deutschland zurückkehren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 15.04.2014, 12:15 Uhr)

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Vollbracht - Zürcher Hafenkran steht

Vollbracht - Zürcher Hafenkran steht Zehn Meter rollt der Kran auf seine Position. Zudem wurde der 36 Meter lange Ausleger montiert.

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