Hallo Spitzbergen, hier Hönggerberg

In einem kleinen Häuschen auf dem ETH-Areal nahm 1924 eines der ersten Radios seinen Betrieb auf. Nächstes Jahr muss es Studenten-WGs weichen.

Dient heute als Atelierraum und für Grillfeste: Das ehemalige Sendehäuschen.

Dient heute als Atelierraum und für Grillfeste: Das ehemalige Sendehäuschen. Bild: Dominique Meienberg

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Das alte Haus hat vieles schon erlebt. Momentan experimentieren darin Studenten mit dem Begriff «Raum», im Garten davor grillieren sie. Es hat einen weissen Anstrich bekommen, auch die Fenster sind übermalt. Bis vor ein paar Jahren wohnte hier eine Familie – dann liess man das Haus verlottern. Gebaut hat es die Radiogenossenschaft Zürich im Juni 1924. Von den beiden 65 Meter hohen Antennen sind nur noch die Fundamente geblieben, darüber ist Gras gewachsen. Die Liegenschaft gehört der ETH Zürich. Vom Hönggerberg aus verbreitete die Station als erste der Schweiz ausschliesslich Rundfunksendungen.

Der Beginn verlief harzig. 1923, 22 Jahre bevor Roger Schawinski geboren wurde, gründete ETH-Physikprofessor Gustav Eichhorn das Institut für Radiophonie. Auf sein Gesuch zur Genehmigung von Rundfunkversuchen erhielt er zur Antwort: «Nehmen Sie die amtliche Erklärung entgegen, dass wir das Radio in der Schweiz nie aufkommen lassen werden. Ihr Institut ist also gänzlich zwecklos!»

Sendungen auf Rätoromanisch

Das hielt die Pioniere der Radiogenossenschaft Zürich nicht davon ab, bei der Bell Telephone Manufacturing einen 70'000 Franken teuren 500-Watt-Sender zu kaufen. Im Amtshaus IV richteten sie ein kleines Studio ein und zogen eine Leitung auf den Hönggerberg. Am 23. August 1924 eröffnete die Radiostation Zürich-Höngg, die Ansprache hielt der Wädenswiler Bundesrat Robert Haab (FDP).

Trotz geringer Leistung war die Reichweite des Senders beachtlich: In Spitzbergen, Russland, Südafrika und den USA konnte man das Signal empfangen. Für die Hörer gab es Wetterberichte, Sportübertragungen und sogar Sendungen auf Rätoromanisch. Da den Betreibern ein Gerät zum Abspielen von Grammophonplatten fehlte, stellte die Firma Musik Hug ein Pianola zur Verfügung. Diese ans Klavier befestigte Kiste klimperte automatisch alles, was der «Moderator» an auf Papierrollen «gespeichertes» Notenmaterial einspeiste. Die Kohlemikrofone erzeugten nach 30 Minuten Störgeräusche und mussten zur Abkühlung kräftig durchgeschüttelt werden. Deshalb gab es jede halbe Stunde einen Programmunterbruch.

WGs für angehende Ingenieure und Architekten

Die Inbetriebnahme des Senders Beromünster im Jahr 1931 bedeutete gleichzeitig das Aus der Höngger Station. Das alte Haus an der Wolfgang-Pauli-Strasse 6 gibt es nicht mehr lange. Nächstes Jahr will es die ETH abreissen. So sieht es der Masterplan Campus Hönggerberg vor. Auf dem Areal baut die Hochschule Studenten-WGs, Wohnraum für 1000 angehende Ingenieure und Architekten. Der Stadtzürcher Heimatschutz sieht keinen Grund, diese Pläne zu durchkreuzen. «Das Haus hat eine sozialgeschichtliche Bedeutung, architektonisch bietet es wenig», sagt Präsident Markus Fischer. Man könne die Liegenschaft nicht mit einem hochwertigen Denkmal vergleichen, wie es etwa der Sendeturm in Beromünster darstelle. Fischer hofft, dass die ETH als «technisch interessierte Institution» ihrem Pionierhäuschen trotz Abbruch irgendwie gerecht werden kann.

Informationstafel am Standort?

«Wir überlegen uns derzeit, in welcher Form die Geschichte des Radiosenders erhalten werden kann», sagt David Müller, Projektverantwortlicher bei der ETH. Er könne sich zum Beispiel eine Informationstafel vorstellen, die dereinst am Standort des heutigen Hauses auf den Sender aus den 20er-Jahren hinweisen wird. Eine weitere Möglichkeit wäre das Erstellen einer umfassenden Dokumentation über den Sender.

Über eine solche würde sich der Höngger Quartiervereinspräsident Ueli Stahel freuen: «Die fände natürlich Platz in unserem Ortsmuseum.» Als Höngger sei er stolz darauf, dass hier der «Vorläufer aller Schweizer Radios» beheimatet war. In Sachen Sendehäuschen sei er mit der ETH seit längerem im Gespräch. «Erhalten kann man es nicht.» Stahel begrüsst es, dass auf dem Hönggerberg Wohnungen für Studierende gebaut werden. Auch wenn dafür eine der Geburtsstätten des Schweizer Rundfunks weichen muss. Er ist überzeugt, dass die ETH den Ort würdigen wird: «Wenn das nicht Technik ist, was dann?»

Quellen: Club der Radio- und Grammo-Sammler. Ernst Erb: Radios von gestern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2011, 21:06 Uhr

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