Happy Birthday, Harald Naegeli

Der Sprayer von Zürich feierte seinen achtzigsten Geburtstag. Ohne Politpromis. Mit einer Ausnahme.

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«Stossen wir an auf die Utopie!» Mit diesen Worten – und einem Glas Rotwein in der Hand – begrüsste Harald Naegeli gestern Mittag seine Geburtstagsgäste. Der Sprayer von Zürich feierte seinen 80. Geburtstag.

Im Kreis standen etwa zwanzig Personen, alle in Socken oder Filzpantoffeln – seine waren grau mit Schweizer Kreuz. Das verbrüderte die Gäste, die sonst ziemlich bunt zusammengewürfelt waren. Da war ein junger Mann, David Spielmann, der mit einer weissen Fahne mit der Aufschrift «80 Jahre Harald Naegeli» durch die Stadt lief.

Spielmann, selbst Künstler, wurde spontan eingeladen, nachdem er sich mehrfach per Mail bei Naegeli gemeldet hatte, um ihm seine Bewunderung auszudrücken.

«Wir rannten alle hin»

Da war auch Margrit Etter, die vor vierzig Jahren als Studentin eine Arbeit über die Spraybilder von Zürich schrieb, für die sie kämpfen musste, weil die Bilder damals noch als «Schmierereien» galten. Sie erinnert sich, wie sich damals jeweils die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitete, wenn über Nacht ein neues «Strichmännchen» aufgetaucht war. «Wir rannten alle hin, denn kurz darauf wurden diese jeweils weggewischt.»

Da war die deutsche Filmemacherin Nathalie David, die derzeit einen Film über Naegeli dreht, der voraussichtlich im kommenden September in die Kinos kommt. Und da war die Lyrikerin Iren Baumann, für die er vor längerer Zeit zwei Gedichtbände mit seinen Zeichnungen angereichert hatte.

Eine freudige Nachricht

Weshalb wird hier über Geburtstagsgäste statt über das Geburtstagskind geschrieben? Zum einen, weil Naegeli sehr zurückhaltend mit Informationen über sich ist. «Lassen Sie mein Werk über mich sprechen», pflegt er zu sagen.

«Lasst mein Werk über mich sprechen.»Harald Naegeli

Zum andern, weil die Zusammensetzung der Gästeschar wohl recht typisch für Naegeli war. Die üblichen Promis fehlten – abgesehen von Stadtrat Filippo Leutenegger, der eine freudige Nachricht überbrachte: Die Chancen seien gut, dass Naegelis Bilder in der ETH-Tiefgarage erhalten bleiben.

Grossbürger und Anarchist

Wenn Naegeli in seiner Heimatstadt Zürich weilt, was er derzeit oft tut, wohnt er in einem schönen Jugendstilhaus in der Nähe des Hottingerplatzes, das 1904/05 von seinem Grossonkel Alfred Näf gebaut wurde.

Die Holzböden knarzen, zurückhaltende Stukkaturen schmücken die Decken, an denen schöne, zeittypische Glasleuchter hängen. «Ich bin ein Grossbürger und Anarchist», sagt er schmunzelnd. Und er ist ein überaus ordentlicher Mensch. Selbst die Skizzenblätter auf seinem Arbeitstisch sind sauber gestapelt. Als ein Gast eine Mappe darauf liegen lässt, irritiert ihn das, er richtet sie gerade aus.

Die wenigen Möbel sind sorgfältig ausgesucht, es bleibt viel Platz für Kunst. Kleinformatige Bilder stehen auf nur gerade massstabhohen Staffeleien nebeneinander, andere sind aufgereiht auf den hölzernen Gesimsen.

Viele Bilder sind von ihm, aber bei weitem nicht alle. Bereits sein Vater sammelte Kunst. Der Sohn tut es ihm gleich. Dabei ist einiges zusammengekommen. Solches, das die Zeit überdauert hat, anderes, das fast vergessen ist. Zu Unrecht, wie Naegeli vehement findet. So etwa die Werke zweier seiner Lieblingsmaler, Constantin Guys und Otto Meyer Amden. Ein kleines Landschaftsbild, das er in besonderen Ehren hält, hat seine Urgrossmutter gemalt.

Der Tod tanzt im Grossmünster. Doch wurde er von Regierungsrat Markus Kägi ausgebremst. Bild: PD

Doch bleibt viel Raum. Und allem wird der Raum eingeräumt, den es braucht. Hier, in seiner Wohnung – und eben auch in seinem letzten grossen Werk, das wohl für immer unvollendet bleibt. Sein «Totentanz» in den Grossmünstertürmen überschritt mancherorts den von offizieller Stelle eingeräumten Perimeter.

Naegeli überschreitet nicht aus Trotz oder Lust an Provokation zuweilen Grenzen, sondern weil es seiner Ansicht das Werk erfordert. Die Reduktion auf das Wesentliche, die ihn auszeichnet, bedeutet eben, dass eine Bewegung, eine Linie nicht ins Leere laufen darf.

«Nach drei schweren Operationen fühle ich mich oft müde.»Harald Naegeli

Er führt die Gäste in den oberen Stock. An der Türklingel steht Hans Arp. Hier sind afrikanische Skulpturen ausgestellt, am Boden liegen grossformatige Zeichnungen Naegelis, auf denen der Tod die Hauptrolle spielt.

In einem Kasten liegen übereinander Hunderte von Skizzenbüchern, die er im Laufe der Zeit gefüllt hat. «Das ist meine Art, mit der Umwelt zu kommunizieren.» In den letzten Jahren häufen sich Bilder von medizinischem Personal oder aus dem Wartezimmer des Unispitals.

Seiner ungebrochenen geistigen und künstlerischen Vitalität stehe der fatale Zerfall seines Körpers gegenüber, sagte er vor einiger Zeit. «Nach drei schweren Operationen fühle ich mich oft müde», sagte er gestern. Auf die Frage, ob er noch an seiner Urwolke arbeite, sagt er fast empört. «Aber natürlich, das ist mein Hauptwerk.»

Harald Naegeli sprayt offiziell für den Zoo (2005). Bild: PD

Der Sprayer von Zürich wird oft als Pionier der Street-Art bezeichnet, was ihn durchaus freut. Doch liegt sein Fokus seit längerer Zeit woanders: Er will eine Utopie sichtbar machen. Utopie heisst wörtlich Nicht-Ort.

Er tut dies mit unzähligen feinsten Federstrichen. Nie endend, mit Engelsgeduld malt er ein Geflecht, das weder Form noch Farbe hat und eben trotzdem besteht. Er nennt es Urwolke. Sie ist ein schöner Zustand, wenigstens auf Naegelis filigranen Zeichnungen. Seine Geburtstagseinladung signierte er mit «Der Wolkenutopist».

Erstellt: 04.12.2019, 17:25 Uhr

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