Hausbesetzer werden handzahm

Zwölf Häuser sind derzeit in Zürich besetzt. Trotzdem nimmt man die Szene kaum wahr. Kein Wunder: Die Hausbesetzer kämpfen nicht mehr gegen den Kapitalismus – sondern bezahlen brav die Stromrechnung.

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In den frühen 90er-Jahren begrüssten die Wohlgroth-Besetzer jeden Zugreisenden mit einen grossen «Alles wird gut»-Schriftzug. Heute nimmt man die Szene kaum mehr zur Kentniss – nur dank der aufsehenerregenden Besetzung des Hardturm-Stadions weiss die Öffentlichkeit, dass sie überhaupt noch existiert.

Vom Besetzer zum Nutzer auf Zeit

Doch sie existiert – und wie. Die Stadtpolizei Zürich geht laut Sprecher Michael Wirz davon aus, dass die Szene rund 150 Personen umfasst. Seit einigen Jahren sei die Szene in ihrer Grösse ausserdem recht stabil. Sie besetzen heute zwölf Häuser in der Stadt Zürich. Und sie tun dies erstaunlich unauffällig.

Besetzen beschreibt den Sachverhalt allerdings auch nicht mehr so treffend wir früher. Heute müsste man wohl eher von Ausleihen sprechen. Es kommt durchaus vor, dass die Hausbesetzer und die Eigentümer miteinander eine Gebrauchsleihvereinbarung abschliessen. Darin wird etwa festgelegt, dass die Bewohner für die Kosten von Strom und Wasser aufkommen und sie ausziehen, wenn der Eigentümer die Liegenschaft abbrechen oder umbauen will und über eine entsprechende Bewilligung verfügt.

Vermittler zwischen den Fronten

Dominique Marchand hat solche Gebrauchsleihverträge zwischen Hausbesetzern und Eigentümern vermittelt: «Heute wollen die Besetzer einfach ein Dach über dem Kopf. Der Kampf gegen den Kapitalismus dürfte nicht mehr so wichtig sein.» Das Netzwerk Hausundco, für das Marchand tätig ist, vertritt die Überzeugung, dass es sinnvoller ist, Wohnraum zu nutzen anstatt ihn leer stehen zu lassen. Und offenbar gelang es Marchand, auch die Eigentümer davon zu überzeugen.

Polizei handelt auf Strafanzeige

Marchand wurde vor zwei Jahren zum letzten Mal zu einer Vermittlung gerufen. Inzwischen haben die Besetzer offensichtlich verstanden, diese Rolle selbst zu übernehmen. Tatsächlich gehen die Besetzer nicht nur auf die Eigentümer der Liegenschaften zu, «es kommt vor, dass Leute aus der Szene auch mit uns den Dialog suchen», sagt der Stadtpolizei-Sprecher Wirz.

Für das einvernehmliche Klima zwischen Besitzern und Besetzern förderlich dürfte auch die Tatsache sein, dass die Polizei den Eigentümern eher zum Dialog statt zur Strafanzeige rät. Eine solche ist nämlich nötig, damit die Polizei überhaupt handelt. Bis es zu einer Räumung kommt, müssen ausserdem eine rechtskräftige Abbruch- oder Baubewilligung vorliegen, eine Neunutzung belegt sein oder die Sicherheit von Personen oder denkmalgeschützten Einrichtungen gefährdet sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.09.2008, 11:49 Uhr

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