Heimatkunde im Kreis 4 - Kinder schwingen auf der Alp Hardau

Das Schulhaus Hardau besuchen vor allem ausländische Kinder. Diese Woche lernten die 300 Schüler Schwingen, Jassen und den Schellen-Ursli kennen.

Respektvoller Umgang beim Hosenlupf: Primarschüler simulieren ein Schwingfest in der Turnhalle.

Respektvoller Umgang beim Hosenlupf: Primarschüler simulieren ein Schwingfest in der Turnhalle. Bild: PETER LAUTH

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Lektion 1 beginnt, natürlich pünktlich, um 8.15 Uhr. Schweizer Kampfsport. Qendrim, Ashmetha und Mauricio schlüpfen in die weiten Schwingerhosen. Da in der Turnhalle Hardau orange Turnmatten das Sägemehl symbolisieren, zeigt Lehrer Lorenz Kürsteiner, um Authentizität bemüht, zuerst Fotos vom Eidgenössischen. «Und was kann man dort gewinnen?», fragt er in die Runde. «En Chue!» Genau, eine männliche aber, einen Stier. Früher, als die meisten Schwinger noch Bauern waren, erklärt Kürsteiner, seien die Munis eine sehr wertvolle Trophäe für den Stall gewesen.

Gelernt wird jetzt der feste Händedruck. Das Begrüssungsritual gehöre unbedingt dazu, sagt der Lehrer. Es wäre doch komisch, sein Gegenüber an der Hose zu packen, ohne dieses überhaupt zu kennen. Dann machen es Cendrim und Mauricio vor. Mit einem lauten «Guet!» gibt Schiedsrichter Cédric das Startsignal. Mauricio braucht nicht lange, um seinen Kontrahenten auf die Matten zu befördern. Er klopft dem Geschlagenen auf den Rücken. «Warum macht er das?», fragt Kürsteiner. Ein Schüler: «Weil man dort hinten die Brösmeli vom Holz nicht selber wegputzen kann.» Der Lehrer: «Wägem Sagmähl, richtig.» In der «Projektwoche Schweiz» der Schule Hardau (von über 300 Kindern haben dort nur 23 Deutsch als Muttersprache) wird für einmal konsequent Schweizerdeutsch gesprochen.

Im Eingangsbereich der multikulturellen Lehrstätte im Kreis 4 hängt eine grosse Schweizer Fahne, aus den Fenstern tönt «Luegid vo Berge-n-und Tal . . . ». Die Tage vor den Herbstferien stehen unter dem Motto: Integration – lustvoll umgesetzt. In klassenübergreifenden Gruppen («Geissepeter», «Gämschi» usw.) besuchen die Schüler einen Bauernhof, eine Zürcher Gemeinderätin, essen Meringue mit Nidle, lernen einen Jass klopfen und Appenzeller Volkstänze. «Die Kinder sollen sich nicht als Fremdkörper in dieser Schweiz fühlen», sagt Ko-Schulleiterin Elisa Ruoff Zeller. Man habe deshalb bewusst Klischees aufgreifen wollen. «Die Projektwoche verknüpft die Schweiz ausserhalb der Hardau mit der Lebenswelt der Kinder.»

Chalandamarz im Chräis Chäib

Während die Jungschwinger voller Elan ihre Königin und ihren König ermitteln, stapft im Kindergarten nebenan der Schellen-Ursli durch knöcheltiefen Schnee Richtung Maiensäss. Ruth Straub, die Frau des Schulleiters, liest den Hardau-Jüngsten aus dem Bilderbuch von Alois Carigiet vor. Als der übermüdete Ursli in der Alphütte schliesslich die grösste aller Kuhglocken findet, atmen die Kindergärtler auf. Endlich Chalandamarz. Und einmal darf Reidel, einmal Philomena den Ursli spielen. Doch für das zarte Geschöpf ist die Glocke zu schwer – oder die Zipfelmütze zu warm. Jedenfalls übergibt Philomena ihre Rolle an Justin, der nun stolz den Umzug anführt. Mit lautem Gebimmel zieht die Gruppe «Alperösli» zuerst um den selbst gebastelten Styropor-Brunnen, dann durch die Gänge des Schulhauses. Vibrierende Klassenzimmer. Zum Abschluss singen die Kleinen vom Sprachheilkindergarten: «Da höch uf de-n-Alpe, dem Hüttli nöd fern, da hüett i myni Geissli, da bin i so gern.» Und wenn der Chalandamarz dem Winter noch nicht den Garaus gemacht hat, schmilzt spätestens jetzt das letzte Eis. Und das mitten im Herbst.

Mit dem Alphorn die Welt rocken

Zwei Stockwerker höher, im Musikschulzimmer, liegen vier lange Holzröhren am Boden. Alphörner. Im Kreis davor lauschen Schüler aufmerksam den Worten (Theorie) und Lauten (Praxis) von Posaunistin Priska Walss. Nachdem geklärt ist, wie viel so ein Alphorn kostet (manche über 3000 Franken), zeigt die Lehrerin, wie man mit zusammengepressten und surrenden Lippen richtig ins Horn bläst.

Danach dürfen die Schüler nach Herzenslust musizieren. Ein Bub mit «We rock the world»-Aufdruck auf dem T-Shirt füllt seine Lungen und presst die Luft volles Rohr in sein Instrument. Ob dem Resultat, ein Berge versetzender Tiefton, erschrickt er selbst. Die Jam-Session zum Schluss der Lektion muss dann wiederholt werden, weil der Applaus ausbleibt. Die temporären Sennen verstummten am Ende der Improvisation nicht gleichzeitig, was Verwirrung stiftete. Walss sagt: «In den Bergen kommt das Echo nur, wenn der letzte Ton klar ist. Dasselbe gilt für das Publikum.» Beim zweiten Mal klappt es, und die Gruppe «Les Diablerets» verlässt strahlend, aber auch erschöpft das Musikzimmer. Nach dem Mittagessen steht «Tschau Sepp» auf dem Programm. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2008, 22:25 Uhr

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