Heimatschutz will Theatersaal retten

Gegen einen modernen Theatersaal im Schauspielhaus hat der Heimatschutz Rekurs eingereicht – wegen der Denkmalpflege.

Einer der wenigen in der Zwischenkriegszeit erbauten und noch erhaltenen Theatersäle in der Schweiz: Jener des Schauspielhauses am Pfauen. Foto: Toni Suter, T+T Fotografie

Einer der wenigen in der Zwischenkriegszeit erbauten und noch erhaltenen Theatersäle in der Schweiz: Jener des Schauspielhauses am Pfauen. Foto: Toni Suter, T+T Fotografie

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Es ist ein Theater ums Theater, bei dem die Protagonisten Stadtrat und Heimatschutz heissen und im Mittelpunkt des Dramas für einmal die Schauspielbühne selbst steht.

Die Stadt will im Schauspielhaus am Pfauen einen neuen Saal für die Zuschauerinnen und Zuschauer und ein neues Bühnenhaus errichten. Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) sagte vor zwei Monaten, der Stadtrat wolle in die Zukunft des Schauspielhauses investieren, damit es seine Stellung als eine der führenden Bühnen im deutschsprachigen Raum und seinen internationalen Ruf halten könne. Sie stellte damals die Pläne mit Hochbauvorsteher André Odermatt (SP) vor.

Der Stadtzürcher und der kantonale Heimatschutz halten vom Vorgehen des Stadtrats jedoch nichts und haben in den Sommerferien einen Rekurs ausgearbeitet und eingereicht. Der Heimatschutz warnt in seiner gestern veröffentlichten Medienmitteilung vor der «Zerstörung des Theatersaals und damit eines Schutzobjekts von nationaler Ausstrahlung».

Theatersaal im Gutachten nur am Rande erwähnt

Der Heimatschutz rekurriert vor allem, weil der Stadtrat die städtische Denkmalpflege nur marginal bei der Entscheidungsfindung einbezogen hat. Diese attestiere dem Theatersaal am Pfauen baugeschichtlich, theatergeschichtlich und sozialhistorisch höchsten Erinnerungswert, schreibt der Heimatschutz in der Medienmitteilung. Das denkmalpflegerische Gutachten befasse sich auftragsgemäss aber in erster Linie mit der Blockrandüberbauung des Pfauenkomplexes und nur am Rande mit dem Theatersaal selbst.

Die städtische Denkmalpflegekommission, die ein beratendes Gremium des Stadtrats sei, habe den Mangel bei den Abklärungen kritisiert. Bereits im November 2017 habe sie erklärt, dass die Machbarkeitsstudie am falschen Ort ansetze und dem Theatersaal keinen grossen Wert beimesse. Die Stadt hätte Möglichkeiten abklären müssen, das Gebäude mit dem Saal zu erneuern und Mängel zu beheben.

Bauhistorischen Stellenwert nicht ausreichend begutachtet

Zudem kritisiert der Heimatschutz, dass die Stadt den bauhistorischen Stellenwert des Theatersaals nicht ausreichend begutachtet habe. So sei die baukünstlerische Qualität des Saals nicht im Vergleich mit Sälen aus der gleichen Zeit- und Stilepoche gewürdigt worden. Dieser zeige den Übergang vom üppig mit Dekorelementen versehenen historischen Baustil zum Neuen Bauen. Dekorative Elemente und Farben seien, ganz der neuen Schlichtheit verpflichtet, nur sparsam eingesetzt worden. Der Theatersaal dürfte gemäss Heimatschutz einer der wenigen in der Zwischenkriegszeit erbauten und noch erhaltenen in der Schweiz sein.

Im Weiteren missbilligt der Heimatschutz, dass der Zürcher Stadtrat in den Machbarkeitsstudien zwar alternative Strategien erwähnt, die nicht vom Abriss des Saals ausgehen, diese aber dann nicht weiter ausführt. Zum einen geht es dabei um weitere Flächen am Standort, die der Stadt gehören und die sie nutzen könnte, beispielsweise das Haus an der Ecke Rämistrasse und Zeltweg mit dem derzeitigen Restaurant. Die Stadt habe auch nicht geprüft, Land oder Immobilien von Nachbarn zu kaufen oder mit ihnen zu tauschen, wie sie das beim Cabaret Voltaire bereits vorgemacht habe.

Stadt ist vom Rekurs nicht überrascht

Wenig überrascht vom Rekurs zeigt sich die Medienstelle des Hochbaudepartements von Stadtrat Odermatt: «Damit muss immer gerechnet werden.» Der Beschluss, den Saal nicht unter Schutz zu halten und aus dem Inventar zu entlassen, habe der Stadtrat absichtlich sehr früh gefällt. «Dies eben gerade aufgrund von möglichen Rekursen, damit auf einer soliden Grundlage Verzögerungen im weiteren Verlauf vorgebeugt werden kann.»

Zur Kritik des Zürcher Heimatschutzes, der Stadtrat habe die Rekurszeit in die Sommerferien gelegt, meint das Departement lediglich: «Es gibt keinen Ausschreibungsstopp während der Sommerferien, auch die Rekursfristen laufen dem normalen Betrieb folgend.»

Ob mit dem alten Theatersaal oder mit einem Neubau: Das Projekt wird so oder so vom Zürcher Gemeinderat behandelt und später dem Volk zur Abstimmung vorgelegt werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2018, 22:11 Uhr

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