Heiratsanträge lehnte sie stets ab

Rita Guyer stand 46 Jahre hinter dem Tresen der Olé-Olé-Bar. Ein Nachruf.

Rita Guyer in der Olé-Olé-Bar, «ihrer Stube», im Jahr ­2004. Foto: Dan Cermak

Rita Guyer in der Olé-Olé-Bar, «ihrer Stube», im Jahr ­2004. Foto: Dan Cermak

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Was macht eine gute Bar aus? Das Interieur? Die Cocktailkarte? Der Barfood? Die Wirtin? Bei der Olé-Olé-Bar an der Langstrasse waren es Ersteres und Letztere. Bis Rita Guyer das Wirten 2012 aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste. «Die Bar ist meine Stube», pflegte sie zu sagen. In ihrer Stube spielte sich ihr ganzes Leben ab. Die Bar war jeden Tag geöffnet, Ferien machte Guyer angeblich nie – und das schon seit 1966, als sie gemeinsam mit ihren drei Geschwistern die Olé Olé übernahm.

In ihrer Stube spielte sich ihr ganzes Leben ab.

46 Jahre ununterbrochen hinter dem Tresen – da sammelte sich einiges an ­Geschichten und Krempel. Geschichten: «Die Gäste erzählen mir ihre Sorgen und Nöte, und ich höre gerne zu», sagte Guyer einmal dem TA. Doch zum Wirten gehört eben auch Verschwiegenheit. Krempel: Die Bar war vollgestellt und vollgehängt. Allerlei Plunder sammelte sich, den die Stammgäste von zu Hause oder aus den Ferien in die Bar mitbrachten. Sachen, die Rita Guyer nicht immer nur gefielen. «Ich will doch niemanden beleidigen», sagte sie 2004 gegenüber dem «Magazin». Also stellte sie die Dinge irgendwohin, hängte sie irgendwo auf.

Das Gefühl, aufgehoben zu sein

Über Rita Guyer ist bekannt: Sie wollte ursprünglich Krankenschwester werden, sie war verwitwet, sie bewirtete einen Stammgast mit Namen Sandsack-Willy. Und sie lehnte Heiratsanträge grundsätzlich ab, die Stammgäste «bellen ja schon», wenn sie einmal mit jemandem zu lange rede, erklärte sie.

«Sie hat die Leute so genommen, wie sie waren», sagt Rolf Vieli, lange Jahre Stadtammann und Betreibungsbeamter im Kreis 4, später als Mister Langstrasse bekannt. Das vielleicht war Rita Guyers herausragende Charaktereigenschaft: Sie akzeptierte jeden, der sich an die grundsätzlichen Regeln hielt. Vieli kennt eine einzige wüste Geschichte aus der Olé-Olé-Bar: Rocker haben einmal eine Frau aus dem Fenster geschmissen. Das gab zu reden. «Sonst? Nichts.» Keine Schlägereien, keine Probleme, keine Geschichten. Guyer habe eine natürliche Autorität gehabt, alle hätten sie respektiert. «Leute, die in anderen Lokalen ­aggressiv waren, führten sich bei ihr ­anständig auf.» Reinkommen habe sich bei ihr wie heimkommen angefühlt.

Keine Schlägereien, keine Probleme, keine Geschichten.

Das sagt auch Gastrounternehmer Koni Frei, der selber «immer wieder gerne bei ihr eis go zie» ging. Er erzählt diese Geschichte: Frei sass an der Bar, als drei Herren das Lokal betraten. «Rita begrüsste alle drei mit Namen. Ich selber kannte ja einen Haufen Leute im Quartier; die drei aber hatte ich noch nie gesehen. Wer sind die? Rita antwortete, die seien aus der Innerschweiz, kämen einmal im Jahr nach Zürich und würden nach dem Nachtessen jeweils noch auf einen Absacker vorbeikommen.»

Als Guyer 2012 die Olé Olé aufgab, füllten sich die Kommentarspalten zu den Artikeln, an der Tür der Bar hinterliessen treue Gäste beste Wünsche auf Post-its. Von Kultlokal war die Rede, als legendär wurden Ort und Wirtin bezeichnet. Einer schrieb: «Mit der Zeit wuchs das Gefühl, dass man an diesem Ort gut aufgehoben war.»

Ende Juli ist Rita Guyer im Alter von 81 Jahren gestorben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.08.2015, 09:34 Uhr

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