«Hier darf man auch mal scheitern»

Salome Hohl, die neue Direktorin des Cabaret Voltaire, will eine neugierige und offene Gastgeberin sein.

Als künstlerische Leiterin möchte Salome Hohl ab Januar 2020 das Dada-Haus stärker in der Stadt verankern. Foto: Tom Egli

Als künstlerische Leiterin möchte Salome Hohl ab Januar 2020 das Dada-Haus stärker in der Stadt verankern. Foto: Tom Egli

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frau Hohl, warum wollten Sie Cabaret-Voltaire-Direktorin werden?
Weil ich eine neugierige Person bin. Weil das Cabaret Voltaire ein offener Projektraum ist, wo intensive Begegnungen und Auseinandersetzungen geschaffen werden können. Und weil es mir ein Anliegen ist, dass einem so wichtigen Erbe wie Dada Sorge getragen wird.

Wie genau wollen Sie dem Erbe Sorge tragen?
Indem wir es nicht verwalten, sondern lebendig halten. Und dabei aufzeigen, wie aktuell und relevant dadaistische Fragestellungen und Strategien sein können. Dazu dürfen wir Dada aber nicht dogmatisch verstehen.

Wie verstehen Sie denn Dada?
Für mich war und ist es ein Befragungsmodus, der nicht zielführend sein muss. Dada stellt in unterschiedlichen Formen und Formaten immerfort die Fragen: Was ist Kunst? Was macht eine Künstlerexistenz aus? Wer nimmt wie an der Gesellschaft teil? Es geht aber auch um das Gemeinschaftliche, die gegenseitige Stärkung und Konfrontation, Verletzlichkeit und Mut.

Das Cabaret Voltaire kämpft von jeher mit diesem Spagat zwischen Tradition undProvokation, der offenbar schwer zu vermitteln ist.
Die Vermittlung ist ein zentraler Aspekt. Und sie muss in den gesellschaftlichen und politischen Kontext passen. Eine mögliche Antwort auf den aktuellen Populismus darf auch eine leise und präzise Kritik sein. Und bestimmt müssen wir uns auch fragen, wie wir in der andauernden Fake-News-Debatte mit der Materie Unsinn umgehen. Dass wir bei aller Reflexion aber nicht auf die spielerischen Elemente verzichten wollen, ist klar, denn das Experiment war immer schon ein wichtiger Teil von Dada. Anders gesagt: Hier, in diesem Haus, darf man auch mal scheitern, das ist historisch markiert.

Ich will präsent und sichtbar sein, offen für Anregungen, Ideen und Gespräche.Salome Hohl

Stimmt, anno 1916 wurde das experimentelle Scheitern der Zürcher Dadaisten respektiert – aber da war das auch kein subventioniertes Haus in einem komplexen politischen Umfeld.
Eher geduldet denn respektiert. Was mich aber vor allem immer wieder wundert, ist die Tatsache, dass der Geburtsort von Dada international als grössere Adresse wahrgenommen wird als in Zürich selbst, sei es in den Medien, sei es bei den Touristen.

Hinzu kommt der Eindruck, die Luft sei nach der 100-Jahr-Feier von 2016 auch im Cabaret Voltaire ein bisschen draussen gewesen. Wie werden Sie dem Haus neuen Elan verleihen?
Die Dada-Präsenz in der Stadt war während der Jubiläumsfeierlichkeiten enorm. Dass all dies zusammen erschöpfen kann, und zwar Konsumenten wie Akteurinnen, ist keine Überraschung. Ich möchte gerade darum versuchen, das Dada-Haus stärker in der Stadt zu verankern, als Zürcher Treffpunkt zu etablieren. Ebenso ist es mir ein Anliegen, dass man die Geschichte des Hauses auf den ersten Blick erkennt. Elan bekommt man durch eine neue Sichtbarkeit und ein anregendes Angebot.

Wie wird dadaistische Kunst an und für sich zu erleben sein?
Einerseits werden Dada-Dokumente und -Protagonisten im Zentrum stehen. Andererseits soll zeitgenössischen Herangehensweisen viel Raum geboten werden, die nur lose an das Erbe anschliessen. Es wird Ausstellungen, Performances, Gespräche, Workshops, Lesungen oder Screenings geben. Wir werden transdisziplinär zu Werke gehen, wollen Horizonte herausfordern.

Für einen Nicht-Aficionado klingt das womöglich etwas kopflastig.
Ein wichtiger Punkt. Es soll unbedingt auch niederschwellige Formen der Dada-Vermittlung geben. Es muss aber auch Platz für notwendige Irritation haben. Meine Haltung ist diesbezüglich klar. Ich finde, man darf die Leute fordern, aber man darf sie nicht ausgrenzen. Wie gut das gelingt, wird auch mit meiner Rolle zu tun haben.

Sie spielen hier eine Rolle?
(lacht) Nicht im Sinne einer Performerin. Ich meine damit meine Rolle als Gastgeberin, als Moderatorin. Ich will präsent und sichtbar sein, offen für Anregungen, Ideen und Gespräche.

Falls ich stärker exponiert werde, hat das mit der unhaltbaren Situation zu tun, dass immer noch zu wenig Frauen in exponierten Positionen wirken.Salome Hohl

Gehört das zum Jobprofil? Ist diese Nähe Ausdruck einer Kommerzialisierung?
Weder noch. Ich habe das bei der Bewerbung aus freien Stücken eingebracht. Ein reger Austausch war mir bei den Berufsstationen stets wichtig. Abgesehen davon führt Präsenz allein ja nicht zu einer Kommerzialisierung.

Aber ein gewisser finanzieller Erfolgsdruck besteht sicher?
Das Fundraising ist Teil unserer Aufgabe, Teil der Programmstrategie der Geschäftsführerin ­Esther Widmer und mir. Das war ja bislang auch schon so. Aber eine «Mehr Kommerz»-Parole hat niemand ausgegeben. Es geht auch darum, Kulturschaffenden einen fairen Lohn bezahlen zu können.

Hat man Ihnen eigentlich gesagt, dass Ihr Job dem eines Fussballtrainers ganz ähnlich sein wird?
(lacht) Inwiefern?

Ich habe von Sophie Taeuber-Arp jüngst einen Brief gelesen, in dem sie schrieb: «Ich bin wüüüüüüüütend. Was ist das wieder für ein Quatsch, ‹radikale Künstler› (...) Dada ist etwas anderes.» Salome Hohl

Weil auch bei Dada ganz viele Leute zu wissen meinen, was richtig und was falsch ist, was es braucht und was nicht. Macht Ihnen das keine Angst?
Nein, überhaupt nicht. Ich bin wie gesagt offen für Anregungen und Vorschläge. Aber ich habe auch klare Ideen und Vorstellungen, die ich mit meinem Team in den kommenden Jahren umsetzen möchte. Dass man es niemals allen recht machen kann, ist keine Neuigkeit. Doch ich denke, dass wir in den Projektgruppen genügend gute Antennen und Korrektive haben, denen wir vertrauen können.

Dann befürchten Sie auch nicht, dass Sie als erste Frau auf diesem Direktionsposten stärker exponiert sein werden als die Männer vor Ihnen?
Falls ich stärker exponiert werde, hat das mit der unhaltbaren Situation zu tun, dass immer noch zu wenig Frauen in exponierten Positionen wirken. Ich bin aber in guter Gesellschaft: Auch das Neumarkt-Theater wird ja nun von einem Frauentrio geleitet, vielleicht ergibt sich da sogar mal eine Kollaboration, das wäre toll.

Frage ich Sie nun noch nach der liebsten Dada-Figur, nennen Sie mir bestimmt eine Frau.
Nicht eine, vier. Zuerst Sophie Taeuber-Arp, eine grossartige Künstlerin mit einer differenzierten Sicht auf Dada. Ich habe von ihr jüngst einen Brief gelesen, in dem sie schrieb: «Ich bin wüüüüüüüütend. Was ist das wieder für ein Quatsch, ‹radikale Künstler› (...) Dada ist etwas anderes.» Dann Emmy Hennings, diejenige mit der stärksten Präsenz im Cabaret Voltaire. Zudem Hannah Höch und zu guter Letzt Elsa von Freytag-Loringhoven, vielleicht die tatsächliche Erfinderin des Readymade.

Bei solcher Begeisterung ist anzunehmen, dass die Dadaistinnen künftig mehr zu spüren sein werden als bisher.
Ja, das werden sie.

Erstellt: 22.08.2019, 06:47 Uhr

Artikel zum Thema

Salome Hohl wird neue Direktorin des Cabaret Voltaire

Das Dada-Haus im Zürcher Niederdorf wird ab 2020 von der Kunsthistorikerin Salome Hohl geleitet. Mehr...

Dada-Haus braucht neue Führungscrew

Das Cabaret Voltaire im Zürcher Niederdorf verliert auf einen Schlag zwei seiner prägenden Köpfe. Mehr...

Dadas Erbe sichern – trotz fragwürdigem Deal

Analyse Die Abstimmungsvorlage zum Cabaret Voltaire hat Mängel. Doch das Dada-Haus gehört zu Zürichs kultureller DNA. Mehr...

Salome Hohl

Die 34-Jährige ist in Appenzell-Ausserrhoden aufgewachsen, seit 2005 lebt und arbeitet sie in Zürich. Sie machte den Bachelor an der Pädagogischen Hochschule, studierte Kunstgeschichte an der Uni Zürich, wirkte als Kuratorin und war Dozentin an der F+F-Schule für Kunst und Design. Ihre Stelle als Cabaret-Voltaire-Direktorin tritt sie per 1. Januar 2020 an. (thw)

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Was für eine Aussicht: Ein Mountainbiker macht Rast auf dem Gipfel des Garmil. Im Hintergrund sieht man die Churfirsten und die Alviergruppe. (13. September 2019)
(Bild: Gian Ehrenzeller) Mehr...