Hier kommen die virtuellen Lehrer

Daniel Walter und Simon Baumann haben das Start-up-Unternehmen Teachpoint gegründet. Bereits nutzen 250 Schüler die Dienste von 150 Lehrern im Onlineschulzimmer.

Unterrichten beide selber auch: Daniel Walter (links) und Simon Baumann. Foto: Dominique Meienberg

Unterrichten beide selber auch: Daniel Walter (links) und Simon Baumann. Foto: Dominique Meienberg

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Die Idee ist simpel: Statt dass sich Lehrer und Schüler für eine Nachhilfestunde extern verabreden, bleibt jeder bei sich zuhause, schaltet seinen Computer ein und begibt sich in ein Online­schulzimmer. Den passenden Lehrer kann ein Schüler nach Fach, der Bewertung von anderen oder nach dem Preis pro Stunde auswählen. Ein Mail genügt, um Zeit und Schulstoff zu bestimmen. Beide loggen sich ein, laden Aufgaben oder Unterrichtsmaterialien hoch – und los gehts. Wie bei der Videotelefonie mit dem Computerprogramm Skype sehen sich Lehrer und Schüler auf dem Bildschirm. Zudem können sie beide auf eine interaktive Wandtafel schreiben.

Die Idee für das Start-up-Unternehmen Teachpoint stammt von Simon Baumann. Als der 27-Jährige an der ETH Zürich Maschinenbau studierte, nutzte er jeweils die Khan Academy, wenn er etwas nicht verstand. Die Website enthält über 4000 wissenschaftliche Lehrfilme. Baumann war fasziniert von den Möglich­keiten der neuen Medien für die Bildung. In seiner Abschlussarbeit untersuchte er, ob Studierende den Stoff besser erfassen, wenn sie eine Vorlesung dazu besuchen oder sich diesen in einem Video erklären lassen. Fazit: Die Wirkung ist dieselbe.

Hier wollte Baumann ansetzen, um sich selbstständig zu machen. In seinem Freund aus Kindertagen, Daniel Walter, fand er einen Geschäftspartner. Nach dem Studium der internationalen Beziehungen und Volkswirtschaftslehre in Genf arbeitete Walter in einer Unternehmensberatung. Auch er wollte etwas Eigenes auf die Beine stellen. Die Suche nach einem Programmierer war schwierig. An der ETH fand sich kein Absolvent, der bereit war, sich zu 100 Prozent zu engagieren, die Zusammenarbeit mit indischen Firmen scheiterte. «Es fehlte am Mitdenken», sagt Baumann. Schliesslich fanden die beiden Jungunternehmer einen IT-Kollegen in Russland, der ihre Ideen umsetzt.

Gute Erfahrungen mit Nachhilfe

Baumann und Walter unterrichten beide auf Teachpoint. Baumann hat selbst gute Erfahrungen mit Nachhilfe gemacht. Sein Primarlehrer fand, er gehöre in die Realschule. Einige Nachhilfe­stunden hätten sein Selbstvertrauen so gestärkt, dass er es schliesslich an die ETH schaffte, sagt er. Kann er jemandem Mathematik oder Physik so erklären, dass er in der nächsten Prüfung gut abschneidet, freut ihn das enorm. Walter vermittelt unter anderem Geschichte und findet es spannend, sich in Themen zu vertiefen, die nichts mit dem Job zu tun haben.

150 Lehrer sind auf Teachpoint registriert, 250 Schüler haben ihre Dienste bereits in Anspruch genommen. Rund 40 Prozent der Schüler haben fünf oder mehr Lektionen gebucht. Zurzeit finden etwa 100 Lektionen pro Monat statt, sie kosten zwischen 25 und 80 Franken. 20 Prozent der Einnahmen gehen an Walter und Baumann. Mit 2000 Lektionen im Monat könnten sie von ihrem Start-up gut leben. Sie sind überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie das Ziel erreichen. Walter: «Im etwas unpersönlichen Setting fällt es Schülern leichter, ihre Schwachpunkte einzugestehen.»

Die 18-jährige Gymnasiastin Silvia Graber ist eine Schülerin, die Teach­point seit Anfang Jahr regelmässig nutzt. Sie suchte einen Lehrer in ihrer Nähe, der Mathematik und Wirtschaft unterrichtet, und wurde online fündig. «Ich fühlte mich gleich wohl im virtuellen Raum. Der Ansatz sorgt für Abwechslung und spornt mich an.» Graber findet es sehr praktisch, dass der Anfahrtsweg wegfällt und sie so Zeit spart. Manchmal bucht sie sehr kurzfristig Lektionen, etwa, wenn einige Stunden später eine Prüfung ansteht.

«Für Ältere besser geeignet»

Auch Jonathan Brignoli entdeckte Teachpoint zufällig. Der 24-Jährige macht seinen Master in Materialwissenschaften an der EPFL Lausanne. Er hat bereits auf Bachelor-Stufe Nachhilfe in Mathematik erteilt und wollte auch in Lausanne damit fortfahren. «Auf Französisch traute ich mir das aber noch nicht zu.» Bei Teachpoint könne er bequem von zu Hause aus unterrichten – auf Deutsch. Zu seinen Schülern zählen Sek- und Gymischüler ebenso wie 30- bis 45-Jährige, die eine Weiterbildung absolvieren. Brignoli glaubt, dass Schüler im virtuellen Schulzimmer weniger Hemmungen haben, sich von einem Lehrer zu trennen, der ihnen nicht zusagt. «Bei Teachpoint kann jeder finden, was er sucht.»

Peter Suter, Dozent im Fachbereich Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich, hält Teachpoint für eine zeitgemässe Idee. Die Chancen sieht er in der räumlichen und zeitlichen Unabhängigkeit, die auch Schülern in abgelegenen Gebieten eine grosse Auswahl an möglichen Nachhilfelehrern biete. Die Kommunikation übers Internet sei aber komplizierter als in der direkten Begegnung. Es sei schwieriger für einen Lehrer, eine Beziehung zum Schüler aufzubauen und zu spüren, wie er sich gerade fühle und wie konzentriert er sei. Auch technische Hürden wie eine langsame Internetverbindung oder ein rauschendes Mikrofon könnten stören.

Das virtuelle Schulzimmer eignet sich laut Suter besser für etwas ältere Schüler, die bereits in der Lage sind, ihre offenen Fragen klar zu benennen. Besonders wichtig seien qualifizierte, fähige und seriöse Lehrer, die sich auf der Website mit Bild und Werdegang kurz vorstellten. «Als Vater will ich wissen, mit wem meine Kinder via Bildschirm in ihrem Zimmer kommunizieren.» Eltern sollten deshalb bei der ersten Lektion mindestens teilweise dabei sein und entscheiden, ob sie dem entsprechenden Lehrer wirklich vertrauen wollen.

Erstellt: 17.05.2014, 08:42 Uhr

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