Hier spricht Ihre Trampilotin

Die Zürcher Verkehrsbetriebe verschieben nicht nur Fahrgäste, sondern auch Wörter. Nachdem sie ihre Kontrolleure zu Kundenberatern befördert haben, werden nun die Chauffeure umbenannt.

Blick aus dem Cockpit: Wer in der Stadt Zürich ein Tram lenkt, ist ab sofort kein Tramführer mehr.

Blick aus dem Cockpit: Wer in der Stadt Zürich ein Tram lenkt, ist ab sofort kein Tramführer mehr. Bild: Alessandro Della Bella/Keystone

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Die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) sind schon immer ein selbstbewusstes Unternehmen gewesen, jetzt haben sie definitiv abgehoben. Sie präsentieren sich auf ihrer neuen Werbung nicht nur als Fluggesellschaft, sie nennen ihre Tramchauffeurinnen oder Tramführer auch Trampilotinnen und -piloten. Intern und extern, offiziell und auf Dauer. Der neue Name soll ausdrücken, dass sich das klassische Berufsbild des Tramchauffeurs in den letzten Jahren stark verändert hat: vom blossen Lenken hin zum lenkenden Kundendienst. So sind die Führerstände heute einsehbar, während sie früher hinter einem Vorhang verborgen blieben. Auch ist das Fahrpersonal angehalten, das Schiebefenster offen zu haben, damit sie bei Fragen Auskunft geben können – ausser sie müssen ihr Fahrzeug in Stosszeiten durchs Verkehrsgewühl pflügen.

Weg mit dem Führer

Die idealen Tramfahrerinnen und -fahrer seien heute «gewissermassen» eine Mischung aus Pilot und Flight-Attendant, teilten die VBZ gestern mit: Sie steuern ihr Fahrzeug sicher ans Ziel und sorgen gleichzeitig dafür, dass sich die Passagiere wohlfühlen. Es sei deshalb nur konsequent, «dass die VBZ in Anlehnung an diese Berufe ihre Mitarbeitenden künftig als Trampilotin oder als Trampilot bezeichnen».

Zu dieser katapultmässigen Beförderung eines Berufsstandes fühlen sich die VBZ auch deshalb berechtigt, weil der Führerstand des Cobratrams ein cockpitähnliches Ausmass angenommen hat mit einer Unmenge von Schaltern, Warnlämpchen und elektronischen Anzeigen. Der neue Name hat weiter den Vorteil, dass er sprachlich den «Führer» aus dem Tram nimmt, der unangenehme Gedanken an die Vergangenheit weckt.

Was im VBZ-Sprachgebrauch neu ist, verwendet Peider Filli seit langem. Er hat das Wort kreiert, er gibt seit 15 Jahren als Beruf Trampilot an. 1999 kandidierte er für den Kantonsrat und fand «Wagenführer VBZ» als Berufsbezeichnung nicht eben sexy. Und prompt: Als Trampilot und Mitglied der Alternativen schaffte er den Einzug ins Kantonsparlament. Als Trampilot mit zweifarbigem Bart kandidierte er 2002 gar fürs Zürcher Stadtpräsidium. Er brachte es auf 2500 Stimmen, 36'000 weniger als der siegreiche Elmar Ledergerber.

Er fühle sich jetzt geehrt, dass seine Wortschöpfung von den VBZ offiziell übernommen worden sei, sagt Filli heute, der mittlerweile für die Grünen im Gemeinderat sitzt. Er wurde von der Mitteilung genauso überrascht wie die VBZ-Kundschaft, die nun fürchtet, die Trampiloten würden nicht nur über die Weichen rumpeln, sondern unterwegs auch noch in Turbulenzen geraten.

Mehr Lohn gibts nicht

Vom Namen Trampilotin versprechen sich die VBZ auch bessere Chancen bei der Rekrutierung von neuem Fahrpersonal. Sprechen sie doch gezielt Frauen aus der Gastronomie oder dem Verkauf an, um den grossen Bedarf an Fahrpersonal decken zu können. 2013 waren 41 Prozent der neu eingestellten Trampiloten Frauen. Rund 650 Frauen und Männer lenken die Zürcher Trams. Sie erhalten je nach Alter und Erfahrung einen Bruttolohn zwischen 66'000 und 76'000 Franken. Die Beförderung zum Piloten bringt allerdings keine Lohnerhöhung mit sich; die Ehre muss genügen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.12.2013, 07:49 Uhr

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