Hirschmann ist für Wikipedia Persona non grata

Wer im Online-Lexikon nach dem Skandal-Erben sucht, findet neuerdings einen niederländischen Fussballfunktionär.

Die holländische Auswahl vor einem Freundschaftsspiel gegen Frankreich am 10. Mai 1908. Mit Schnauz und Melone: Fifa-Funktionär C.A.W. Hirschmann.

Die holländische Auswahl vor einem Freundschaftsspiel gegen Frankreich am 10. Mai 1908. Mit Schnauz und Melone: Fifa-Funktionär C.A.W. Hirschmann. Bild: IFFHS.de

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Carl Anton Wilhelm Hirschmann war einer der Vorgänger von Sepp Blatter, und als Fifa-Generalsekretär so ehrenwert, dass er zum Ehren-Generalsekretär ernannt wurde. Hirschmann war ein niederländischer Bankier und einer der Gründerväter des Weltfussballverbands. Dank ihm wurde die Idee einer Weltmeisterschaft populär, dank ihm überlebte die Fifa den Ersten Weltkrieg, dank ihm wurde Handball zu einer bekannten Sportart. Das alles weiss Wikipedia zu berichten. C.A.W. Hirschmann gebührt ein lexikalischer Eintrag.

Keinen Eintrag mehr hat Carl Hirschmann jun., geboren 1981, landesweit bekannt als Milliarden-Erbe und Clubbesitzer und berüchtigt als Jetsetter, dem Schlägereien und Verführerung minderjähriger Frauen angelastet werden. Wer Carl Hirschmann sucht, findet seit letztem Mittwoch C.A.W. Hirschmann. Der wissbegierige Wikipedia-User wird am Gesuchten vorbei weitergeleitet.

Vor zwei Wochen war das noch anders. Ein neu erstellter Eintrag fasste all jene Dinge zusammen, für die Hirschmann berühmt ist. Nachdem Tagesanzeiger.ch über den verdächtig wohlwollenden Artikel berichtet hatte, wurde er Dutzende Male überarbeitet und umfasste schliesslich auch jene Dinge, für die Hirschmann berüchtigt ist. Parallel dazu lieferte sich die Wikipedia-Community eine heftige Löschdiskussion. Obwohl eine knappe Mehrheit für Behalten plädierte, strich ein User namens «Filzstift» den Eintrag aus der weltgrössten Enzyklopädie.

Die Gründe dazu lieferten jene, die den Löschantrag unterstützten: Medienwirksame Skandale und ein reicher Erbe zu sein mache noch niemanden enzyklopädisch relevant, auch eine Paris Hilton nicht. Hirschmann habe noch nichts geleistet, ist zu lesen. Andrea Stauffacher (Anführerin des gewaltbereiten Schwarzen Blocks und ohne Wikipedia-Eintrag, Anm. d. Red.) sei hundertmal relevanter, meinen andere.

Moral und Relevanz

Die Argumente überzeugen auf den ersten Blick: Skandalnudeln verdienen keinen Eintrag, weder im Brockhaus noch in der Wikipedia. Milliardenerben sucht man in der Encyclopædia Britannica vergeblich. Clubbesitzer und Gerichtsdauergäste schaffen es höchstens ins «Who is Who in Zürich». Dass diese Eigenschaften nicht isoliert beurteilt werden dürfen, Hirschmann quasi als Gesamtkunstwerk zu betrachten ist, kommt nicht zur Sprache.

Hoch sind dafür die moralischen Standards, die in der Löschdiskussion angewendet werden. Stellenweise argumentiert die Wikipedia-Community wie eine Ethikkommission. Es scheint, als wolle man Hirschmann, dem verwöhnten Söhnchen, eins auswischen, indem man ihn einfach aus dem kollektiven Gedächnis der Internetgeneration streicht.

Auch mit dem Argument der Prominenz ist die Mehrheit, die sich gegen die Löschung gestemmt hat, nicht durchgedrungen. Dabei ist Carl Hirschmann seit Jahren Gegenstand unzähliger Konversationen, an den noblen Tafeln am Zürichberg genauso wie an den Stammtischen in den «Löwen» und «Ochsen» des Landes. Obwohl selbst ausländische Medien über seine neusten Geschichten berichten und obwohl er einen Bekanntheitsgrad geniesst, der den von Bundesräten spielend übertreffen dürfte – «Carli» ist für die Wikipedia eine persona non grata. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.05.2011, 12:20 Uhr

Umfrage

Gehört Carl Hirschmann in die Wikipedia?

Ja

 
14.0%

Nein

 
86.0%

2268 Stimmen


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Namensvetter: Carl Hirschmann jun. (Bild: Keystone )

Namensvetter: Carl Hirschmann jun. (Bild: Keystone )

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Als Carl Hirschmann im November 2009 verhaftet wurde, berichtete auch TeleZüri über den damaligen Clubbetreiber. Zwei Beiträge haben das «Sachgerechtigkeitsgebot» verletzt, wie die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI) heute Montag bekannt gibt. Im ersten Beitrag erhoben anonymisierte Frauen schwere Vorwürfe gegen Hirschmann wege angeblicher sexueller Belästigungen im VIP-Raum seines ehemaligen Clubs. Im zweiten Beitrag wurde die Glaubwürdigkeit dieser Aussagen thematisiert.

Der erste Beitrag «vermittelt dem Publikum den falschen Eindruck, dass Carl Hirschmann aufgrund von sexuellen Übergriffen gegen mehrere Mädchen» verhaftet worden sei, schreibt die UBI heute Montag. Umstrittene Aussagen seien nicht als solche erkennbar. Die Gründe der Verhaftung seien nicht korrekt vermittelt worden und der Standpunkt Carl Hirschmanns zu den anonymen Anschuldigungen komme in keiner Weise zum Ausdruck. Schliesslich habe TeleZüri, das wie Tagesanzeiger.ch zur Tamedia gehört, auch nicht auf die Unschuldsvermutung hingewiesen. «Im Gegenteil wird Carl Hirschmann am Schluss des Beitrags regelrecht vorverurteilt, in dem unter anderem ausgeführt wird, dass ihm kein Geld aus dieser Situation helfen werde. Dieser Schlusskommentar stellt einen krassen Verstoss gegen die Unschuldsvermutung dar», so die UBI.

Im zweiten beanstandeten Beitrag kann der Medienbeauftragte von Carl Hirschmann zwar Stellung beziehen. Er spricht allerdings nur in eigenem Namen. Dass Carl Hirschmann die wiederum ausgestrahlten Anschuldigungen einer jungen Frau ausdrücklich bestreitet, sei nicht erwähnt worden. «Stattdessen übernimmt Tele Züri die Rolle der Ermittlungsbehörden und prüft die Glaubwürdigkeit der Vorwürfe. Die Beurteilung erfolgt allerdings in tendenziöser Weise und ohne auf die laufenden Verfahren hinzuweisen», so die UBI. Zur Relevanz der Vorwürfe habe sich das Publikum deshalb wiederum keine eigene Meinung bilden können.

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Im zweiten beanstandeten Beitrag kann der Medienbeauftragte von Carl Hirschmann zwar Stellung beziehen. Er spricht allerdings nur in eigenem Namen. Dass Carl Hirschmann die wiederum ausgestrahlten Anschuldigungen einer jungen Frau ausdrücklich bestreitet, sei nicht erwähnt worden. «Stattdessen übernimmt Tele Züri die Rolle der Ermittlungsbehörden und prüft die Glaubwürdigkeit der Vorwürfe. Die Beurteilung erfolgt allerdings in tendenziöser Weise und ohne auf die laufenden Verfahren hinzuweisen», so die UBI. Zur Relevanz der Vorwürfe habe sich das Publikum deshalb wiederum keine eigene Meinung bilden können.

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