Hochbetrieb im Zürcher Vogelhotel

Die Voliere am Mythenquai ist die wichtigste Adresse für Zürichs Vogelfreunde. Sie ist Ferienhotel, Notfallstation und Refugium für exotische Arten.

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«Ist alles gut gelaufen?» - «Hatten sie Heimweh?» - «Wie war ihr Appetit?» Die Besorgnis und Liebe ist in diesen Fragen förmlich mit den Händen zu greifen. Doch sie werden für einmal nicht von Eltern gestellt, die ihre Sprösslinge aus dem Ferienlager empfangen. So sprechen Vogelbesitzer, wenn sie ihre gefiederten Lieblinge in der Voliere am Mythenquai abholen. Diese Voliere wird im Sommer zum Ferienlager. Sie ist aber mehr, sie ist auch eine Notfallstation für kranke, verletzte oder aus dem Nest gefallene Vögel. Und zudem ein Refugium für über 100 lebendige Exoten. Viele dieser Vögel haben sich inzwischen so gut eingelebt, dass sie hier sogar brüten.

Gerade in diesen Tagen herrscht am Mythenquai Hochbetrieb, und zwar im doppelten Sinn: Die einen bringen ihre Lieblinge in die Ferien, die anderen holen sie wieder ab. Doch der Trennungsschmerz der Vogelbesitzer ist ein Klacks verglichen mit dem, was die Tiere über das vergangene Wochenende aushalten mussten. Die Street Parade ist für die Volierenbewohner die Hölle. Wenn die Lastwagen direkt vor dem Gebäude anhalten, und aus den Lautsprechern die Bässe wie Gewehrsalven dröhnen, dann zittert der massive Betonbau. «Das macht die Vögel total verrückt», sagt Elisabeth Kehl, Präsidentin der Voliere-Gesellschaft Zürich. «Vor zwei Jahren haben wir deswegen etliche Jungvögel verloren.» Seither dürfen die Lovemobils nicht mehr vor dem Vogelhaus stehen bleiben.

Apropos Lärm: Auch Vögel können ordentlich auf die Tube drücken. Wenn Kakadus, Papageien & Co. so richtig loslegen, wird der Lärmpegel ohrenbetäubend. Wie eine solche Kakafonie entsteht, lässt sich in der Voliere exemplarisch beobachten: Vogelbesitzer Patrick Sahlmann will seinen Graupapagei Aloha aus den Ferien abholen. Der Vogel reagiert sofort auf das Erscheinen seines Herrchens und klammert sich an die Gitterstäbe. Sahlmann redet liebevoll auf ihn ein, streichelt durch das Gitter seinen Bauch, sein Köpfchen und gibt ihm sogar einen Kuss. Das stinkt dem weissen Kakadu nebenan gewaltig. Er wird eifersüchtig und will auch Aufmerksamkeit. Deshalb fängt er an zu kreischen, wird laut und lauter bis der Lärm in dem Raum so angeschwollen ist, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht.

Trauriger Rekord im 2007

Die Voliere ist nicht nur ein Vogelhotel, sie ist vor allem die am meisten frequentierte Auffangstation für Notfälle. Den eingeklemmten Mauersegler im Kreis 3, der am Montag vor einer Woche für Schlagzeilen sorgte, hat die Feuerwehr hierher gebracht. Leider vergeblich: Der Jungvogel ist trotz der spektakulären Rettung gestorben. Durchschnittlich werden rund 630 verletzte Vögel pro Jahr eingeliefert. Letztes Jahr waren es ein Fünftel mehr. 763 einheimische Wildvögel aus 52 Arten wurden behandelt, die Hälfte von ihnen erfolgreich. «Wir konnten sie nach der Pflege wieder in die Freiheit entlassen», sagt Kehl. Die Tiere können rund um die Uhr eingeliefert werden. Dazu gibt es zwei geheizte Vogelklappen an der Aussenseite der Voliere. Rund ein Viertel der kranken oder nicht mehr gewollten Vögel wird dort deponiert.

Jedes Jahr werden mehr Notfälle abgegeben. «Die Menschen sind sensibler geworden», begründet Kehl diese Entwicklung. Die eingelieferten Tiere sind erschöpft, durch Katzen verletzt worden, als Jungvögel aus dem Nest gefallen, gegen Fenster- oder Wintergartenscheiben geprallt. Falsche Aufzucht oder der falsche Zeitpunkt beim Heckenschneiden treibt die Anzahl der Patienten in der Vogel-Notfallstelle ebenfalls in die Höhe. Oft ist das Verhältnis zu wilden Vögeln auch durch Ignoranz gestört. «Mich hat kürzlich eine Frau angerufen, die wollte, das ich eine Elster aus ihrem Garten abhole, weil sich sonst ihr Büsi nicht mehr ins Freie getraue», erzählt Kehl kopfschüttelnd.

Die Voliere gibt es seit 108 Jahren, länger als den Zürcher Zoo. Im Hinblick auf die Landesausstellung von 1937 entstand das moderne Vogelhaus. Heute leistet sich die Voliere in ihren naturnah gestalteten Innen- und drei landschaftsähnlichen Aussengehegen 100 Exoten. «Letztes Jahr haben wir drei Monate lang ein Rotkopftrogon von Hand aufgezogen», sagt Kehl mit Stolz in der Stimme. «Eine Schweizer Premiere.» Die exotischen Vögel werden von Schulklassen und anderen Vogelfreunden besucht. Wo sonst wird man schon am Morgen früh von fröhlich zwitschernden und pfeifenden Wesen empfangen? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.08.2008, 07:36 Uhr

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