Interview

«Hoffe auf Atomausstieg – trotz Angriffen von Parteikollege Mörgeli»

SVP-Frau Ursula Fehr besuchte zum Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl die Ukraine. Die Reise bestärkte sie, bei der Kernenergie eine andere Haltung zu haben als ihr Mann und Parteigefährte Hans Fehr.

26. Jahrestag der Reaktorkatastrophe: Zwölf Schweizer besuchten letzte Woche den Ort der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl.

26. Jahrestag der Reaktorkatastrophe: Zwölf Schweizer besuchten letzte Woche den Ort der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Bild: Keystone

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Warum haben Sie die Reise in die Ukraine mitgemacht?
Nebst meinem Interesse an der Ukraine wollte ich auch mehr über Tschernobyl und die Folgen der Katastrophe erfahren. Zudem gehe ich seit einiger Zeit der Frage nach, was es braucht, dass Menschen das Gefühl haben, angekommen zu sein, ihre Heimat gefunden zu haben. Was geschieht, wenn sie ihre Heimat verlieren, weil diese verstrahlt wurde?

Haben Sie eine Antwort auf Ihre Frage gefunden?
Für die Menschen von Prypjat wurde innert zwei Jahren 60 km von Tschernobyl entfernt die neue Stadt Slawutitsch gebaut. Hier leben auch die ehemaligen Liquidatoren, welche für die Räumung ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben. Auffällig ist, dass immer mehr ältere Leute «zum Sterben» wieder in ihre alten Häuser zurückkehren – trotz Kontamination. Neuerdings lässt man sie einfach gewähren.

Wie würden Sie Ihre Erlebnisse in einem einzigen Wort beschreiben?
Aufwühlend.

Inwiefern?
Die Gegensätze von Armut und Reichtum, von Macht und Ohnmacht sind extrem. Auf dem Land hat man das Gefühl, man fahre im holpernden Bus durchs vorletzte Jahrhundert. Demgegenüber protzt die schillernde Millionenstadt Kiew mit ihrem Reichtum, der in den schicken Läden gezeigt wird. Der Gelassenheit oder Resignation der an den Folgen der Bestrahlung erkrankten Menschen steht die Arroganz und Überheblichkeit der Politiker gegenüber. Kaum etwas geht ohne Schmiergelder.

Hat Ihr Besuch Ihre Einstellung zu Atomkraftwerken verändert?
Die Gewissheit, dass bei uns AKW absolut sicher seien, fehlte mir schon immer. Die Angst vor den möglichen Folgen, wenn eben doch ein Störfall oder eine Katastrophe passieren würde, ist nach dem Besuch natürlich noch gewachsen. Deshalb hoffe ich, dass der Bundesrat weiterhin einen Ausstieg aus der Atomkraft plant – trotz Angriffen von «Weltwoche» oder Nationalrat und Parteikollege Christoph Mörgeli. In der Zwischenzeit sollte man endlich taugliche Alternativen nicht nur von bürokratischem Kram entlasten, sondern für weitere Projekte Anreize schaffen.

«Auf die Kernenergie kann und darf nicht verzichtet werden», sagt die SVP. Sie riskieren Ärger mit Ihrer Partei?
Ich hoffe nicht. Ich möchte lieber die Diskussion anregen. Immerhin hat die SVP nichts dagegen, wenn die vierzig Prozent aus Kernenergie dereinst durch sichere, ausreichende und bezahlbare Alternativen ersetzt werden könnten. Da stehen also viel Arbeit und wenig Platz für Parteigezänke vor uns.

Was sagt eigentlich Ihr Mann, Nationalrat Hans Fehr, der im Bundeshaus zur Atomlobby gezählt wird, zu Ihrer Einstellung? Müssen wir uns um Ihre Ehe sorgen?
Da haben wir eine Differenz. Das ist jedoch nicht die erste und die einzige, was das politische Denken betrifft. Doch damit leben wir gut.

«Bekehrungsversuche» zwecklos?
Warten wirs ab. Vielleicht führt auch hier Beharrlichkeit zum Ziel.

Sie sind Gemeindepräsidentin von Eglisau, einem Städtchen, das in einer Region zwischen zwei möglichen Tiefenlagern für stark radioaktive Abfälle liegt. Wie werden Sie sich in die anstehenden Standortdiskussionen einmischen?
Ich will mich mit Fragen und Einwänden sachlich und kritisch einmischen. Das ist übrigens gar nicht so einfach, sind doch viele Kollegen mit fast schon missionarischem Eifer und absoluter Sicherheitsgarantie präsent. Doch nach den ersten Gesprächen mit Fachleuten erhärtet sich die Tatsache, dass ein Endlager etwas ganz Grosses, noch nicht absolut Erforschtes oder etwa gar Sicheres ist. Etwas, was nicht nur uns alle angeht, sondern mit seinen möglichen Folgen eine kaum denkbar lange Zeitspanne mitprägen wird. Deshalb darf allein die Sicherheit das Kriterium sein. Nie und nimmer dürfen dies finanzielle Erwägungen wie Abfindung oder Steuerentlastung sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.04.2012, 10:14 Uhr

Die 61-jährige Gattin von Nationalrat Hans Fehr (SVP) ist Gemeindepräsidentin von Eglisau, in dessen Nähe ein Tiefenlager für stark radioaktive Abfälle entstehen könnte. (Bild: ZV)

Bauarbeiten für den neuen Schutzmantel gestartet

Zum 26. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl weilten in der vergangenen Woche auf Einladung von Green Cross zwölf Personen aus der Schweiz in der Ukraine – neben Ursula Fehr auch Nationalrat und GLP-Präsident Martin Bäumle. Die Teilnehmer sollten vor Ort erfahren, wie betroffene Familien mit den Folgen der Katstrophe umgehen und wie die Projekte von Green Cross ihre schwierige Lebenssituation verbessern.

Der 26. Jahrestag war auch der Startschuss für den Bau eines neuen Schutzmantels um den Katastrophen-Reaktor – ein Projekt, das etwa eineinhalb Milliarden Euro kostet. Die 20 000-Tonnen-Konstruktion mit einer Spannweite von 257 Metern soll die nächsten hundert Jahre halten. Nötig wurde die neue Schutzhülle, weil der nach dem Unglück zur Eindämmung der radioaktiven Strahlung errichtete Betonsarkophag brüchig geworden war. Am Jahrestag forderten 500 sogenannte Liquidatoren, die nach dem Super-GAU die verstrahlten Trümmer beseitigt hatten, die Auszahlung ihrer Invalidenrente in voller Höhe.

Bei der Explosion am 26. April 1986 entstand eine Strahlung, die 400-mal stärker war als die Strahlung der Hiroshima-Atombombe. Es soll bis zu 100 000 Tote gegeben haben. 120 000 Personen wurden umgesiedelt. (SDA)

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