Hummersalat statt Bratwurst

Sie wurden in den vergangenen Jahren renoviert, neu gestylt – und deutlich teurer: Vier Stadtzürcher Ausflugsrestaurants im Test.

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Manchmal werden Wanderer, die völlig ausgetrocknet das Restaurant Uto Kulm betreten, mit der Frage empfangen, ob sie nicht gerne ein Cüpli hätten. Es ist so ziemlich das Letzte, wonach sie sich nach dem Aufstieg auf den Uetliberg sehnen; Wasser wäre fein. Die Wanderer fallen aber auch optisch aus der Reihe. Profilsohlen und Regenjacken sieht man abends im Uto Kulm kaum mehr, stattdessen dominieren Stöckelschuhe und Jackets.

Zürichs Ausflugsrestaurants verdienen heute diesen Namen kaum mehr. Sonnenberg, Dolder Grand, Zürichberg, Rigiblick, Waid und Uto Kulm, sie alle sind in den letzten Jahren renoviert und neu designt worden, die Preise wurden dem Erscheinungsbild angepasst. Eine hungrige Familie hätte in diesen Lokalen ihr Haushaltsgeld schon mit einem Mittagessen aufgezehrt: Einen Wurst-Käse-Salat findet sich kaum mehr auf einer Karte. Stattdessen wird, etwa im Sonnenberg, Hummersalat serviert. Preis: 56 Franken. Dabei müssten zumindest Sonnenberg und Rigiblick ihre Preise so gestalten, dass sie «einer breiten Bevölkerungsschicht» zugänglich sind; die Lokale sind von der Stadt mit dieser Auflage im Baurecht abgegeben respektive verkauft worden. Die Gemeinderäte Balthasar Glättli (Grüne) und Jacqueline Badran (SP) verlangen denn auch in einem Vorstoss, dass die Stadt den Vertrag mit dem Sonnenberg auflöst.

Geschäftsleute statt Wanderer

«Heute kommen viel weniger Wanderer auf den Uetliberg als früher, bei schlechtem Wetter gar keine mehr», erklärt Giusep Fry, der bereits seit 30 Jahren im Uto Kulm wirtet. Er habe sich deshalb mit Events und Seminarräumen ein neues Kundensegment erschlossen. Er schätzt, dass heute 90 Prozent der Gäste mit der Bahn auf den Berg fahren. Viele kämen abends nach der Arbeit, seien entsprechend gekleidet und leisteten sich gerne etwas. Auch Jacky Donatz sagt, am Sonnenberg habe es wenig Spaziergänger, der Spielplatz werde kaum besucht. Er konzentriert sich deshalb auf die Tagungsteilnehmer der Fifa und auf Geschäftsleute, die «etwas Rechtes essen wollen». Damit habe er Erfolg. «Das Konzept gibt mir recht», meint er.

Dabei hat die Stadt das Potenzial zur Ausflugsdestination: Vor 100 Jahren war Zürich ein «Höhenluftkurort 1. Ranges». Auf den Hügelkuppen rund um die Stadt waren um 1900 viele der heutigen Ausflugsrestaurants gebaut worden. Die Gäste kamen nach ihren Kuraufenthalten in Vulpera oder Bad Ragaz zum «Nachkuren». Die Lokale waren aber auch bei Einheimischen beliebt; immer mehr Kleinbürger konnten sich einen Tagesausflug leisten.

Im früheren Hotel Fürst auf dem Uetliberg stiegen Prinzen, Barone oder Senatoren für eine Molkenkur ab. Das Sanatorium Lebendige Kraft von Maximilian Bircher-Benner heilte die Gäste mit Rohkost, die Kuranstalt Arche in Affoltern am Albis mit Luftbädern; eine Ansichtskarte von damals zeigt eine Gruppe Männer, die nur mit Unterhosen und Hut bekleidet und einem Spazierstock in der Hand posieren.Vor allem der Zürichberg war bei Erholungssuchenden beliebt. Um ihnen etwas zu bieten, legte der Verschönerungsverein Wanderwege an. Die Gäste waren noch auf bescheidene Art zu begeistern, wie die Werbung der «Luftkurhäuser» zeigt: Das Rigiblick empfahl die «prachtvollste Aussicht», das Sonnenberg gut unterhaltene Spazierwege und Ruhebänke, die Waid gute Stallungen für die Pferde. Und das Dolder Grand, das kürzlich für viel Geld einen 4000 Quadratmeter grossen Spa errichtet hat, warb damals noch schlicht mit «würziger Waldluft und nebelfreier Lage».

Erstellt: 22.08.2011, 13:55 Uhr

Die getesteten Ausflugrestaurants

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