Hunde mussten für einen Versuch mit Parasiten ihr Leben lassen

Tierversuchskritische Ärzte halten einen Versuch mit Beagles am Zürcher Tierspital für unnötig. Die Forscher und das Veterinäramt verteidigen den tödlichen Test.

Gesunde Beagles krank machen, um kranke Hunde wieder gesund machen zu können: Die Versuche am Zürcher Tierspital sind umstritten.

Gesunde Beagles krank machen, um kranke Hunde wieder gesund machen zu können: Die Versuche am Zürcher Tierspital sind umstritten. Bild: Keystone

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Sechs Beagle-Hunde sind nach Ansicht der «Ärzte für Tierschutz in der Medizin» unnötigen Versuchen am Zürcher Tierspital zum Opfer gefallen. Die Organisation verfolgt wissenschaftliche Publikationen zu Forschungen, die auf Tierversuchen beruhen, und publiziert fragwürdige Versuche auf ihrer Website. Nun kritisiert sie eine Testreihe am Institut für Parasitologie des Tierspitals Zürich. Dort wurden die Hunde mit Lungenwürmern künstlich infiziert, um die Symptome und Befunde der Erkrankung genau studieren zu können.

Mit weiteren Versuchen evaluierten die Forscher Bluttests für die Diagnostik der Erkrankung und mögliche Therapien. Lungenwürmer führen bei Hunden zu Atemproblemen, der Befall kann tödlich sein. Vier der sechs Versuchshunde wurden nach der Infektion mit Medikamenten behandelt, die übrigen zwei nicht. Dann wurden alle sechs Hunde getötet und untersucht, um die Schäden der Parasiten genauer abklären zu können.

«Ethisch nicht vertretbar»

Für Markus Deutsch, praktizierender Arzt in Hinwil und Vorstandsmitglied der rund 200-köpfigen Ärzteorganisation, war dieser Versuch unnötig. Bestimmt sei er nicht «unerlässlich» gewesen, wie es das Tierschutzgesetz eigentlich vorschreibe. Die Erkenntnisse würden zwar durchaus einen Nutzen für die Behandlung von Hunden bringen, die an Lungenwürmern erkrankten. Doch hätten sich diese auch durch das Studium von natürlich erkrankten Tieren gewinnen lassen, sagt Deutsch. Deshalb sei das Vorgehen «ethisch nicht vertretbar». «Wir hoffen, dass keine Versuche mehr bewilligt werden, bei denen Hunde als Krankheitsmodelle krank gemacht werden, wenn es natürlich erkrankte Patienten gibt, mit denen nahezu die gleichen Erkenntnisse zu gewinnen sind», sagt Deutsch.

«Mittels natürlich infizierter Hunde nicht zu erreichen»

Ganz anderer Meinung ist Veterinärprofessor Peter Deplazes, Leiter des Instituts für Parasitologie und verantwortlich für den Beagle-Lungenwurm-Versuch. In einer schriftlichen Replik an die Ärzteorganisation schreibt er, dass dieselben Erkenntnisse «mittels natürlich infizierter Hunde nicht erreicht werden können». Einerseits sei der Parasit gegenwärtig in der Schweiz nicht weit verbreitet. Anderseits sei bei natürlich infizierten Hunden der exakte Zeitpunkt der Infektion nicht eruierbar. Und schliesslich sei es auch nicht vertretbar, natürlich infizierte Hunde unbehandelt zu belassen, um den Verlauf der Erkrankung verfolgen zu können. Er hebt überdies hervor, dass die Hunde während der gesamten Versuchszeit nicht in Käfigen gehalten wurden, sondern in grossen Zwingern und in Gruppen mit der Möglichkeit, sich frei zu bewegen, zum Beispiel in Gebüschen und auf Hügeln. Die Haltung sei mehrmals durch Verhaltensexperten besichtigt und für gut befunden worden.

Deplazes verweist auch auf die Erfolge der bisherigen Lungenwurm-Forschungen am Tierspital. So sei es unter anderem gelungen, einen Test für die frühere Erkennung des Parasitenbefalls zu entwickeln. Und «wir haben beigetragen, dass nun ein Medikament zur Verfügung steht, das bei monatlicher Verabreichung jegliche klinische Erscheinung von Angiostrongolyse verhindert». Das könne «in Zukunft Hunderten von Hunden europaweit das Leben retten».

Auch das Amt gab grünes Licht

Dass die künstliche Infektion und spätere Tötung der Hunde ethisch vertretbar seien, fanden auch das kantonale Veterinäramt und die Tierversuchskommission. Die Prüfung des Gesuchs habe seinerzeit ergeben, «dass alle Bewilligungsvoraussetzungen – auch die Zulässigkeit aufgrund der Güterabwägung nach Artikel 19 Absatz 4 des Tierschutzgesetzes – erfüllt sind, sodass das Tierversuchsgesuch zu bewilligen war», hält das Veterinäramt dazu in einem Schreiben an die Ärzteorganisation fest. Inhaltlich mag das Amt nicht weiter auf den Versuch eingehen.

Für Markus Deutsch ist die Argumentation des Instituts und des Veterinäramts nicht überzeugend. Wenn es in der Schweiz nicht genügend natürlich infizierte Hunde gegeben habe und auch heute noch gebe, dann hätte man die Forschungen eben in jenen Ländern durchführen müssen, in denen die Infektion verbreitet sei. Alles, was man am Tierspital herausgefunden habe, hätte man auch mit Forschung an natürlich infizierten Hunden herausfinden können. «Ich habe selber einen Hund, der gefährdet ist, Parasiten aufzulesen, da er alles Mögliche frisst, was er nicht sollte. Ich bin aber bereit, das sehr kleine Risiko auf mich und meinen Hund zu nehmen, damit keine anderen Hunde mehr für das kleine Restrisiko meines Hundes ­geopfert werden müssen. Und ich bin überzeugt, dass die Mehrzahl der Hundehalter eine Forschung, die Hunde opfert, ebenfalls nicht unterstützt.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.11.2011, 07:43 Uhr

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