«Ich bin auch ein Basar»

Mit Taxifahrer Stefan Löble kann man verhandeln. Er bietet Gästen Pauschaltarife an, die nie höher sind als der Preis auf der Taxiuhr. Staus sind dann das Risiko des Fahrers.

Vereinbart mit seinen Kunden gerne einen Pauschaltarif: Taxifahrer Stefan Löble mit seinem Toyota-Hybrid beim Warten vor dem HB.

Vereinbart mit seinen Kunden gerne einen Pauschaltarif: Taxifahrer Stefan Löble mit seinem Toyota-Hybrid beim Warten vor dem HB. Bild: Reto Oeschger

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In südlichen Ländern steht der Tipp in jedem Fremdenführer: Nie in ein Taxi einsteigen, ohne vorher einen festen Preis abgemacht zu haben. In Zürich dagegen verfolgen die allermeisten Passagiere gottergeben das Ticken der Taxiuhr – und werden zappelig, wenn der Fahrer im Stau steckt oder einen Umweg fährt. Jede Minute kostet 1.15 Franken. «Allein am Milchbuck sind schnell mal zehn Franken weg», sagt der Zürcher Taxifahrer Stefan Löble (50).

Löble ist in seinen jungen Jahren, als er noch Geschichte und Politologie studierte, viel in südlichen und östlichen Ländern gereist. Er hat gelernt zu feilschen. «An einem Basar ist nichts Schlechtes dran», sagt er heute, «wenn man sich fair verhält und anständig bleibt.»

Einsprache gegen höhere Taxitarife

Den Entschluss, mit verhandelbaren Pauschaltarifen zu fahren, fasste Löble am 10. September, als der Zürcher Stadtrat die Höchsttarife auf 2015 hin um 30 Prozent anhob. «Da hats mir den Hut gelupft.» Die Einsprachefrist gegen den Stadtratsbeschluss läuft morgen Freitag ab. Robert Soos vom städtischen Polizeidepartement bestätigt, dass bisher mindestens eine Beschwerde eingegangen ist. «Wann der Taxitarif in Kraft treten wird, ist zurzeit unklar.»

Die Zürcher Tarife gehören schon heute weltweit zu den höchsten. Gleichzeitig mischt der neue US-Taxidienst Uber den Taximarkt auf. «Und wir sind mit über 1500 Taxis in der Stadt ohnehin zu viele», sagt Löble. «1200 würden reichen.» Doch der Zürcher Stadtrat widersetzt sich einer Kontingentierung aus polizeilichen Gründen – im Gegensatz etwa zu Winterthur, wo die Kontingentierung vom Gewerbe in Zusammenarbeit mit der Politik zustande kam und von den Stimmbürgern mit grosser Mehrheit angenommen wurde.

Lieber drei Fahrten als nur eine

Löbles Logik ist sehr einfach: «Ich verdiene lieber dreimal 10 Franken, statt einmal 20 oder gar nichts.» Sein Ziel: Die Zürcherinnen und Zürcher sollen wieder mehr Taxi fahren, gerade auch auf Kurzstrecken. Und sie sollen sich nicht von den Preisen abschrecken lassen. Den Slogan «Einfach – Pauschal» hat Löble gross auf Magnetplatten an seinem Toyota-Hybrid angebracht, samt den heutigen Maximaltarifen, die er – Stadtratsbeschluss hin oder her – keinesfalls erhöhen will.

Ein zumindest im Ansatz ähnliches Modell praktiziert die Zürcher Taxi-Zentrale 7x7. Auf der Website der Firma können Kunden zu Fixpreisen buchen. Dann sind sie ebenfalls gegen Umwege und Stau abgesichert. Der Nachteil dieses Modells: Die fixe Buchung ist nur am Computer möglich und nicht in direktem Gespräch mit dem Fahrer.

Kunden bevorzugen Pauschalpreise auch bei 7x7

7x7-Chef André Küttel sagt nach ein paar Monaten Erfahrung: «Die Pauschalpreisvariante wird ganz klar von den Kunden vorgezogen.» Von spontanen Pauschalpreisen und Feilschen beim Einsteigen hält Küttel weniger. Grundsätzlich könne man immer nach einem Pauschalpreis fragen. «Ein Thema ist dies im Normalfall aber nur, wenn es sich um längere Fahrten handelt und der Fahrbetrag eine dreistellige Summe ausmacht.» Die Fahrer seien sich zudem bewusst, dass Pauschalpreise bei Stau zu ihren Lasten gingen.

Ein paar Vergleiche: Löble verlangt zum Beispiel von Höngg zum Flughafen 40 Franken und vom HB nach Höngg 25 Franken. Bei 7x7 kosten die gleichen Fahrten gemäss Online-Angebot 61 oder 31 Franken. Löble ist also billiger. Je nach Situation kann man mit ihm auch verhandeln. «Wenn ich dem Kunden eine Fahrt für 35 Franken anbiete und dieser auf 30 drückt, willige ich meistens ein», sagt er. Weitere Strecken, die er nicht exakt im Kopf hat, rechnet er kurz auf Google Maps aus.

Die ersten Erfahrungen sind auch für Stefan Löble positiv. Vor allem Junge und Nachtschwärmer würden besonders auf die Pauschaltarife anspringen. Ein Risiko gehen die Kunden nicht ein. Die Taxiuhr läuft vorschriftsgemäss mit. Wenn der vereinbarte Betrag erreicht ist, muss die Uhr gestoppt und die Fahrt fortgesetzt werden. Und wenn die Uhr weniger anzeigt, dann bezahlen die Kunden den tieferen Preis von der Uhr.

Umstrittene Preiserhöhungen

Die nun angefochtene Erhöhung der Maximalpreise ist recht happig: Die Grundtaxe soll von 6 auf 8 Franken, die Fahrtaxe pro Kilometer von 3.80 auf 5 Franken und die Wartezeit von 69 Franken pro Stunde auf 79.80 erhöht werden. Das sind alles Maximalpreise, die nicht über-, aber sehr wohl unterschritten werden dürfen. Im schweizerischen Vergleich liegt Zürich heute im oberen Mittelfeld. Es gibt Städte mit höheren Tarifen, zum Beispiel Zug, Thun, Bern oder Baden. Allerdings ist die Konkurrenz in Zürich besonders gross. Und wird mit Uber noch grösser.

Heute verrechnen in Zürich die allermeisten Fahrer die Maximaltarife gemäss Taxiuhr. Die geplante Erhöhung ist in Zusammenarbeit mit der Zürcher Taxibranche entstanden. Doch Löble findet dies marktwirtschaftlich widersinnig. «Die Kunden verstehen das nicht.»

Die Konkurrenz wird spielen

Zumindest vonseiten des Taxiverbands sind keine Einsprachen eingegangen. Auch Löble gehört nicht zu den Einsprechern. «Wir hatten die neuen Tarife voll unterstützt, und auch die Taxikommission war einstimmig dafür», sagt Marianne Ben Salah, die Präsidentin des Taxiverbandes.

«Mit den festgelegten Höchstpreisen und der Anschreibepflicht aussen am Auto kann nun der Wettbewerb unter den Taxifahrern spielen», sagt Ben Salah. «Erfahrungsgemäss wird es kaum massive Preiserhöhungen geben», so die Taxipräsidentin. Sie beruft sich auf die Preise in anderen Städten, die keine Höchstpreise kennen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.10.2014, 11:25 Uhr

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