«Ich dachte, es sei ein schlechter Witz»

Nach der Kapitulation von Marinello wird klar: Der Druck im Detailhandel nimmt zu. Der Metzger Robert Reif vom Zürichberg sagt, wie er auf die Konkurrenz der Grossen reagiert.

«Weil ich nicht bis 20 Uhr geöffnet habe, konnte ich zwei Mitarbeiter von Grossverteilern abwerben», sagt Robert Reif (Verkaufssituation in der Metzgerei Reif).

«Weil ich nicht bis 20 Uhr geöffnet habe, konnte ich zwei Mitarbeiter von Grossverteilern abwerben», sagt Robert Reif (Verkaufssituation in der Metzgerei Reif). Bild: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie haben Sie reagiert, als Sie gehört haben, dass die Zürcher Ladenkette Marinello ihre fünf Lebensmittelläden an die Migros verkauft?
Es war ein Schock für mich. Zuerst habe ich gedacht: Das kann nicht sein, das ist ein schlechter Witz. Man verkauft doch nicht ein Geschäft mit einer solchen Tradition an die Migros. Aber vielleicht ist das der Lauf der Zeit.

Was heisst das?
Es wird für kleinere Läden, die nicht über eine bestimmte Grösse und ein bestimmtes Sortiment verfügen, immer schwieriger, sich zu behaupten. Als Comestibles braucht es jeden Tag über 100 Prozent Einsatz und eine grosse Portion Leidenschaft für den Beruf. Auf mich bezogen heisst das: Ich bin um halb sechs Uhr früh im Büro und mein Tag endet selten vor 19 Uhr abends. Aber ich mache das gerne, das gehört für mich zu meinem Beruf dazu.

Der Verdrängungskampf im Detailhandel wird brutaler. Wie spüren Sie das?
Bei uns ist dies zum Glück weniger der Fall, das Geschäft läuft gut, weil wir auf eine Stammkundschaft zählen können, die wir in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut haben. Aber einen gewissen Konkurrenzdruck spüre auch ich. Und wenn im Quartier wieder ein kleiner Laden schliesst, lässt mich das keineswegs kalt.

Wenn ein Jungunternehmer an Ihrem Standort an der Zürichbergstrasse ein Geschäft neu gründen würde …
… hätte er im heutigen Umfeld kaum mehr eine Chance, weil rund um uns herum alle Geschäfte über kurz oder lang geschlossen wurden und er bei null beginnen müsste.

In diesen Tagen hört man wieder oft den Begriff Lädelisterben. Ist das übertrieben oder sieht es wirklich so schlimm aus?
Das Sterben der kleinen Läden ist keinesfalls übertrieben und es könnte durchaus noch schlimmer werden. Ich will ein Beispiel erzählen, an dem man das Lädelisterben besser nachvollziehen kann: Mein Grossvater eröffnete 1931 sein Geschäft, später zog er an die Zürichbergstrasse. Und ich erinnere mich noch gut, was es damals alles ausser uns gab: Bäcker-, Milch-, Gemüse- und Käseladen. Mittlerweile haben rund um uns herum alle ihre Türen schliessen müssen, weil diese sich nicht rechtzeitig angepasst haben oder einen Nachfolger gesucht haben.

Ihr Laden hat bis jetzt überlebt. Weshalb?
Wann immer ein anderes Geschäft in der Nähe schloss, haben wir unser Angebot konsequent aufgestockt und erweitert. Wichtig ist bei kleineren Betrieben der Teamgedanke: Als ich ein Kind war, lebte unsere Familie, bis hin zu den Grosseltern, mit den Mitarbeitern unter einem Dach. Das schweisst extrem zusammen.

Welches ist denn im heutigen Detailhandel das Hauptproblem?
Der Standort. Wenn dieser nicht stimmt und die Laufkundschaft fehlt, dann kann das Angebot noch so toll sein, der Laden wird nicht rentieren. Keine Chance, ein solches Geschäft muss gar nicht erst eröffnen.

Die Grossen dehnen ihre Ladenöffnungszeiten vor allem gegen Abend immer mehr aus. Können Sie da noch mithalten?
Das ist ein Riesenproblem. Auch unser Geschäft ist mittlerweile 12 Stunden pro Tag geöffnet. Am Samstag ist aber um 15 Uhr Ladenschluss. Das schätzen meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, weil sie froh sind, am Wochenende irgendwo anders nicht bis 20 Uhr oder länger arbeiten zu müssen. Genau aus diesem Grund konnte ich zwei Mitarbeiter von Grossverteilern abwerben.

Hat sich die Kundschaft verändert?
Komplett. Früher kam Frau Müller jeden Samstag um 7.15 Uhr in meinen Laden. Diese Zeiten sind schon länger vorbei. Die heutige Kundschaft ist in ihrem Einkaufsverhalten viel schwieriger einzuschätzen. Heute ist es vielfach so: Frau Müller geht am Montag zum Coop, am Mittwoch postet sie in der Migros und am Wochenende kauft sie bei mir ein.

Wie überlebt man aus Ihrer Sicht als kleiner Lebensmittelverkäufer?
Das A und O ist, wie schon gesagt, der ausgezeichnete Standort, dazu kommt gute Qualität, kompetente Beratung und Freundlichkeit gegenüber der Kundschaft. Zudem muss das Sortiment eine gewisse Grösse und Breite haben. Das heisst nicht, dass man alles anbieten muss, aber der Kunde muss die wichtigsten Zutaten für sein Abendessen in einem Laden finden. Denn es ist klar: Nur wegen zwei Pouletbrüstchen kommt niemand zu mir einkaufen.

Werden noch mehr kleinere Läden aufgeben?
Ich bin kein Prophet, aber überzeugt, dass die grosse Bereinigung bereits in den vergangenen Jahren stattgefunden hat. Es gibt immer wieder Ausnahmen oder Überraschungen, wie jetzt das Beispiel Marinello zeigt, aber diejenigen Comestibles, die in Zürich noch existieren, werden nicht so schnell aus dem Stadtbild verschwinden.

Erstellt: 16.02.2015, 11:38 Uhr

Robert Reif, Mitinhaber der Metzgerei Reif. (Bild: PD)

Artikel zum Thema

Marinello verschwindet

Luciano Marinello verkauft seine Zürcher Lebensmittelläden an die Migros. Sie sollen unter neuem Namen weiterbestehen. Auch für die 75 Angestellten sei gesorgt. Mehr...

«Traditioneller Detailhandel und Onlinekanal verschmelzen»

Interview Laut Detailhandelsexperte Martin Hotz sind die stationären Händler durch die schier unbegrenzten Informationen zu Produkten stark gefordert. Er erklärt, wie sie darauf reagieren und welche Probleme sich dabei stellen. Mehr...

Das sind die Supermärkte der Zukunft

Der Detailhandel mit Lebensmitteln ist im Umbruch, neue Ladenkonzepte sollen den Einkauf zum Erlebnis machen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Grosszügig: Ein Mann in Istanbul füttert Möwen mit Fisch. (22. November 2019)
(Bild: Sedat Suna) Mehr...