«Ich mache alles, wenn der Preis stimmt»

Kinder hüten, Arien singen oder sexuelle Gefälligkeiten: Der Zürcher Daniel Hellmann erfüllt in seinem Zelt sämtliche Wünsche.

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Mit dem Projekt «Full Service» erfüllen Sie Passanten «jeden Wunsch» – sofern der Preis stimmt. Wie kamen Sie auf diese Idee?
Ich arbeite zurzeit an einem Theaterstück über männliche Prostitution. Dabei kam mir die Idee, den Service-Gedanken noch etwas auszuweiten. Ich will wissen, was geschieht, wenn ich Passanten sämtliche Dienstleistungen anbiete. Egal ob künstlerische, spirituelle, intellektuelle oder sexuelle – ich mache alles, wenn der Preis und die Bedingungen stimmen.

Wo sind Ihre Grenzen?
Es sind weniger die unmoralischen, sondern die respektlosen Wünsche, die ich ablehne. Eine Frau bat mich kürzlich, sie heimzufahren. Für die stündige Fahrt bot sie mir lediglich fünf Franken. Solchen Leuten mache ich schnell klar, dass ich nicht interessiert bin.

Sie hatten Auftritte in den USA und Europa. Andere Länder, andere Kundenwünsche?
Es kommt weniger auf den Ort als auf die Art der Inszenierung an. Wenn ich mich unter Partygäste in New York mische, ist die Stimmung grundsätzlich hemmungsloser, als wenn ich mein Zelt irgendwo auf der Strasse in Bellinzona aufschlage. Doch gerade diese unangekündigten Auftritte bringen oftmals intensivere Begegnungen.

Ein Beispiel?
Im Tessin wünschte sich eine ältere Frau, mal wieder geliebt zu werden. Dafür hatte ich zehn Minuten Zeit.

Und taten was?
Es war recht simpel: Als sie ins Zelt kam, unterhielten wir uns und kuschelten danach für einige Minuten. Am Ende war sie offenbar zufrieden. Ich gehe intuitiv vor. Weil jeder Mensch wieder andere Bedürfnisse hat, versuche ich möglichst authentisch und offen zu sein.

Was wünschen sich Ihre Kunden sonst noch?
Eine schwangere Frau bat mich, ein Video für ihre Eltern aufzunehmen. Ich sollte ihnen singend erklären, dass sie bald Grosseltern sind. Eine andere Frau wollte, dass ich Dämonen vertreibe, die sie an der Weiterarbeit ihrer Doktorarbeit hinderten. Im Tessin bezahlte mir ein Paar 22 Franken zum Dreierknutschen und einmal zog ich mich nackt aus und simulierte einen Sexualakt – vergleichbar mit dem Spielen einer Luftgitarre.

Kam es bei «Full Service» schon zum Geschlechtsverkehr?
Nein, aber zum Austausch erotischer Gefälligkeiten.

Hatten Sie schon Skrupel, einen Wunsch zu erfüllen, und es trotzdem getan?
An einem Tessiner Musikfestival bat mich ein unerfahrener Sänger, seine Nervosität zu lindern. Er bezahlte mir rund 10 Franken, damit ich ihm ein paar Übungen zeigte. Während seines Auftritts verlangte ein anderer Mann, dass ich den Sänger von der Bühne hole, weil ihm die Darbietung nicht gefiel. Ich zögerte erst, nahm dann aber die 20 Franken an und ging auf die Bühne.

Und?
Sänger, Zuschauer und Organisatoren waren verwirrt, als ich auf den Sänger einredete. Der Festivaldirektor bat mich, die Bühne zu verlassen und den Auftritt nicht zu stören. Dafür bezahlte er mir aber erst 40 Franken.

Möchten Sie in erster Linie Geld verdienen oder handelt es sich um ein Kunstprojekt?
«Full-Service» ist kein Business-Modell: Bei sieben Auftritten sind bisher knapp 1000 Euro zusammengekommen. Es ist aber auch nicht wirklich ein Kunstprojekt, sondern eher ein künstlerisches Experiment. Mich interessiert, für was die Leute bereit sind, Geld auszugeben. Dafür kapitalisiere ich sämtliche meiner Dienstleistungen: eine Opernarie vorsingen, Haare schneiden, Striptease, Kinder hüten oder das Leben einer Person nach Wahl zerstören. Die Fragen dabei sind: Wozu bin ich als Performer bereit, wozu die Teilnehmer? Wer hat wie viel Geld und wie viel Macht? Mich interessiert, wie und weshalb unsere Gesellschaft den Wert einzelner Dienstleistungen festlegt.

Gibt es eine Dienstleistung, deren Beliebtheit Sie überrascht?
Erstaunlich viele Kunden haben spirituelle Wünsche oder ein Verlangen nach Menschlichkeit. Sie wollen, dass ich Tarot-Karten lege oder Wahrsagerei betreibe. Einige suchen einfach nur einen Gesprächspartner. Ich spüre eine Sehnsucht nach Antworten, die mich zunächst überraschte. Andererseits zeigt auch das Internet: Spiritualität ist nach der Pornografie eines der lukrativsten Geschäfte.

Heute und morgen ab 19 Uhr steht Daniel Hellmann mit seinem «Full-Service»-Zelt auf dem Vorplatz des Theaters Gessnerallee.

Erstellt: 30.01.2015, 13:02 Uhr

Zur Person

Daniel Hellmann (29) ist Sänger, Performer, Tanz- und Theaterschaffender und lebt in Zürich und Berlin. Er begann seine Karriere als Knabensopran-Solist der Zürcher Sängerknaben, spielte in seiner Jugend viel Theater und besuchte Kurse in Ausdruckstanz für Kinder.

Später studierte er Philosophie an der Universität Zürich, klassischen Gesang an der Hochschule für Musik Lausanne und Theater und Performative Künste an der Hochschule der Künste Bern. Er ist Gründer der 3art3 Company, die transdisziplinäre Theaterproduktionen auf die Beine stellt.

Zurzeit tourt Hellmann mit seinem Musiktheater «Nach Lampedusa – Wandererfantasien» und dem Projekt «Full Service». Mehr Informationen auf der offiziellen Website.

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