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«Ich mache noch einen Freier, dann komme ich zurück ins Hotel»

Zwei Frauen schaffen auf dem Zürcher Drogenstrich an. Die 20-jährige Deutsche und die 36-jährige Schweizerin steigen in ein Auto – und sind seither spurlos verschwunden. Die Polizei vermutet Kapitalverbrechen.

Die 36-jährige Heidi K. wurde zuletzt gesehen, wie sie am Sihlquai unterhalb der Kornhausbrücke in den hellen Wagen eines Freiers stieg. (Foto: Dominique Meienberg)

Die 36-jährige Heidi K. wurde zuletzt gesehen, wie sie am Sihlquai unterhalb der Kornhausbrücke in den hellen Wagen eines Freiers stieg. (Foto: Dominique Meienberg)

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Angela Y. steht im weissen Minirock, weissem Spaghetti-Top und hohen Sandaletten am dunklen Sihlquai. Die vorbeifahrenden Autos bremsen ab und fahren langsam an ihr vorbei. «Ich mache noch einen Freier, dann komme ich ins Hotel zurück», simst sie am 29. Juli 2007 nachts um 3.26 Uhr ihrem Verlobten. Die 20-jährige Deutsche, die sich auf dem Strich Celina nennt, hält ihn per SMS stets auf dem Laufenden – zu ihrer Sicherheit. Wenige Minuten später hält eine schwarze Limousine bei der zierlichen Frau an. Sie steigt ein. Das Auto fährt Richtung Hauptbahnhof. Seither ist Angela Y. spurlos verschwunden.

Eine Woche zuvor am 21. Juli ist Angela mit ihrem türkischen Verlobten, ihrer besten Freundin und deren Partner von einem Vorort von Köln nach Zürich gereist. Die vier jungen Leute steigen in einer Pension an der Schützengasse beim Hauptbahnhof ab. Ziel der Reise: Die beiden Freundinnen wollen auf dem Zürcher Strassenstrich schnell viel Geld verdienen. Sie kennen das Geschäft: Sie haben schon früher am Sihlquai angeschafft. «Freiwillig», wie ein deutscher Polizeisprecher sagte.

Verlobter alarmiert Polizei

Als Angela auch am nächsten Morgen nicht ins Hotel zurückgekehrt ist, alarmiert ihr Verlobter die Polizei. Er ist sicher, dass Angela entführt worden ist, und er glaubt zu wissen, wer in der schwarzen Limousine sass: «Ein Italiener und zwei Rumänen haben an diesem Tag in einem schwarzen Mercedes am Sihlquai ihre Runden gedreht. Sie haben Angela angesprochen. Sie ist kurz ins Auto ein-, dann aber gleich wieder ausgestiegen», zitiert der «Kölner StadtAnzeiger» den Freund von Angela.

Angela sei naiv gewesen. «Sie hat nie daran geglaubt, dass ihr etwas passieren könnte. Sie glaubte immer an das Gute im Menschen, selbst nach ihren Erfahrungen auf dem Strich», sagt ihr Verlobter. Auch ihre beste Freundin glaubt, dass Angela verschleppt worden ist. «Von anderen Kolleginnen aus Zürich weiss ich, dass der Italiener oft am Sihlquai gesehen wurde. Seit Angela weg ist, ist auch er verschwunden.»

Die Kantonspolizei Zürich veröffentlicht am 1. August 2007 eine Vermisstmeldung. Sie überprüft rund ein Dutzend Männer: Freier und aktenkundige Sexualstraftäter. Die Hausdurchsuchungen und die DNA-Analysen bei den Verdächtigen führen zu nichts. Nirgends sind Spuren von ihr zu finden. Auch die rückwirkenden Telefonkontrollen bringen die Polizei nicht weiter. Das Handy der Vermissten kann die Polizei nicht mehr orten, zu schwach sind die Signaltöne. Die Polizei überprüft, ob Angela Y. Geld von ihrem Bankkonto abgehoben oder ob sie sich mit der Krankenversicherungskarte in einem Spital angemeldet hat. Doch Angela Y. hat kein Geld bezogen, die junge Frau ist demzufolge nicht von sich aus untergetaucht.

Privatdetektiv suchte nach ihr

Angelas Verlobter und ihre beste Freundin geben nicht auf. Sie sind weiterhin überzeugt: «Angela lebt.» Sie kratzen Geld zusammen und engagieren einen durchs Fernsehen bekannt gewordenen polnischen Detektiv. Dieser sucht mit Fahndungsfoto in den Zürcher Stadtkreisen 4 und 5, aber auch in Italien nach der Vermissten. Der Freund ruft zudem mehrere Wahrsager an – ohne Erfolg. Dass Angela Y. in die Drogenszene abgerutscht sein könnte, schliesst ihre beste Freundin aus. «Angela ist drogenfrei und trinkt keinen Alkohol.»

Über ein halbes Jahr später wird der Fall der vermissten Prostituierten in der Fernsehsendung «Aktenzeichen XY… ungelöst» zum Thema gemacht. Doch auch die TV-Sendung vom 20. Februar 2008 und eine Belohnung von 5000 Franken bringen die Suche nach der Deutschen nicht voran, obwohl nach der Sendung 14 Hinweise bei der Polizei eingegangen sind. Darunter ein Anrufer, der sagte, dass er die Vermisste noch im November 2007 im Raum Dortmund gesehen habe.

Ein Nachbar beschreibt Angela Y. als nett und freundlich. Sie lebte mit ihrem Freund sehr zurückgezogen in einem Mehrfamilienhaus. Der Nachbar wäre nie auf die Idee gekommen, dass die 20-Jährige in einem Bordell arbeitete oder auf den Strich ging. Das habe er erst nach ihrem Verschwinden durch die Presse erfahren. Sie habe auch nie Freier in der Wohnung bedient. Angela und ihr 26-jähriger Freund hätten aber immer wieder Besuch von Leuten «mit dicken Wagen» gehabt. Anderen Nachbarn ist aufgefallen, dass Angela die Wohnung oft erst am Nachmittag verliess und sehr spät, meist gegen 3 oder 4 Uhr nachts, nach Hause zurückkehrte.

Angela Y. stammt aus ganz normalen Familienverhältnissen, ihre Ausbildung hat sie abgebrochen. Im Februar 2005, damals noch als 17-Jährige, vermittelte sie ein 25-jähriger Mann an ein Bordell in eine Vorortsgemeinde von Köln, später verkaufte sie ihren Körper auf dem Strassenstrich. Ein Gericht verurteilte den Zuhälter wegen Anstiftung zur Prostitution von Minderjährigen, Menschenhandel und Zuhälterei zu einem Jahr und neun Monaten Haft. An der Gerichtsverhandlung beteuerte Angelas Anwältin, dass ihre Mandantin inzwischen in einer neuen Beziehung lebe und mit der Vergangenheit abschliessen wolle. Den Absprung aus dem Sexmilieu hat sie offensichtlich nicht geschafft.

Angela Y. ist nicht die einzige Frau, die nicht mehr vom berüchtigten Strassenstrich zurückgekehrt ist. Bereits drei Jahre zuvor verschwand dort eine andere Frau: die 36-jährige Heidi K.

Wie fast jede Nacht steht die drogensüchtige Frau am 9. Juni 2004 am Sihlquai unterhalb der Kornhausbrücke. Sie hat an diesem Abend noch keinen Freier bedient und braucht dringend Geld für Stoff. Gegen 1.30 Uhr hält ein heller Personenwagen vor der schlanken, kleinen Frau. Heidi K. steigt ein – und ist seither nie wieder gesehen worden.

Am Vorabend hat Heidi K. noch ihr Methadon bei einer Kontakt- und Anlaufstelle abgeholt. Als sie am Morgen des 9. Juni nicht zur erneuten Methadonabgabe erscheint, schlägt ihre Betreuerin Alarm. Die Drogensüchtige hatte noch keine Methadon-Abgabe verpasst, sie war morgens und abends stets pünktlich bei der Anlaufstelle erschienen, denn nur mit dem HeroinErsatzstoff konnte sie funktionieren.

Die Polizei überprüft über 15 potenzielle Täter, bekannte Sexualstraftäter und Freier. Notizblöcke mit Kontakten und Bankbelege von Heidi K. führen die Polizei zu ihnen. Doch bei den potenziellen Tätern findet die Polizei keine DNASpuren der 36-Jährigen. Da sie sich möglicherweise in Polen, Deutschland und Österreich aufgehalten hat, informieren die Ermittler auch die dortigen Polizeistellen über die Vermisste.

Ein anderer Fall wurde gelöst

Es drängen sich Parallelen zu einem dritten Sihlquai-Fall auf: dem Mordfall I. H. vom Sommer 2003. Die Leiche der damals 39-jährigen I. H. fand die Polizei aber erst am 29. Juni 2004 nach umfangreichen Ermittlungen auf dem Gelände eines 45-jährigen Bauern in der Gemeinde Hirzel. Der Mann gab zu, die Frau auf dem Drogenstrich angesprochen und später getötet zu haben. I. H. war wie Heidi K. seit Jahren drogensüchtig. Beide verkehrten auf dem Drogenstrich am Sihlquai. Beide verschwanden spurlos. Dass der Mörder von I. H. auch Heidi K. auf dem Gewissen hat, dafür gibt es aber keine Hinweise.

Heidi K. war eine jener Süchtigen, wie es bis vor wenigen Jahren viele gab am Sihlquai. Sie hatte eine lange Drogenkarriere hinter sich und schaffte auf dem Strich an, um sich den Stoff besorgen zu können. Sie war IV-Rentnerin, lebte allein und hatte kein Zuhause mehr. Heidi K. hauste in Notschlafstellen, übernachtete bei Freiern und war ständig unterwegs. Im Wohnhaus Blümlisalp im EngeQuartier hatte sie die letzten Monate vor ihrem Verschwinden ein eigenes Zimmer in einer betreuten Wohnung der Zürcher Aids-Projekte ZAP. Erst hatte sie Mühe, sich auf die Gross-WG mit anderen einzulassen, doch dann nahm auch sie teil an Haussitzungen, brunchte mit den anderen Bewohnern und übernahm Ämtli im Alltag.

Heidi K. war gesundheitlich schwer angeschlagen. Jede Nacht anschaffen zu müssen, machte sie fertig, aber sie sah keinen anderen Weg, ihre Sucht zu finanzieren. Im Wohnhaus Blümlisalp betreuten Fachleute die psychisch und physisch angeschlagenen Bewohner. Sie habe eine liebenswürdige Seite gehabt, erinnert sich eine der Betreuerinnen. Über ihr Privatleben habe sie kaum gesprochen, sie sei ruhig und zurückhaltend gewesen und habe eine kindliche Ausstrahlung gehabt, sagte damals eine Kollegin vom Sihlquai.

Die Leichen der beiden verschwundenen Frauen sind auch nach vielen Jahren nicht gefunden worden – alles deutet auf ein Gewaltverbrechen hin.

Hinweise nimmt die Kantonspolizei Zürich (044 247 22 11) entgegen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.12.2012, 12:45 Uhr

Angela Y.: Die 20-Jährige stammte aus Deutschland und wollte am Sihlquai für kurze Zeit anschaffen.

Heidi K.: Die schwer drogensüchtige 36-Jährige arbeitete jahrelang auf dem Zürcher Drogenstrich.

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