Interview

«Ich trete 2014 wieder an»

Mutlos? Übervorsichtig? Medienscheu? Die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch will sich nicht mit Schlagzeilen ins Rampenlicht rücken. Sie sieht sich als Teamplayerin in einem Gremium.

«Wir haben keinen Zauberstab, mit dem wir unsere Träume verwirklichen können»: Corine Mauch.

«Wir haben keinen Zauberstab, mit dem wir unsere Träume verwirklichen können»: Corine Mauch. Bild: Dominique Meienberg

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Am 1. Mai sind Sie drei Jahre Stadtpräsidentin von Zürich. Wie kommen Sie mit der hohen Arbeitsbelastung zurande?
Ich habe einen spannenden Job. Wenn die Arbeit Spass macht und man sich damit identifiziert, spürt man die Grenzen der hohen Beanspruchung gar nicht.

Sie bereuen also nicht mehr jeden Tag, Stadtpräsidentin geworden zu sein, wie Sie das einmal an einem Talk sagten?
Im Gegenteil. Ach, was ich damals in dieser lockeren Gesprächsrunde zum Besten gab, das war ein ironischer Spruch, um nicht zu sagen ein Witz.

Es war von einer 90-Stunden-Woche die Rede.
Die Agenda ist immer voll. Ich zähle die Stunden längst nicht mehr. Das hatte ich getan, weil ich beim Amtsantritt nicht glauben konnte, dass es so ist.

Ihr Vorgänger Elmar Ledergerber hatte mit Gehörstürzen zu kämpfen, Sepp Estermann litt unter einer Allergie. Wie schlägt bei Ihnen das Amt auf die Gesundheit?
Es geht mir sehr gut, ich fühle mich völlig fit.

Bei so viel Freude steht demnach in zwei Jahren einer weiteren Kandidatur nichts im Wege.
Richtig. Ich trete 2014 wieder an.

Wie gross ist die Angst vor möglichen Konkurrenten, etwa vor der FDP-Frau Doris Fiala, die – anders als Sie – das Rampenlicht nachgerade sucht? Ich werde mich – welcher Konkurrenz auch immer – gerne und mit vollem Engagement stellen.

Wie hat sich Zürich verändert, seit Sie an der Macht sind?
In einem Zeithorizont von drei Jahren kann ja keine grosse Revolution sichtbar werden. In meiner Verantwortung liegt zum Beispiel die Kulturförderung, und Zürich hat sich in meiner Zeit als herausragende Kulturstadt gefestigt, auch im internationalen Vergleich; der Kunstbetrieb auf dem Löwenbräuareal öffnet demnächst, die Kreativschaffenden haben an Gewicht gewonnen. Mich freut auch, dass es uns gelungen ist, das Schauspielhaus im Schiffbau von den finanziellen Belastungen zu befreien.

Wie aber merkt der Büezer, der nicht ein fleissiger Theatergänger ist, dass eine SP-Frau Zürich regiert?
Ich war letzthin mit dem Velo Richtung Albisrieden unterwegs. Da winkte mir ein Mann der ERZ-Putzequipe zu. Als wir dann die Neubürgerfeier hatten, kam er auf mich zu und sagte: Ich bin kürzlich eingebürgert worden. Er hat Kinder, die musizieren. Wir können sie finanziell unterstützen, weil wir die freien Kredite für Kulturförderung erhöhen konnten.

Und wie werden Sie vom Autofahrer wahrgenommen?
Es hat schon mal einen gegeben, der ausrief, als er mich auf dem Fahrrad sah und nicht sogleich überholen konnte.

Als Stadtpräsidentin sind Sie Kulturministerin. Die Rolle scheint Ihnen zu gefallen. In politischen Debatten erheben Sie kaum die Stimme. Weshalb sieht man Sie praktisch nie in der «Arena» oder im «SonnTalk»?
Ich schalte mich dort ein, wo es für Zürich wichtig ist, dass die Stadtpräsidentin selbst auftritt.

Wirklich? Vor der Abstimmung über die Sexboxen haben Sie geschwiegen. Frauen haben erwartet, dass die Stadtpräsidentin sich in dieser Frage äussert.
Bei Themen, in denen andere Departemente federführend sind, will ich mich nicht in den Vordergrund drängen. Ich repräsentiere die Stadt in einem Kollegialgremium, ich regiere nicht allein. Ich verbringe den Tag nicht auf der Bühne, umgeben von Fotografen.

Aber über die Medien könnten Sie wichtige Debatten lostreten.
Ich behaupte ja nicht, dass dies nie Sinn macht. Themen so zu lancieren, ist aber nicht immer der richtige Weg. Ich will keine Schlagzeilen-Produzentin sein und als Einzelmaske politisieren. Ich will Ergebnisse erzielen.

Für Schlagzeilen sorgt Ihre Partei, die SP. Das neue Migrationspapier schürt Ressentiments gegen Eliteausländer und fordert höhere Steuern für Firmen, die zuziehen.
Zürich ist kein Standort, der mit tiefen Steuern Firmen anlockt. Die grossen Städte haben schon immer von der Zuwanderung gelebt, von Leuten, die neue Ideen hineintragen und das urbane Umfeld mitgestalten.

Das heisst: Sie denken nicht daran, irgendwann einmal die Zuwanderung zu begrenzen?
Schauen Sie Zürich aus der Vogelperspektive an: Das Leben spielt sich längst nicht mehr entlang der Gemeindegrenzen ab. Im Jahre 1960 wohnten in Zürich 40'000 Menschen mehr als heute. Es gibt hier noch Raum. Ich bin nicht der Meinung, die Zuwanderung sei generell zu begrenzen, aber wir müssen sie wachsam begleiten.

Wie wird Zürich in zwanzig Jahren aussehen?
Ich will, dass wir auch dann unser gutes Zusammenleben und die hohe Lebensqualität beibehalten können und auch die Eigenständigkeit der Quartiere: Da ist Zürich West mit den Hochhäusern und dem Bauboom, auf der anderen Seite die Altstadt mit ihrem Charme; auch der Kreis 6, Schwamendingen, Wollishofen und das Seefeld haben ihren speziellen Charakter.

Wie lässt sich der Lebensstandard auf hohem Niveau halten, wenn jeder Einwohner bis spätestens 2050 lediglich noch 2000 Watt im Jahr verbrauchen darf?
Wir befassen uns Tag für Tag mit der Thematik der 2000-Watt-Gesellschaft. Zahlreiche Leute in der Verwaltung arbeiten daran, dass die Stadt Zürich bis 2050 das vom Stimmvolk vorgegebene Ziel erreichen kann; jährlich werden rund 350 Massnahmen umgesetzt.

Die Leute merken davon nicht viel.
Ich geben Ihnen Recht, es gibt noch Verbesserungspotenzial bei der Kommunikation. Die Zürcher Bevölkerung soll künftig besser darüber informiert werden, was die Stadt tut, um die 2000-Watt-Gesellschaft zu realisieren. Und worauf es bei der Umsetzung ankommt. Das Bewusstsein muss geschärft werden.

Während Sie dies tun, fordern Nachhaltigkeitsexperten und Ethiker die 1000-Watt-Gesellschaft. Was halten Sie von dieser Vision?
Es braucht Visionen, um vorwärtszukommen. Die Debatte, die Ihre Zeitung zur 1000-Watt-Gesellschaft lanciert hat, trägt für mich jedoch Züge einer Phantomdiskussion. Ob wir 2050 eine 1000- oder 2000-Watt-Gesellschaft sind – darüber könnten wir nun stundenlang diskutieren. Diese Energie investieren wir jetzt gescheiter in die Umsetzung der 2000-Watt-Gesellschaft.

Aber die 1000-Watt-Visionäre werfen eine wichtige Frage auf, welche Politiker meiden: Werden die Zürcher lernen müssen zu verzichten?
Mit neuen Technologien und noch mehr Effizienz wird es in einer 2000-Watt-Gesellschaft möglich sein, den Lebensstandard von heute in etwa zu halten. Wir haben 30 bis 40 Jahre verloren, weil wir zu lange zugewartet haben, um die Energiewende in Angriff zu nehmen. Grund dafür war nicht zuletzt die Drohkulisse, welche die Gegner dieser Wende aufgebaut haben und die keineswegs der Wirklichkeit entspricht: Sie haben suggeriert, man müsse wieder in Höhlen wohnen und bei Kerzenlicht essen, wenn man ohne Atomstrom auskommen soll. Das hat uns auf Abwege geführt. Es ist falsch, den Leuten Angst zu machen und ihnen das Gefühl zu geben, sie könnten künftig etwas nicht mehr tun, was ihnen besonders lieb ist.

Anders als die Politiker sind die 1000-Watt-Visionäre nur ehrlich, wenn sie eine neue Verzichtskultur fordern.
Die Gegenüberstellung der 1000- und 2000-Watt-Gesellschaft wirkt auf mich künstlich. Wir machen uns nun auf einen langen Weg – einen Marathonlauf. Bis 2050 sind es noch 38 Jahre. Wir wissen nicht, welche Technologien uns beispielsweise in 20 Jahren zur Verfügung stehen werden. Unser Lebensstil wird sich verändern. Das tat er auch in den letzten 20 Jahren. Darum ist die Diskussion darüber theoretisch. Entscheidend ist, dass wir uns jetzt auf den Weg machen. Dann bin ich überzeugt: Wir werden im Ziel ankommen.

Wie sind Sie dahin unterwegs?
Ich habe über die Ostertage unsere Hausstatistik analysiert. Anfang der 90er-Jahre haben wir damit begonnen, das Haus energetisch zu verbessern, haben unter anderem eine verbrauchsabhängige Heizkostenabrechnung eingeführt, das Dach isoliert und Solarkollektoren installiert. Dank solcher Massnahmen konnten wir den Energieverbrauch für Heizung und Warmwasser nahezu halbieren. Das sind alles kleine Schritte, doch wir müssen sie zwingend machen. Sie zeigen in der Summe viel Wirkung.

Worauf verzichten Sie persönlich?
Zum Beispiel darauf, mit dem Flugzeug nach London zu fliegen. Ich nehme den Zug, geniesse die Reise. Ich habe kein Auto, bin Mobility-Mitglied. Zu Hause trage ich im Winter einen Pulli und nicht ein sommerliches T-Shirt, so lässt sich die Raumtemperatur reduzieren.

Sie sprechen von einem Marathon. Mindestens beim Atomausstieg könnte der Stadtrat einen Spurt hinlegen.
Der Stadtrat will so schnell wie möglich aus der Atomenergie aussteigen.

Das stimmt nicht. Das Parlament hat kürzlich gegen Ihren Willen den Ausstieg bereits auf 2034 festgesetzt. Warum bremst der Stadtrat?
Der Ausstieg ist beschlossene Sache. Erfolgt er zu schnell, ist er nicht finanzierbar. Wir müssen uns schrittweise aus der Abhängigkeit von Atomstrom lösen, in die wir uns hineinbegeben haben. Wir dürfen uns auch nichts vormachen: Wenn wir vorzeitig aussteigen, laufen die Atomkraftwerke weiter – auch ohne Zürcher Beteiligung. Die Stadt Zürich verlöre mit ihren Beteiligungen auch ihre Einflussmöglichkeiten.

So viel Einfluss hat die Stadt dort offenbar nicht. Sonst wären die AKW längst abgestellt.
Wir haben keinen Zauberstab, mit dem wir unsere Träume verwirklichen können.

Auch bei anderen Kernfragen agiert der Stadtrat mutlos. So lehnte er die Städteinitiative ab, welche den Autoverkehr um rund ein Drittel reduzieren will.
Wir richten uns nach dem, was sich realistischerweise umsetzen lässt, wir sind nicht mutlos.

Doch. Macht das rot-grüne Parlament einen progressiven Vorschlag, tritt der rot-grüne Stadtrat auf die Bremse.
Das Parlament hat eine andere Rolle als der Stadtrat. Es will immer einen Schritt voraus sein, ist aber nicht für die Umsetzung verantwortlich und setzt deshalb Druck auf. Wir müssen uns am Machbaren orientieren. Das Ziel der Städteinitiative lehnen wir nicht ab, wir haben lediglich den ehrgeizigen Fahrplan infrage gestellt. Nun, nach dem Volksentscheid, setzen wir unser Möglichstes daran, das Ziel binnen zehn Jahren zu erreichen.

Man hat vom derzeitigen Gremium den Eindruck, dass es aus eigenem Antrieb nichts wagt. Woher diese Angst vor der eigenen Courage?
Wir haben keine Angst. Der Stadtrat treibt wichtige Zukunftsprojekte engagiert voran. Wir wollen konkrete Ergebnisse erzielen und haben auch solche vorzuweisen. Zürich hat den CO2 um 10 Prozent gesenkt. Die Schweiz insgesamt nur um 1,5 Prozent. Ich bin überzeugt, dass die Rolle der Städte für die Bewältigung der globalen Herausforderungen entscheidend sein wird.

Bei der Umsetzung der Städteinitiative sind Sie auf den bürgerlichen Regierungsrat angewiesen. Warum tritt niemand im Stadtrat gegenüber dem Kanton selbstbewusster auf?
Fährt ein Auto weniger, wenn ich – einfach um Lärm zu machen – auf die Pauke haue? Eben. Darum will ich mit dem Kanton nach tragfähigen und wirksamen Lösungen suchen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2012, 07:42 Uhr

Corine Mauch

Die 51-jährige SP-Politikerin geht im Mai in ihr viertes Präsidialjahr. Sie hatte im Frühjahr 2009 als Gemeinderätin die Kampfwahl gegen Stadträtin Kathrin Martelli (FDP) gewonnen – im zweiten Wahlgang. Im ersten Durchgang war Martelli mit rund 1300 Stimmen noch vor Mauch gelegen, hatte aber das absolute Mehr nicht erreicht. Corine Mauch folgte im Präsidium auf Elmar Ledergerber (SP). Ein Jahr später bestätigten die Stimmberechtigten Corine Mauch als Stadtpräsidentin im Rahmen der Gesamterneuerungswahlen 2010. Der neunköpfige Zürcher Stadtrat hat nun die erste Hälfte der Legislatur absolviert, die nächsten Wahlen stehen in zwei Jahren an. Mauch gehört der SP seit 1990 an. Die diplomierte Agrarökonomin ist schweizerisch-amerikanische Doppelbürgerin und Tochter von Ursula Mauch, der früheren Aargauer SP-Nationalrätin (1979–1995). Mit ihrer langjährigen Lebenspartnerin, der Musikerin Juliana Müller, lebt Mauch im Quartier Unterstrass. (sth/sit)

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