«Ich war das erste Mal dort oben und rutschte»

An der Sihl entsteht das erste Bürogebäude der Schweiz, dessen tragende Konstruktion aus Holz besteht. Die Handwerker «turnen» auf dem TA-Neubau in einer Höhe von 22 Metern auf den schmalen Brettern.

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Beat Schweizer, Sie sind Zimmermann und eigentlich in Waldstatt im Kanton Appenzell Ausserrhoden zu Hause. Seit April arbeiten Sie am neuen TA-Gebäude im Herzen der Stadt Zürich und wohnen in Adliswil in einem Hotel. Haben Sie das temporäre Exil gewählt?
Ja und nein. Ich bin in der Feuerwehr und im Turnverein und darum gerne in der Ostschweiz tätig, sodass ich abends nach Hause kann. Der Polier hat mich angefragt, ob ich bei dieser Baustelle mitarbeiten will. Dieser Bau ist so speziell, dass ich zusagte. Ich kann ja immer noch am Freitagabend turnen.

Sie turnen ja auch auf dem Bau – in 22 Meter Höhe. Verschafft Ihnen Ihr Sport Vorteile auf dieser Baustelle?
Ja. Geht es um Balance, Körperbeherrschung und Koordination, hilft mir das regelmässige Training, wenn ich auf den Balken balancierend etwas vom Kran entgegennehmen und drehen muss.

Kennen Sie dabei keine Angst?
Nein. Angst ist nicht gut, aber den Respekt muss man immer behalten.

Kam es in den vier Monaten schon zu brenzligen Situationen?
Ja. Einmal kam ich ins Schwitzen. Ich war das erste Mal dort oben und rutschte, auf 22 Meter Höhe, auf einem Balken von 62 Zentimeter Breite – wir nennen es Autobahn –, und musste den Kran abhängen. Gefallen bin ich glücklicherweise nicht.

Sind Sie dort oben gesichert?
Selbstverständlich. Allerdings nicht wie die Kletterer vorne, sondern am Rücken. So dreht es uns nicht auf den Kopf, wenn wir fallen.

Sie und Ihre Kollegen sind zur Attraktion des Quartiers geworden. Pfeifen Ihnen die Frauen nach?
(Lacht.) Nein – wobei, doch. Allerdings weiss ich nicht, ob es eine Frau ist oder nicht. An der Werdstrasse pfeift jeweils jemand vom gegenüberliegenden Gebäude aus. Ich habe aber längst aufgehört zu suchen, wer das sein könnte und pfeif einfach zurück. Vor allem nach Feierabend bleiben viele Leute stehen und schauen uns bei der Arbeit zu. Einige von ihnen treten auch an die Abschrankungen und wollen wissen, was da entsteht oder fragen, ob das Holz am Schluss noch sichtbar sein wird.

Und, wird es?
Ja, von innen und von aussen.

Sie sagten zu, weil der Bau speziell ist. Was macht ihn für Sie aussergewöhnlich?
Die Dimensionen, die X-Tausend Kubikmeter Holz, die wir verbauen. Das ist sehr selten.

Sie setzen die Pläne eines Japaners um. Unterscheidet sich die Zusammenarbeit mit ihm von jener mit einem hiesigen Architekten?
Seine Präsenzzeit ist kleiner. Ich habe persönlich darum auch noch nie mit ihm persönlich zu tun gehabt. Sein Kontakt beschränkt sich auf die Bauleitung.

Gibt es wichtige Momente bei Ihrer Tätigkeit an der Werdstrasse?
Ja klar, einer von Ihnen wird die Aufrichte sein. Sie findet am 24. August statt und ist für uns wie ein Abschlussfest, ein Feierabendbier. Wir sehen dann, was wir erreicht haben, sprechen über unsere Erlebnisse.

Sie sind Zimmermann, ist das Ihr Traumberuf?
Ja. Natürlich habe ich auch schon mit dem Gedanken gespielt, etwas anderes zu machen. Ich fand aber nichts, das mich gleichermassen fasziniert hätte. Ich ging damals nach Kanada und arbeitete für zwei verschiedene Arbeitgeber. Danach stand für mich fest – diesen Weg will ich weitergehen. Ich habe beschlossen, mich zum Techniker Holzbau weiterzubilden. Zudem wird es einem bei solchen Baustellen nie langweilig.

Erstellt: 13.08.2012, 15:43 Uhr

(Video: Jan Derrer)

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