«Ich werde draussen sitzen – auch bei Regen»

Opernhaus-Intendant Andreas Homoki will am Samstag mit einer Live-Übertragung die Massen anlocken. Aber günstiger machen will er die Oper nicht.

Andreas Homoki. Bild: PD

Andreas Homoki. Bild: PD

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Wieso gehen nicht mehr Leute in die Oper?
So viel mehr Leute können gar nicht in die Oper gehen bei einer Auslastung von 85 Prozent im Schnitt. Natürlich ist die Oper nicht jedem vertraut. Da braucht es Vermittlungsarbeit. Manche Leute haben Berührungsängste. Sie glauben, sie müssten etwas davon verstehen. Das ist auch der Grund, warum wir «Oper für alle» machen. Wir möchten den Leuten auf unkonventionelle Art die Oper näherbringen und ihnen zeigen: Oper begeistert auch, wenn man sich nicht jahrelang damit beschäftigt hat. Man muss sich einfach darauf einlassen.

Mit «Oper für alle» wollen Sie die Oper fürs breite Publikum öffnen. Inwiefern ist Ihnen das in den vier Jahren Ihrer Intendanz gelungen?
In den letzten zwei Jahren kamen zu «Oper für alle» jeweils 10'000 Zuschauer, das finden wir schon beeindruckend. Letztes Jahr wären es bei schönem Wetter wohl noch mehr gewesen. Stellen Sie sich vor, wenn noch mehr kämen, müsste man neben dem Sechseläutenplatz ja auch noch die Strassen sperren! Doch im Ernst: Auch bei den Vorstellungen im Opernhaus merkt man, dass sich das Publikum verändert und auch verjüngt hat. Wir erreichen heute mehr Menschen mit unserem Angebot und konnten die Auslastung um rund fünf Prozent steigern.

«Wenn noch mehr kämen, müsste man neben dem Sechseläutenplatz die Strassen sperren.»

Bei der Liveübertragung auf dem Sechseläutenplatz mischen sich auch Hochkulturelle mit Normalos. Vergraulen Sie so nicht die klassischen Opernbesucher?
Nein, gar nicht. Es sitzen sogar viele aus dem Stammpublikum jeweils lieber draussen als drinnen. Eine Oper unter freiem Himmel zusammen mit 10'000 Leuten zu sehen, ist ein anderes Erlebnis als mit 1200 im Saal. Zudem sieht man die Vorstellung auf der Leinwand noch einmal anders, denn es gibt dort auch Grossaufnahmen.

Die Liveübertragung auf dem Sechseläutenplatz findet zum dritten Mal statt. Was hat sich verändert?
Neu ist dieses Jahr ist, dass wir den Leuten beim Vorprogramm auf der Leinwand einen Einblick hinter die Kulissen geben. Kurt Aeschbacher wird im Gespräch mit Mitarbeitern aus den unterschiedlichsten Abteilungen und mit Videoeinspielungen zeigen, was es braucht, um Oper und Ballett auf die Bühne zu stellen.

Was möchten Sie in Zukunft ändern?
Ich möchte einen Regler haben für gutes Wetter.

«Im ersten Jahr waren meines Erachtens einfach zu viele Veranstaltungen auf dem Platz»

Sie haben wiederholt gesagt, dass zu viele Events den Sechseläutenplatz belegen. Mit dem Anlass tragen Sie aber selbst dazu bei.
Ja, einen Tag lang. Und er ist voll mit Menschen und nicht mit Bauten oder Waggons. Bei «Oper für alle» ist der Platz frei begehbar, wir stellen nur eine Leinwand und ein paar kleine Cateringzelte am Rand auf. Ich habe diese Äusserung 2014 gemacht, als der neue Platz eingeweiht wurde. In diesem ersten Jahr waren meines Erachtens einfach zu viele Veranstaltungen auf dem Platz, er war fast durchgängig belegt. Das wird aber mittlerweile von der Politik auch so gesehen und es wird gegengesteuert.

Warum machen Sie keine Open-Air-Aufführung?
Unsere Inszenierungen sind für ein Opernhaus gemacht und brauchen aufwendige Bühnen- und Lichttechnik. Wenn man eine Open-Air-Aufführung machen wollte, müsste man die Inszenierung speziell dafür erarbeiten, wie beispielsweise in Bregenz. Bei Oper für alle möchten wir aber draussen zeigen, was wir drinnen auf der Bühne machen. Das ist ein anderer Ansatz.

Welche Massnahmen haben Sie sonst noch ergriffen, um die Oper aus ihrer elitären Ecke zu führen?
Wir machen Vermittlungsarbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen. Zum Beispiel geht unser Theaterpädagoge an Schulen und bringt Schülern in Workshops die Oper näher. Auch die ganze Kommunikation soll Zugänglichkeit ausstrahlen.

Wie schaffen Sie das?
Wir haben den kostenlosen Club Jung gegründet für 16- bis 26-Jährige. Der hat schon über 1000 Mitglieder, die sich an der Abendkasse jeweils Restkarten für 15 Franken kaufen können. Deshalb ist das Publikum auch jünger geworden. Jedes Jahr gibt es eine neue Kinderoper. Auch der Opernhaustag, wo alles 50 Prozent günstiger ist, macht die Oper zugänglicher. Denn nicht jeder kann sich Opernbesuche zum regulären Preis leisten.

«Um die Oper günstiger zu machen, müssten wir weniger Personal haben und ein Stück möglichst häufig spielen.»

Wieso ist die Oper so teuer?
Weil so viele Menschen mitarbeiten. Bis zu 250 Leute sind pro Abend im Einsatz, das ist unglaublich viel Manpower. Um dies günstiger zu machen, müssten wir weniger Personal hinter und vor der Bühne haben, weniger Neuproduktionen machen und ein Stück möglichst häufig hintereinander spielen. Das würde die Vielfalt im Spielplan extrem einschränken.

Das klingt doch machbar.
Ist aber für die Einwohner einer Stadt langweilig. Das funktioniert nur mit Tourismus. In New York oder London spielen die Musicals mehrere Jahre ein- und dasselbe Stück. Wer mehrmals pro Jahr dorthin geht, sieht immer dasselbe.

Was hat die Oper denn für jüngere Leute zu bieten?
Die Oper ist nicht veraltet oder verstaubt. Oper, wie wir sie verstehen und zeigen wollen, ist keine Museums-Oper, sondern lebendiges, emotionales Musiktheater. Die Themen aus 300 Jahren Operngeschichte können uns auch heute noch etwas berichten oder können uns bewegen, wenn sie zeitgemäss und glaubwürdig rübergebracht werden. Dabei geht es nicht um hippe Verkleidung oder ein möglichst modernes Bühnenbild, sondern um die glaubwürdige Darstellung der Geschichte. Es muss von Anfang an knallen und lebendig sein. Das ist insbesondere für Opern-Neulinge wichtig.

«Es muss von Anfang an knallen. Das ist insbesondere für Opern-Neulinge wichtig.»

Nochmals zurück zu «Oper für alle»: Was sind die Kriterien für eine Oper für alle?
Es muss ein populärer Titel sein. Also ein Special-Interest-Stück wie die «Hamletmaschine» hätten wir nicht genommen. Es muss von einem bekannten Komponisten sein, wie Tschaikowsky oder Verdi.

Am Samstag ist Regen angesagt. Fällt die «Oper für alle» dann ins Wasser?
Die Leute haben im letzten Jahr schon bewiesen, dass sie viel aushalten. Sollte es wirklich regnen, verteilen wir Pelerinen. Stattfinden wird der Event ganz sicher. Und ich erwarte auch dieses Jahr wieder 10'000 Besucher.

Wo werden Sie den Samstagabend verbringen?
Ich sitze draussen und schaue die «Oper für alle». Auch bei Regen. Meine Frau hat mir schon eine schlechte Wettervorhersage gezeigt und gesagt: «Wir halten durch.» Auch letztes Jahr haben wir mit der ganzen Familie im Regen gesessen und die «Oper für alle» genossen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.06.2016, 12:27 Uhr

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